| 1960-07-09 - Bericht zur Erkenntnistheorie |
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Casale Monferrato - Juli 1960Bericht zur ErkenntnistheorieAuf der Versammlung in Paris, auf der sehr wichtige ökonomische und soziale Thesen dargelegt wurden, waren auch jene Fragen ein Thema, die die offizielle Kultur gemeinhin unter dem Namen philosophischer Standpunkte subsumiert.
Auf den Versammlungen in Turin, in Parma, Mailand und Florenz haben wir diese Fragen ausführlich behandelt. Nur dass der Bericht über die letzte Versammlung in Florenz zwar die marxistische Ökonomie behandelte, wie es unsere Arbeit normalerweise auch verlangt, doch nicht die Erörterung der dort entwickelten philosophischen Fragen schriftlich festhielt. Der Bericht wird sich also mit dem der heutigen Versammlung überkreuzen, bzw. sie werden einander ergänzen.
So etwas bringt immer ein paar kleine Probleme mit sich. Einige Genossen hatten darauf gewartet, diese Texte zu bekommen. Wird darin - mögen sie gedacht haben - nicht vielleicht auch jene berühmte Frage aufgeworfen, die wir hinsichtlich der Hypothese diskutierten, ob es bezüglich der biblischen Erzählung der Zerstörung von Sodom und Gomorra vorstellbar ist, dass hier eine alte Erinnerung in religiöser Form überliefert wurde, nämlich die Ankunft von Wesen aus dem Weltall? Manche Genossen hätten die Texte also gerne gehabt. Wir werden das wohl noch nachholen. Jedenfalls referierten wir in dem Bericht natürlich nicht die ganze biblische Geschichte, die wir in Florenz erzählt hatten, werden das aber im Schlussteil des heutigen Berichts der Versammlung tun. Die Sommermonate kommen auch uns zupass, so dass wir das in Ruhe machen können.
Auf jener 3. Versammlung in Florenz sprachen wir, abgesehen von der marxistischen Ökonomie, worüber schon viel gesagt wurde, über die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" von 1844. Wir knüpften an den Schlussteil des Berichts über die Mailänder Versammlung an und sprachen über die berühmte Frage der Lösung der tausendjährigen Rätsel, an denen sich der Mensch abgearbeitet hat; die Gegensätze und Unvereinbarkeiten jener Rätsel sind in den Positionen des Marx'schen dialektischen Materialismus zu den berühmten Gegensätzen: Mensch - Natur, Empfindung - Denken, Bewegung - Ruhe, Genuss und Leiden, Objekt und Subjekt, Vorstellung und Tatsache etc. brillant aufgehoben1. Wir sprachen über die Bedeutung der Wissenschaft, des wissenschaftlichen Sozialismus. Wir erwähnten die moderne Technik, worauf wir hier zurückkommen werden, und unsere Position dazu. Wir legten den Standpunkt der marxistischen Schule zur Frage der menschlichen Erkenntnis dar bzw. versuchten ihn darzulegen.
Wenn wir die Erkenntnis, die Ideologie in all ihren Erscheinungsformen, die Literatur, die Religion, die Philosophie, als Überbaustrukturen ansehen, müssten wir imstande sein, auch hierfür, wie für die Produktionsweisen, ein historisches Schema aufzustellen. So wie bereits, in Umrissen, die Geschichte der Technologie, kann auch die Geschichte der Wissenschaft und die Geschichte dessen, was als Philosophie gilt, schematisiert werden; ein Schema der menschlichen Erkenntnis also. So wie sich menschliche Tätigkeit und Tradition entwickelt haben, so hat sich im Laufe der Jahrtausende, im Wechsel der Geschichtsepochen und der Kette einander ablösender großer Zeitbögen, über die wir schon mehrmals gesprochen haben, auch ihr Erzeugnis, eben die Erkenntnis entwickelt. Der Schlüssel unserer Position, gegensätzlich zu allen anderen, ist, dass zuerst das Handeln und danach das Denken kommt. Nicht umgekehrt. Das Wissen ist danach gekommen. Die verbreiteten und propagierten, schriftlich fixierten Gedankengebäude sind danach entstanden, sie sind aufgetreten, nachdem bestimmte Analogien in den Handlungsstrukturen entstanden waren.
Das ist der eigentliche Schlüssel zum Ganzen, den wir in Florenz benutzt hatten. Dann haben wir uns dem Ursprung des Denkens zugewandt, also eben der Frage, ob der Gedanke der Natur präexistent ist. Von dem Moment an, wo wir (d.h. immer: unsere Schule) den Gegensatz zwischen Mensch und Natur aufgehoben haben, von dem Moment an, wo wir nicht behaupten können, dass die Natur ohne den Menschen denkt, taucht eines dieser Dilemmata auf, ebenso bekannt wie das Dilemma, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war - ob nämlich der Gedanke vor der Materie entstanden ist, oder umgekehrt. Aus diesem Dilemma wollten wir dann, mehr zum Vergnügen und zum Pläsier, mit der Frage des außerirdischen Denkens herauskommen. Was uns wiederum zur Geschichte der Weltraumreisenden führte, die bei der Abreise durch das Ablassen ihres Treibstoffs das in der Bibel beschriebene Himmelsfeuer entfacht hätten, welches Sodom und Gomorra zerstört habe. So soll es ja auch aus den beim Toten Meer gefunden biblischen Schriftrollen hervorgehen.
Nach all dem kamen wir schließlich im Schlussteil zur Funktion nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Religion. Von der bürgerlichen Ansicht, wonach die Religion für Unwissenheit steht und mit dem Auftauchen der Wissenschaft zurückweicht, sind wir weit entfernt. Für uns antizipiert die Religion die Wissenschaft. Und wir kamen dann noch zur Frage des Unterschieds zwischen Kunst und Wissenschaft, womit wir auf die Frage antworteten, die sich einige bürgerliche Denker gestellt hatten, nämlich warum die wissenschaftlichen Entdeckungen so oft umgeschrieben und berichtigt werden, so wie ja die wissenschaftlichen Theorien im Allgemeinen provisorisch und vergänglich sind, während die großen Erzeugnisse des künstlerischen Denkens, die großen Meisterwerke, unverändert bleiben und Jahrtausende unversehrt überleben, wobei ihre Wirkung, ihre Macht, auf uns erhalten bleibt.
Wir legten die Theorie dar, wonach sich das nicht dadurch erklärt, dass „die Intuition schneller ist als der Verstand". Nach unserer Auffassung sind in den großen Kunstwerken die Worte übersetzt, die in den „erleuchtenden" Epochen, also den Revolutionsepochen, verkündet werden; während das wissenschaftliche Erbe ein Erbe der schläfrigen Epochen ist. In der Menschheitsgeschichte wäre das also das berühmte: quandoque bonus dormitat Homerus2.
Nach unserer Erläuterung wäre also Homer das Kind einer revolutionären Epoche, ebenso wie die großen Dichter. Dante betrat beim Morgengrauen der modernen Zeit die Bühne, und in einem gewissen Sinne auch Shakespeare. Ihre Werke sind unsterblich, denn sie entstanden in einer sich zur Reife entwickelnden Epoche (Epochen, die wir fortschrittliche Momente genannt haben), jenen seltenen Momenten, in denen die Menschheit einen Sprung hin zu neuen Errungenschaften macht. Die Wissenschaft hingegen hängt zu sehr von der Technologie ab, welche ihrerseits von den Verhältnissen der jeweiligen Produktionsweise abhängt. Und auf die Technologie, wie auf ihre Entwicklungen und Neuerungen, üben die Erhaltung der Produktions- und Eigentumsformen, wie auch die Staats- und Gesellschaftsordnungen, einen negativen Einfluss aus. Es wird also ein Druck ausgeübt, der der Entwicklung und dem Fortschreiten der Menschheit entgegenwirkt; und unter eben diesem Druck steht die sogenannte positive Wissenschaft.
So ist also die Kunst im Allgemeinen revolutionär und die Wissenschaft konterrevolutionär. So ist also die Kultur im Allgemeinen konformistisch und konterrevolutionär. Nach landläufiger Meinung tritt die Kultur im Künstler als Einzelphänomen „in Erscheinung". So zeigt sich also die Revolution stets nur den Minderheiten, den Avantgarden und Minderheitsparteien. Wenn sie, die Kultur, ihre Herrschaft über die Schule und Schulgelehrtheit, die Akademie und Kirche (es sind dies bloß den weitergebenen Ideologien äquivalente Formen) angetreten hat, dann wird sie fortschrittsfeindlich und konterrevolutionär.
Wir gelangten daher zu folgendem Punkt: In unseren verschiedenen Berichten haben wir die Frage nach der großartigen Begriffsbestimmung der in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten" enthaltenen Rätsel entwickelt. Wir gingen also darauf ein, und tun das jetzt auch, dass sich dieser Teil unserer Kritik (über die Evolution der Überbaustrukturen) vollkommen mit den anderen Berichten, die geschichtliche Untersuchungen betreffen, verbindet, oder verknüpft - wie mit dem Bericht über die dem Kapitalismus vorhergehenden Formen; oder den ökonomischen Untersuchungen, wie denen zu den heutigen amerikanischen und russischen ökonomischen Strukturen, oder zur im Marx'schen Hauptwerk enthaltenen Theorie des Kapitalismus.
Parallel dazu entwickeln wir die Kritik des philosophischen Denkens und kommen auf die berühmte Frage des Gegensatzes zwischen Materie und Denken zurück. In den verschiedenen Berichten haben wir den Inhalt unseres dialektischen Materialismus erläutert; und hier gibt es einen weiteren Nachweis dafür, dass die Intuition in bestimmter Hinsicht (wonach die erwähnten bürgerlichen Denker fragten) vor dem Verstand da ist, und die erste Wissenschaft, die entsteht, diejenige ist, welche den akademischen Systemen zufolge als letzte erscheint, also die Gesellschaftswissenschaft; während die Naturwissenschaft von Hause aus nur langsam Fortschritte machen kann. Dies, wie wir gleich sehen werden, gemäß einer weiteren, zur bürgerlichen Sichtweise im Gegensatz stehenden Anschauung.
Die Frage des berühmt-berüchtigten Gegensatzes zwischen Materie und Denken haben wir daher so beantwortet: Es ist die Materie, es sind die Formen, in denen die Materie erscheint, die die Formen, in denen sich das Denken manifestiert, erklären. Doch die Wissenschaft hat es noch nicht fertiggebracht, uns zu zeigen, wie dies im Individuum passiert; sie hat es noch nicht vermocht zu zeigen, wie das vor sich geht, wenn im Individuum eine Portion Koch- oder Bratfleisch „reingeht", und die Thesen, die wir gerade aussprechen, „rauskommen"; die Wissenschaft konnte noch nicht zeigen, wie der Prozess in den Mechanismen, in den für die Nahrungsaufnahme und Verdauung unseres Körpers zuständigen Organen bzw. bei der Aufnahme äußerer Energie überhaupt und der Produktion unserer Gedanken, abläuft.
Diese Beweisführung unseres Materialismus ist in den Gesellschaftswissenschaften belegt. Sie wird dann in die Wissenschaft vom Individuum, seine Physiologie übertragen werden - noch später in die Naturwissenschaften.
Ich spreche jetzt ein weiteres Paradox aus: Nehmt es so wie es ist und verzeiht, wenn ich Blödsinn rede. Es ist gut möglich, dass die Naturwissenschaften erst am Schluss kommen, also die sogenannten exakten Wissenschaften (von denen es heute heißt, sie durchliefen eine Krise), d.h. die Physik, die Chemie und jene Fachdisziplinen, die, um voran zu kommen, am meisten Gebrauch von mathematischen Algorithmen machen. Wie erklärt sich, dass das Wissen über das Individuum erst nach dem Wissen über die Gesellschaft entwickelt werden wird?
Die erste vollständig klare Wissenschaft ist die über die Gesellschaft, und dies gab uns die Gewissheit von der Bedingtheit des Denkens durch die Materie. Diese Gewissheit wird man später auch in der Wissenschaft des menschlichen Organismus haben. Wahrscheinlich wird man noch später zum exakten Wissen der rein physischen Dynamik kommen: der Wissenschaft vom Aufbau der Atome und von den atomaren Strukturen mit all ihren Ungewissheiten, die allesamt, so denken wir, erst nach der kommunistischen Revolution geklärt werden.
Die erste Gewissheit der Menschheit findet sich in der komplexesten Wissenschaft, in der Wissenschaft vom Menschen selbst als menschlicher Gesellschaft. Später wird sie die Wissenschaft vom Menschen als menschlichem Individuum lernen und errichten. Noch später die des Atoms als einem System, wobei die letzten Entdeckungen darauf hinweisen, dass dessen Aufbau immer größere Schwierigkeiten bereitet. Welche das kapitalistische System aus rein klassenmäßigen und technologisch interessierten Bedürfnissen heraus erklärt. Es forscht in einer unbestimmten und widerspruchsvollen Art und Weise, und bisher hat es nur eine einzige Sache entdecken können, nämlich den Tod, den Fluch und die Zerstörung der Menschheit.
Jene Wissenschaft wird also gegenüber dem heutigen negativen Zyklus in einen positiven eintreten. Hier müssen wir unseren Kampf gegen den Einfluss weiterführen, den der angebliche Fortschritt der kapitalistischen Technik und Wissenschaft stets auf das Proletariat ausgeübt hat. Dass sie sich weiterentwickeln, ist falsch, es ist total falsch. Es ist eine absolute, den gesellschaftlichen Tatsachen geschuldete Illusion; d.h. um die Menschen dazu zu bringen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, indem sie eine vollkommen nutzlose und zu neun Zehnteln schädliche Produktion konsumieren, rühmt man sich jener Hilfsmittel, durch die diese Produktion zustande gekommen ist. In den Erfindungen dieser Wissenschaft tauchen immer mehr Schwierigkeiten auf, die Richtung, die sie nehmen, wird immer absurder; es ist eine Wissenschaft, die, in ihrer Verwirrtheit, jenen einheitlichen Weg, der allein zu Wahrheiten führen kann, vollständig aus dem Blick verliert.
An dieser Stelle, an diesem Punkt der Darstellung, haben wir die Überschrift gesetzt: Der Fetisch der Wissenschaft und Technik. Alle großen Religionen und großen Mystiken sind in jedem der großen Zeitbögen, jedem der großen Menschheitszyklen, in der Gestalt erhabener Mystiken aufgetreten; sie sind dann in einer niedrigen Form, in der des Fetisches, gelandet. In der aufsteigenden Phase waren sie nützlich und fortschrittlich, in der absteigenden Phase degeneriert, sie nahmen das Aussehen eines Fetisches an. Für das Schicksal der Menschen war der Gott der Bergpredigt3 noch eine edle Erscheinung. Der Gott des Pfaffen, aus der letzten Zeit des Feudalismus, der sich wunderbarerweise in die Zeit des Kapitalismus hinüber gerettet hat, der Gott des Papstes, eines per Definition unproduktiven Arbeiters, ist laut Marx bloß noch ein Fetisch.
Marx schrieb ein Kapitel, um den Fetischcharakter der Ware zu zeigen. Die Ware war anfangs ja wirklich eine Errungenschaft. Denn in dem Moment, in dem es möglich wurde, dass ein kleines Gerät, etwa ein Taschenmesser oder eine Schere, die zuvor jeder selbst herzustellen hatte, zu einem Handelsartikel wurde, war dies ein Schritt nach vorn. Heute ist die Ware zu einem Fetisch geworden, wie Marx im seinem brillantesten Kapitel beweist. Der ihr innewohnende Tauschwert hat ihren Nutzen als Gebrauchswert, ihre anfängliche Funktion für den Menschen, erstickt. So wie die Ware zur Zeit Marx' zu einem Fetisch geworden war, und dies auf der Ebene der Gesellschaftswissenschaft und der der Ökonomie auch bewiesen werden konnte, können wir heute die hoch gerühmte moderne Technik und exakte Wissenschaft als Fetisch nachweisen; sie sind schlicht eine Karikatur, ein Freud'scher Komplex, das Milieu einer obskuren Bande, eine zur Gänze verabscheuungswürdige Machenschaft. Ihr Zweck ist eine ökonomische Machenschaft: die Produktion von Mehrwert in der niedrigsten und schäbigsten Form.
Um also das Rätsel lösen zu können, das wir behandelten, als wir über Sodom und Gomorra sprachen, d.h. dass das Denken der Materie nicht präexistent sein kann (die Alten dachten ja so, und um so zu denken, mussten sie sich Wesen, oder Götter, vorstellen, die noch vor den Menschen den Kosmos erschaffen haben; den Geist hat es demnach vor den stofflichen und organischen Körpern gegeben), um also dieses Rätsel lösen zu können, sind die heutigen Liebhaber der scharlatanischen Wissenschaft und der Science-Fiction wieder zum Angriff übergegangen. Dieses Mal nicht dadurch, dass sie wieder den Besuch außerirdischer Zivilisationen auf der Erde verkünden, die, weil sie schon viel länger als wir existierten, bereits vor Hunderttausenden von Jahren zu wissenschaftlichen Resultaten gekommen seien, von denen wir nicht den blassesten Schimmer hätten. Stattdessen behaupten sie nun, dass deren Geist übermittelbar sei und quer durch das Weltall hindurch mittels moderner Telekommunikation eine friedliche „Koexistenz" begründen könne.
Die Science-Fiction-Schriftsteller sind nun, bzw. schon eine ganze Weile, genötigt zuzugeben, dass Leben auf anderen Planeten des Sonnensystems nicht vorstellbar ist (unser Wissen war bis vor Kurzem, bis vor einigen Hundert Jahren, auf unser Sonnensystem begrenzt - obwohl das so, wie wir noch sehen werden, auch wieder nicht stimmt und dem bürgerlichen Universitätswissen folgt, denn die Alten hatten in Wirklichkeit ein ganz anderes Weltbild). Jedenfalls steht fest, dass nicht nur menschliches, sondern auch tierisches und wohl auch pflanzliches Leben auf anderen Planeten unseres Sonnensystems wissenschaftlich kaum anzunehmen ist; denn alle Voraussetzungen wie die Temperatur, der Magnetismus, die Elektrizität und Chemie ihrer Atmosphären sind mit Leben nicht vereinbar.
Wenn es anderswo Leben gibt, muss das auf zu anderen Sonnen gehörenden Planeten sein. Deshalb ist man bestrebt, die modernen Radioteleskope, die abgesehen von Lichtstrahlen auch die Hertzschen und elektromagnetischen Wellen empfangen können, auf jene von der Erdkugel weniger weit entfernten Sterne, die wahrscheinlich Planetensysteme haben, zu richten. Die der Erde am nächsten kommenden Sterne wären der Mira des Walfisch' und der Alpha des Eridanus4; man denkt sich, dass es in der Umgebung dieser Sterne, also in geringer Entfernung zum Himmelsmeridian, ein Planetensystem gibt und irgendeiner dieser Planeten mit der Erde vergleichbare Lebensbedingungen aufweist. Da man heute mit Milliarden von Sternen rechnet, von denen jeder -zig Planeten haben kann, gäbe es trotzdem eine Chance, wenn auch nur von eins zu hunderttausend, dass hin und wieder ein Planet gefunden werden kann, der denkende Wesen beherbergt. Und dann müsste beweisbar sein, dass von diesem System, von diesen Planeten, Funksignale gesendet werden, die die großen, modernen Suchgeräte, die Radioteleskope, empfangen können, so dass man sie aufzeichnen kann.
Die Wissenschafter sagen, dass sie daran forschen und dass diese Forschung Erfolg haben könnte. Doch es ist nicht gesagt, dass es möglich ist, Funksignale von Sternen, die uns am nächsten sind, aufzufangen - es handelt sich hier um Entfernungen, die nicht einmal mehr Hunderte von Millionen Kilometern betragen, sondern Lichtjahre. Auch wenn es stimmt, dass die von den Russen ins All geschossenen Sputniks und Luniks sowie die von den Amerikanern losgeschickten Pioneers bereits Signale über eine Million Kilometer weit gesendet haben, dürfte es doch schwierig sein, sie Tausende von Millionen Kilometer weit zu senden, denn die Stärke eines im All in alle Richtungen gesendeten Signals vermindert sich mit dem Quadrat der Entfernung. Es ist daher wenig wahrscheinlich, ein Funksignal aufzufangen, das von einem zum Planetensystem des Mira Ceti oder Alpha Eridanus oder einem anderen Stern in der Nähe unserer Erde gehörenden Planeten gesendet wird. Die Entfernung ist unserer Ansicht nach so groß, dass das Signal nicht ankommen würde. Wenn Signale ankommen, sind es auf kosmische Strahlung zurückzuführende Signale, die sich aus interstellaren Energiequellen speisen, über die wir sehr unklare Kenntnisse haben; wahrscheinlich wären sie dann von solcher Stärke, dass unsere Lauscher schwer beeindruckt wären.
Doch die dieser Hypothese anhängenden Wissenschafter sagen Folgendes: Wenn es gelingen sollte, solche Signale auszumachen, und vorausgesetzt, man kann ausschließen, dass es sich um ein, einem Naturphänomen geschuldetes, beliebige Schwankungen und Wechsel aufweisendes Signal handelt, sondern um ein durchdachtes, insofern es Diskontinuitäten hat (eine Art - um eine ungefähre Vorstellung davon zu geben - von Punkten und Linien wie beim Morsealphabet), wäre die Tatsache, es nicht entschlüsseln zu können, bloß ein technisches Problem, kein intellektuelles, denn wenn wir in der Lage sind, es aufzufangen, werden wir wiederum auch in der Lage sein, es zu entschlüsseln.
Das ist ein wenig wie in der Episode mit der Polizei, die damit angab, jedwede Geheimschrift dechiffrieren zu können. Beim Prozess in Rom 1923 hatte sie tatsächlich einige unserer Geheimschriften entschlüsselt. Zu unserer Verteidigung führten wir an, es stimme zwar, dass jede Geheimschrift zu entschlüsseln sei, doch ebenso, dass dies in beliebiger Art und Weise geschehen könne. Wenn sie es also auch hier geschafft hätten, sei dies keinesfalls ein juristischer Beweis, um uns verurteilen zu können: Denn es wären ja sie gewesen, die all diese Schriftzeichen in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet hätten. Und wir zitierten aus dem berühmten Roman „Gullivers Reisen", in dem dieser verurteilt wird, weil er folgenden Satz geschrieben hatte: „Mein Bruder Tom hat Hämorriden". Anagrammatisch5 diese Worte ins Englische überführt, hieß es dann: „Ich Tom, werde den König töten". Was als Beweis diente, ihn aufzuknüpfen, denn er hat ja auf jenes Stückchen Papier geschrieben, den König aufhängen zu wollen. D.h. mit ein wenig guten Willen lassen sich Geheimschriften zwar dechiffrieren, doch heraus kommt das, was man herausbekommen will. Nur mit unserem Schlüssel, und den besitzen allein wir, lassen sich solche Schriften lesen. Einem juristischen und bürgerlichen Mechanismus gegenüber war das ein nicht ungeschicktes Manöver seitens nicht ganz dummer Angeklagter aus der Defensive heraus, um ihnen zu zeigen, dass ihre Entschlüsselung nichts wert war.
Nun, diese Wissenschafter sagen jedenfalls, sie könnten die Botschaften aus dem All immer entschlüsseln. [...] Dem liegt eine alte Anschauung zugrunde, nämlich dass alles auf ein- und denselben Ursprung zurückgeht. Deshalb dachte Schiapparelli auch, als er eines Nachts den Mars beobachtete, er würde auf dem Mars Kanäle in linienförmigen Strukturen sehen, und als in seinem Fernrohr geometrische Figuren auftauchten, erblickte er darin regelmäßige Polygone (Drei-, Vier und Sechsecke), den Satz des Pythagoras etc.6 Das bewies also, dass die Marsmenschen so denken wie wir. Und dies wäre dann eine Beweisführung auf anderem Wege dafür, dass sich jede denkende, auf verschiedenen Planeten geborene Menschheit dieselbe Mathematik, dieselbe Geometrie schafft, d.h. dasselbe Zahlensystem, dieselben Intervalle in der Musik hat, und wenn man also ein in ihrer Sprache verschlüsseltes Signal empfängt, man es auch entschlüsseln kann. Das stimmt insoweit, als dass wir höchstens behaupten könnten - wenn wir statt des Gesagten festhalten, dass das Denken ja aus der Materie entsteht, und weil die Erkenntnis eine Funktion der Entwicklung der Gattung ist -, dass aller Gedankenaustausch und alle Sprachen einen gemeinsamen Ursprung haben und sich aufeinander zurückbeziehen lassen. Doch bis dahin hat man es noch nicht gebracht, weil man z.B. die Sprache der Etrusker nicht zu lesen vermag. Also auch dieses System, das einen gemeinsamen Ursprung unterstellt, würde völlig undechiffrierbar sein, es sei denn, man erklärt es, indem man wieder zur idealistischen Annahme flüchtet, wonach jeder, der denkt, jeder, der schreibt oder einen Text verfasst, um einen Gedanken mit dem anderen zu verbinden, ein Muster, ein System musikalischer Notation anwendet. Wenn es sich z.B. um Musik handelte, müsste es aus der Tonleiter Giudo d'Arezzos entstanden sein.7 Man könnte dahin zurückkehren. Das ist nun aber keineswegs bewiesen. Es ist offensichtlich eine durch idealistisches Denken entstandene willkürliche Annahme, die gemeinhin dazu dient, die Hirne zu vernebeln. Und damit würde man zur wesentlich idealistischen Hypothese zurückgekehrt, wonach am Anfang der Geist ist.
Man könnte nun vertreten, dass es ja auch eine materialistische Erklärung dafür geben könne. Im Grunde sagt ja unser Materialismus: Auch wenn wir noch nicht wissen, wie das funktioniert, dass - bevor wir etwas wissen, etwas denken, etwas sagen, was durch unsre Köpfe hindurchgeht und just in diesem Moment aus unseren Mündern kommt - etwas verarbeitet wird, was in unserem Organismus, seinem tierischen, seinem pflanzlichen Dasein, vor sich geht; dass dieses pflanzliche Leben seinerseits, in letzter Instanz, ein und derselben Materie entstammt, die sich chemisch in bestimmte Arten teilt; dass sich diese Arten nach der atomaren Zusammensetzung unterscheiden, nach dem Aufbau des Atom, der sich als immer komplexer herausstellt (seine zahlreichen Teilchen: Sigma, Antisigma8, Protonen, Neutronen, Elektronen), dass das eigentliche Elementarteilchen das Elektron ist, dass die ganze Welt aus lauter sich gleichen Elektronen besteht, dass man ausgehend von diesen Elektronen, und sie zusammensetzend, alle 92, dann 100 Atomarten9 erhält, d.h. ebenso viele chemische Elemente, dass wir dann zu den Molekülen kommen, von den Molekülen zu den Zellen, von den Zellen zu den Menschen, von den Menschen zu den Gesellschaften, mit denselben Kenntnissen; wenn daher die Materie im ganzen Kosmos dieselbe ist, wird schließlich auch die Erkenntnis im ganzen Kosmos dieselbe sein - was wir dann behaupten könnten, wenn es gelänge, von jenen Millionen von Millionen von Kilometern entfernten Planeten Signale aufzufangen, und wenn es gelänge, sie zu entschlüsseln. Man hätte aber nur das eben Gesagte bewiesen, nicht mehr. Man hätte damit noch nicht bewiesen, dass es vor allen Systemen und vor allen Planeten einen Gott, oder einen Geist, gegeben hat, der alle Planeten, alle Sonnen, erschaffen hat, und alle Menschengeschlechter, bzw. jene wenigen Geschlechter, die an einige Punkte im Universum zu stellen er für gut hielt.
Als wir den Maßstab an Kunst und Wissenschaft legten, ihren Begriff bestimmten, erwähnten wir den der Mystik und Wissenschaft. Dazu werde ich ein Zitat aus einem in „L'Unità"10 veröffentlichtem Artikel anführen, der sehr gut die kleinbürgerliche und bornierte Sichtweise hinsichtlich der Frage verdeutlicht, wie die Erdenbewohner ihren Werdegang verwirklicht, ihre Errungenschaften gemacht haben. Vor Tausenden von Jahren hat die Kunst die Wissenschaft antizipiert und gezeigt, dass sie mehr Wirklichkeit hat als die ersten wissenschaftlichen Gehversuche. Die ersten Versuche wissenschaftlicher Lehre durch die Eleaten und dann durch die Atomisten sind untergegangen. Sie wurden später, in den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft, durch die ganz anderen Lehren Galileos, Lavoisiers, Miltons ersetzt. Heute soll all dies durch neue, von den Ultra-Modernen bejubelte Entdeckungen revolutioniert werden, während die Früchte des alten Wissens (der Kunst) bestehen bleiben.
Als analytisches Instrument ist die Kunst offenbar nicht so genau und kraftvoll wie die Wissenschaft; da sie aber als Instrument der Synthese dieselbe antizipiert hat, ist sie ihre erste Erscheinungsform. Dasselbe lässt sich von der Mystik sagen, die sich mit der Kunst vermischt. Religion ist Kunst, ist Gesang, ist Tanz. Die ersten Ehrfurchtsbezeigungen gegenüber Gott, d.h. die erste ursprüngliche und intuitive Form, die Komplexität der Erscheinungen, die der Kosmos um uns herum ausbreitet, zu bewerten, äußerte sich als Klang, als Musik, als Gesang, als Tanz. Die ersten Gedichte sind Gesänge. Und es heißt, der Aöde (es gab wohl nicht mehr als 12 oder 13 von ihnen, die ihre Rhapsodien vortrugen)11, der blinde Sänger Homer, zog, seine vertonten Gedichte singend, von Stadt zu Stadt; auch weil gesungene Dichtung (zumal die Schrift noch nicht verbreitet war und die Mnemonik12 angewandt wurde) besser erinnert und genauso wiedergegeben wird. Es ist eine Art und Weise der Weitergabe, der Vererbung. Auch hierin geht die Kunst der Wissenschaft weit voraus, die Jahrhunderte, Jahrtausende warten musste, um die Schrift zu entdecken, Jahrhunderte, um den Buchdruck zu entdecken, das gedruckte Alphabet, die Schreibmaschine, die Kopiergeräte etc., womit wir bescheiden unser Abc bearbeiten. Damals gab es ein einfaches System dafür, man sang die Dichtung, vertonte sie also. Auch das Lied war vor dem gesprochenen Wort, die Dichtung vor der Prosa, die Kunst - ebenso wie die Religion - vor der Wissenschaft.
Nichts von all dem war nutzlos oder vergeblich. Vielmehr sind die großen Fortschritte diesen wenigen von Leben strotzenden, fruchtbaren Epochen zu verdanken, die den langen Weg des Menschengeschlechts in bestimmten Abständen markierten. Die Kunst ist deshalb Revolution. Der Konformismus ist Fetisch, ist Deformation, eine kleine auswendig aufgesagte Lektion, wie ein Schüler sie radebrecht, wenn er sie aufsagt, aber nicht vorzutragen, nicht in Sprache zu fassen weiß. So wie es in fast allen Schulen vor sich geht, in fast allen Kirchen, fast allen Akademien und modernen Universitäten.
Der heutige Konformismus in der Technik und Wissenschaft ist daher nur ein Fetisch. Die Geisteshaltung, in der die Proletarier die bürgerliche Technik und Wissenschaft benutzen, ist eine gänzlich bürgerliche und konterrevolutionäre Mentalität. Es stimmt, es gibt den von Marx, und Lenin, gesehenen Aspekt, wonach die Ergebnisse der modernen industriellen Technik nützlich gewesen sind, nützlich, um einen jener Vorwärtssprünge zu machen. Diese, vor 200 Jahren gestellte Frage haben wir so beantwortet: Weil ja die ersten Proletarier die Frage dahingehend gestellt haben, dass sie die Maschinen stürmen wollten, und das war damals die richtige Haltung. Dies ist wahrhaft revolutionär gegenüber der Epoche der Inversion, der Degeneration und Verdummung, in der wir uns als proletarischer Partei befinden. Im Vergleich zu der Situation, in der wir den Mut hatten, die Neuerungen zu missachten, haben wir viele Rückschritte gemacht. Damals hingegen musste die marxistische und kommunistische Theorie die Arbeiter davon überzeugen, diese neue Organisation der Arbeit anzunehmen, weil sie dazu taugte, von der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft genutzt zu werden, wenn auch völlig anders als die bürgerliche Gesellschaft - diametral gegensätzlich zu ihr, in vollkommen revolutionärer Art und Weise und im Einklang mit den Bedürfnissen der vergesellschafteten Menschheit.
Beim Bauwerk des ungeheuren Denkmals der menschlichen Erkenntnis versuchen wir - in den Fußstapfen dessen, was Marx und Lenin schrieben - zu zeigen, dass alles wichtig ist, auch in den ursprünglichen Formen der Mystik und Religion, der künstlerischen Überlieferungen und Denkmäler.
Doch für die heutigen, angeblichen Kommunisten, wie dem Artikelschreiber der „Unità", hat die Wissenschaft erst vor Kurzem, vor gerade mal 360 Jahren das Licht der Welt erblickt. Sie setzen 360 Jahre anstelle der 360 Jahrhunderte, in denen die Menschheit bestehen musste und Stück für Stück die ersten Denkmäler errichtete, die sie dann bersten ließ, um auf deren Trümmern andere zu errichten und die erreichten Errungenschaften in einer wahrhaft ungeheuren und riesigen Geschichte zu synthetisieren. Doch die Modernen sind dermaßen intus et in cute13 bürgerlich, dass für sie alles erst vor 360 Jahren mit Galileo, Descartes, Newton beginnt. Niemand ist ein größerer Bewunderer Galileos und der revolutionären Kraft seines Geistes als wir. Doch er selbst zeigte, dass seine Wissenschaft eben deshalb reif war, weil er die Resultate seiner Vorgänger, bis hin zu Aristoteles und noch davor, richtig verdaut hatte.
Jene Kerlchen aber, unsere Modernen, sagen: Wir dürfen uns nun als Kosmopoliten fühlen, denn der moderne Mensch ist mit dem Kosmos ganz anders vertraut als die Alten. Nichts davon ist wahr. Das Gegenteil ist richtig. Wir können uns nicht einmal gedanklich im Kosmos bewegen, ohne Blödsinn zu reden. Es waren gerade die Alten, die dem Denken keine Grenzen gesetzt sahen. Sie teilten den Menschen in Leib und Seele auf, der denkende Mensch als unwägbare Einheit von beidem, und das gab ihm die Freiheit, im Weltenall umherzuschweifen. Er war dort im Himmel, auf Planeten und Sternen, die von den Göttern, die unser Handeln leiteten, an ihre Plätze gestellt waren; es waren die Sterne, die uns lenkten.
Aber heute wissen wir uns nicht mehr von der Erdkugel zu erheben, auch wenn die Sputniks und Pioniers davon abheben.
Wenn wir nun erklären sollen, wie wir zu dieser unserer Aussage kommen, antworten wir: Weil Einstein die Anschauung des Unendlichen erklärt, verändert hat. Zu Anfang glaubten wir, unser Geist könne unendlich fortschreiten. Ausgehend von der Erde kann ich mich in gerader Linie in den Himmel stürzen. Eine Stunde vergeht, der erste Tag, das erste Jahr, der Weg hört nie auf, die äußerste Grenze des Universums ist unerreichbar. Einstein, und nicht allein er, hat hingegen gezeigt, dass sich der Raum krümmt; es ist nicht möglich, im Weltraum eine rechtwinklige Figur aus geraden Linien zu zeichnen, man kann nur Linien zeichnen, die in sich selbst zurücklaufen. Daher wird auch die Bahn einer von der Erde ausgehenden elektrischen Ladung oder eines Lichtphotons in sich selbst zurückkehren, es wird irgendwann an seinen Ausgangspunkt zurückkehren. Doch soweit sind diese Wissenschafter nicht gekommen, sie haben nur gesagt, man müsse sich - um bestimmte Phänomene zu entziffern und den mathematischen Algorithmus zu finden, der bestimmte durch die moderne Experimentalphysik bestätigte Effekte fassen kann - statt der räumlichen euklidischen Geometrie mit geraden Linien die Riemannsche Geometrie mit gekrümmten Linien, die Räume mit beliebiger Dimension beschreibt, vorstellen.
Jedenfalls machen diese Herren von all dem nur Gebrauch, um festzustellen, dass die Wissenschaft für den Menschen gerade mal 360 Jahre besteht. Immerhin nicht erst seit der russischen Revolution oder dem 20. Parteitag Chruschtschows - das wäre allerdings konsequenter. ***In den „Grundrissen" spricht Marx von der Arbeit, die eine Lust wird, ein Genuss. Er erkennt Fourier das große Verdienst zu, „die Aufhebung nicht nur der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höherer Form als letztes Ziel ausgesprochen zu haben."
Die „freie Zeit, die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit ist", verwandelt ihren „Besitzer natürlich in ein andres Subjekt, und als dies andre Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozess. Es ist dieser zugleich Disziplin, mit Bezug auf den werdenden Menschen betrachtet, wie Ausübung, Experimentalwissenschaft, materielle schöpferische und sich vergegenständlichende Wissenschaft mit Bezug auf den gewordenen Menschen, in dessen Kopf das akkumulierte Wissen der Gesellschaft existiert" [MEW 42, S. 607].
Für den werdenden wie für den gewordenen Menschen ist dieser Prozess, „soweit die Arbeit praktisches Handanlegen erfordert und freie Bewegung, wie in der Agrikultur", auch eine Übung. Wer also gut denken soll, muss auch bei guter Gesundheit sein; wir werden ihn also, jedenfalls solange er jung ist, ein paar Säcke schleppen lassen, damit er leistungsfähig bleibt; und dann werden wir ihm sagen: Jetzt geh' dich ausruhen, damit du dann Philosophie, Wissenschaft etc. betreiben kannst.
Es gibt da einen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, den Marx zitiert, John Bellers, ein wirklich kluger Ökonom und Bohemien seiner Zeit. Er sprach über Erziehung, zu der auch die produktive Arbeit gehört: „Müßig Lernen ist wenig besser als das Lernen von Müßiggang...". Arbeit - Müßiggang. „Körperliche Arbeit hat Gott selbst ursprünglich eingerichtet". Zu jener Zeit benutzt Bellers den Ausdruck „Gott", doch dem Sinn nach stimmt es trotzdem.
„Arbeit ist so notwendig für die Gesundheit des Körpers, wie Essen für sein Leben; denn die Schmerzen, welche man sich durch Müßiggang erspart, wird man durch Krankheit bekommen." Die sogenannten Zipperlein im Alter usw. Wie schön der folgende Satz ist! „Arbeit tut Öl auf die Lampe des Lebens, Denken aber entzündet sie..." Und dann: „Eine kindisch dumme Beschäftigung (...) lässt den Geist der Kinder dumm" [MEW 23, S. 513]. Ein wunderschöner Satz, das mit der Arbeit und der Lampe des Lebens... Daher zuerst die Arbeit, dann das Denken, zuerst die Tätigkeit, dann die Wissenschaft und Philosophie. Das gilt historisch für die Menschheit und gesellschaftlich für den Menschen.
Ich lese euch jetzt noch eine berühmte Stelle vor: „Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun..." [MEW 3, S. 33)]. Hier haben wir wieder den Begriff der Rückkehr.14
Wir haben hier noch ein wenig aus der Polemik mit Stirner, den Engels in der „Deutschen Ideologie" Sancho nennt, denn er ist der Begründer des Individualismus, des Einzigen, des alles überragenden Menschen: „Wie immer hat Sancho hier wieder Unglück mit seinen praktischen Exempeln. Er meint. Niemand könne ‚an Deiner Stelle'" [an Mozarts] „'Deine musikalischen Kompositionen anfertigen, Deine Malerentwürfe ausführen. Raffaels Arbeiten könne Niemand ersetzen.' Sancho könnte doch wohl wissen, dass nicht Mozart selbst, sondern ein Anderer Mozarts Requiem größtenteils angefertigt und ganz ausgefertigt, dass Raffael von seinen Fresken die wenigsten selbst ‚ausgeführt' hat. Er bildet sich ein, die sogenannten Organisateure der Arbeit15 wollten die Gesamttätigkeit jedes Einzelnen organisieren, während gerade bei ihnen zwischen der unmittelbar produktiven Arbeit, die organisiert werden soll, und der nicht unmittelbar produktiven Arbeit unterschieden wird. In diesen Arbeiten aber soll nach ihrer Meinung nicht, wie Sancho sich einbildet, Jeder an Raffaels Statt arbeiten, sondern Jeder, in dem ein Raffael steckt, sich ungehindert ausbilden können" [MEW 3, S. 377].
Wer weiß, wie viele Mozarts und Raffaels uns entgangen sind, weil sie in einer Werkstat eingepfercht waren, um andere Arbeiten auszuführen. „Sancho bildet sich ein, Raffael habe seine Gemälde unabhängig von der zu seiner Zeit in Rom bestehenden Teilung der Arbeit hervorgebracht. Wenn er Raffael mit Leonardo da Vinci und Tizian vergleicht, so kann er sehen, wie sehr die Kunstwerke des ersteren von der unter florentinischem Einfluss ausgebildeten damaligen Blüte Roms, die des zweiten von den Zuständen von Florenz, und später die des dritten von der ganz verschiedenen Entwicklung Venedigs bedingt waren. Raffael, so gut wie jeder andre Künstler, war bedingt durch die technischen Fortschritte der Kunst, die vor ihm gemacht waren, durch die Organisation der Gesellschaft und die Teilung der Arbeit in seiner Lokalität und endlich durch die Teilung der Arbeit in allen Ländern, mit denen seine Lokalität im Verkehr stand. Ob ein Individuum wie Raffael sein Talent entwickelt, hängt ganz von der Nachfrage ab, die wieder von der Teilung der Arbeit und den daraus hervorgegangenen Bildungsverhältnissen der Menschen abhängt. Stirner steht hier noch weit unter der Bourgeoisie, indem er die Einzigkeit der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit proklamiert. Man hat es bereits jetzt für nötig gefunden, diese ‚einzige' Tätigkeit zu organisieren. Horace Vernet hätte nicht Zeit für den zehnten Teil seiner Gemälde gehabt, wenn er sie für Arbeiten angesehen hätte, ‚die nur dieser Einzige zu vollbringen vermag'. Die große Nachfrage nach Vaudevilles und Romanen in Paris" (das ist die wirkliche Geschichte) „hat eine Organisation der Arbeit zur Produktion dieser Artikel hervorgerufen, die noch immer Besseres leistet als ihre ‚einzigen' Konkurrenten in Deutschland. In der Astronomie haben es Leute wie Arago, Herschel, Encke und Bessel für nötig gefunden, sich zu gemeinsamen Beobachtungen zu organisieren, und sind erst seitdem zu einigen erträglichen Resultaten gekommen" [MEW 3, S. 378].
Auch heute werden, wie ihr wisst, Braintrusts konzipiert. Wir können es nun gut sein lassen mit den Künstlern und Schriftstellern. Wir werden später diesen Begriff der Kunst noch einmal aufnehmen. Die letzte Textstelle ist jene, die wir vor einigen Jahren herausbekommen haben. Ich weiß nicht mehr, ob wir sie schon benutzt haben. Noch ein paar Worte zur unproduktiven Klasse, und dann ein kurzer Schlussteil.
An einer Stelle in seinem „Der Reichtum der Nationen" lässt Smith seinem Hass auf die unproduktive Klasse freien Lauf: „Die Arbeit einiger der angesehensten Stände der Gesellschaft ist ebenso wie die der Dienstboten, nicht wertbildend (...) So sind zum Beispiel der Souverän mit allen seinen Justizbeamten und Offizieren, die unter ihm dienen, die ganze Armee und Flotte unproduktive Arbeiter. (...) In die gleiche Klasse gehören (...) Geistliche, Juristen, Ärzte, Literaten und Gelehrte aller Art; Schauspieler, Possenreißer, Musiker, Opernsänger, Balletttänzer usw." [MEW 26.1, S. 130].
Smith hat hier für seine Zeit noch nicht den Ingenieur aufgeführt. Wir haben beschlossen, dass sich die Ingenieure all diesen anderen Herrschaften zuzugesellen haben.
Die Sprache Smith' ist die der noch revolutionären Bourgeoisie, die sich noch nicht der Gesellschaft, des Staates bemächtigt hat. Der Staat, die Kirche, sind nur als Organe der Verwaltung und der gemeinsamen Interessen nötig.
Ich habe euch nicht die Stelle über die unproduktiven Arbeiter vorgelesen. Es werden zwei Beispiele angeführt, die den unproduktiven Arbeiter vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion aus bestimmen: den Papst und, entschuldigt, die Hure. Da die unproduktiven Arbeiter zu den faux frais16 der Produktion gehören, sollen diese möglichst auf das notwendigste Minimum reduziert werden. Die historische Bedeutung dessen liegt darin, dass dies, solange die Bourgeoisie revolutionär auftritt, den Anschauungen der Antike, und der aus der mittelalterlichen Revolution hervorgegangenen absoluten und aristokratischen Monarchie diametral entgegengesetzt ist. Damals erklärte sie all jene für unproduktive Arbeiter und strich all den Pfaffen schlicht ihre Revenue. Aber von der Zeit an, in der die Bourgeoisie begann, das Terrain zu beherrschen und sich den Staat zu unterwerfen, war es Zeit für sie, mit den alten Gewalthabern Kompromisse zu schließen, von der Zeit an, in der sie begann, die Ideologen als Fleisch von ihrem Fleisch anzusehen, hat sie sie überall zu ihrem Organ gemacht, sie nach ihrem Bild geformt. Und seit sie genug Bildung besitzt, um nicht nur produzieren, sondern auch höhere Genüsse konsumieren zu wollen, und seit sich die intellektuellen Arbeiter immer mehr der Bourgeoisie andienen, ist diese bemüht, sie, die sie ja bisher bekämpft hatte, unter ökonomischem Gesichtspunkt zu rechtfertigen. Dies geht Hand in Hand mit dem Eifer der Ökonomen, die selbst pfäffisch sind, und der Beflissenheit der Professoren etc., die ihren Nutzen unter Beweis zu stellen und ihre, recht üppigen, Gehälter zu rechtfertigen suchen.
Dann gibt es noch die Kritik Marx an Ricardo. Was Letzterer vergisst hervorzuheben, ist das beständige Wachstum der Mittelklassen, die sich zwischen den Arbeitern einerseits und den Kapitalisten und Grundeigentümern andererseits eingerichtet haben und hauptsächlich von der Rente des Kapitals leben. Sie lasten mit ihrem ganzen Gewicht auf der Arbeiterklasse und festigen den sozialen Frieden sowie die gesellschaftliche Macht der herrschenden Klassen.
Quellen:„Rapporto sulla teoria della conoscenza": Comunismo, Nr. 37, 1994. * * *MEW 3: Marx/Engels - Die deutsche Ideologie, 1845/46. MEW 23: Marx - Das Kapital I, 1867. MEW 26.1: Marx - Theorien über den Mehrwert I, 1862/63. MEW 40: Marx - Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844. MEW 42: Marx - Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857/58.
1 „Aufheben" hier im „philosophisch"-dialektischen Sinn: Etwas wird negiert, um in neuer Qualität wiederzuerscheinen. 2 Quandoque bonus dormitat Homerus (lat.): „Manchmal schläft sogar der große Homer.": Aus der „Ars poetica" des Horaz. Das vollständige Zitat lautet: „Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus" („Ich ärgere mich, wenn auch der vortreffliche Homer einmal schläft.") 3 Nach dem Neuen Testament bildet die Bergpredigt den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu.
4 Nach heutigem Wissensstand (2000) ist Achernar (auch bekannt unter Alpha Eridani) der hellste Stern im Sternbild Fluss Eridanus, während Epsilon Eridani in demselben Sternbild der drittnächste Stern der Erde ist. 5 Ein Anagramm ist eine Umstellung von Buchstaben eines Wortes zu neuen Wörtern mit neuem Sinn, wie z.B. bei einem Buchstabenversetzrätsel.
6 Schiapparelli, Giovanni (1835-1910), italienischer Astronom, der durch seine Marsbeobachtungen weltbekannt geworden war. 1965 wurden die Marskanäle als optische Täuschungen, wahrscheinlich Geländeabstufungen, identifiziert. 7 Arezzo, Guido von (992-1050): Benediktinermönch, Musiktheoretiker. Vor Arezzo (lebte um 1000) benutzte man für die musikalische Notation Zeichen, die keinen Aufschluss über die genaue Länge oder Höhe des Tons zuließen.
8 Sigma, heute in der Physik als Hyperon bezeichnet, zur Klasse der Baryonen gehörendes, zusammengesetztes Teilchen, das aus drei Quarks besteht.
9 Heute sind 114 Elemente bekannt.
10 L'Unità: Tageszeitung und offizielles Sprachrohr der KP Italiens (PCI). 11 Der Aöde ist ein Dichter-Sänger; Rhapsodien sind vorgetragene und vorgesungene epische Gedichte. Mit der Einführung der Schrift um 800 v. u. Z. verlieren die Aöden zunehmend an Bedeutung, an ihre Stelle treten die nicht selbst schöpferisch tätigen, nur rezitierenden wandernden Sänger: die Rhapsoden.
12 Mnemonik (grch.), heute Mnemotechnik: Gedächtniskunst, entwickelt Merkhilfen (Eselsbrücken) z.B. als Merksatz, Reim, Schema oder Grafik. Neben kleinen Merkhilfen gehören zu den Mnemotechniken aber auch komplexe Systeme, mit deren Hilfe man sich an ganze Bücher, Listen mit tausenden von Wörtern oder tausendstellige Zahlen sicher erinnern kann.
13 intus et in cute (lat.): innen und auf der Haut. 14 Siehe die „Ökonomisch-Philosophische Manuskripte": Der Kommunismus weiß sich schon „als Reintegration oder Rückkehr des Menschen in sich, als Aufhebung der menschlichen Selbstentfremdung". Und: „...Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen" [MEW 40, S. 536].
15 Gemeint sind die utopischen Sozialisten wie Fourier, Owen etc. 16 Faux frais (frz.): Nebenkosten. |
