Alter Maulwurf

Filo del tempo

1953-06-25 - Tanz der Marionetten

Faden der Zeit [117]

Tanz der Marionetten: Vom Bewusstsein zur Kultur

Stand und Klasse

Auch in diesem „Faden“ befassen wir uns mit der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie,[1] die für uns nur insofern Relevanz hat wie sie uns Gelegenheit gibt, über bestimmte Fragen Klarheit zu schaffen. Der historisch gesehen gewaltige Schnitzer, die Bürokratie (in Russland oder wo auch immer) als neue Klasse auszumachen, ist im Zusammenhang mit der offensichtlichen Verwirrung um die Begriffe Stand und Klasse zu sehen.

 

Auch wenn es das Wort Klasse schon früher gab und es in allen modernen Sprachen: lateinisch, deutsch, slawisch, dasselbe bezeichnet, ist es doch der Marxismus, der den Begriff als historisch-gesellschaftliche Größe hereingebracht und sich zu Eigen gemacht hat. Ursprünglich ist es ein lateinisches Wort, doch bei den Römern war „classis“ die Kriegsflotte; der Begriff bedeutet also: Einheit, in der verschiedene Teile zusammenwirken, in dieselbe Richtung gehen, demselben Feind entgegentreten. Kern des Begriffs ist demnach die Bewegung, der Kampf, nicht die Klassifikation (wie es zur ganz und gar … bürokratischen Sprache passt), die später auch in eine starre Form gepresst wurde. Linné klassifizierte die Pflanzen- und Tierarten metaphysisch in feste Gruppen, Darwin zeigte dann die evolutionäre Entstehung der Arten, de Vries lieferte schließlich den Beweis, dass an bestimmten Wendepunkten plötzliche Mutationen, und nicht Darwins kontinuierliche Variationen die Entwicklung bestimmen.

 

Wer den Marxismus nur als Analyse begreift, in der die Gesellschaft gemäß den ökonomischen Interessen katalogisiert ist, steht als moderner Ergänzer des Marxismus ziemlich komisch da, insofern er noch nicht einmal dessen erste unverzichtbare Aussage assimiliert hat. Marx habe die Analyse der modernen Gesellschaft nur „begonnen“ und bloß die Grundlagen eines sozialistischen Programms gelegt; und diese werten Herren haben die „Fortführung dieser Analyse“ auf sich genommen, „mit einem unendlich viel reicheren Material, das in einem Jahrhundert historischer Entwicklung angehäuft wurde und erlaubt, bei der neuen Ausarbeitung des sozialistischen Programms weit über Marx hinauszugehen.“[2] Um einen solchen Schmäh abzutun, muss man nicht die Dialektik bemühen – „Geh’ doch zum Teufel“ reicht da schon.

 

Auch wenn diese Dinge nicht weiter ernst zu nehmen sind, finden wir es dennoch nützlich, unseren Weg weiter festzustampfen und die organische Darstellung des Marxismus wiederzuerrichten, ein Bauwerk, das vom Keller bis zum Dach steht, so dass wir von niemandem neues Material brauchen. Diese bloß sozialen Analysen erinnern uns – warum wohl? – an eine französische Karikatur, die uns aus der Schulzeit im Kopf geblieben ist. Ein einfacher Soldat liest die Schrift über den Klotüren: Truppe, Obergefreite, Unteroffiziere, Offiziere: „Ces messieurs-là doivent faire du materiel d’une qualité bien supérieure.“[3]

 

Klasse bedeutet also nicht, in einer bestimmten Steuerklasse registriert zu sein; Klasse ist Ausdruck der geschichtlichen Bewegung, des Kampfes, des historischen Programms. Dass die Klasse ihr Programm noch finden muss, ist ein Satz ohne Sinn und Verstand. Das Programm selbst bestimmt die Klasse.

Gestern

Die vorbürgerliche Gesellschaft

Eine in Stände geteilte Gesellschaft dagegen soll so, wie sie ist, bewahrt bleiben und gegen Revolutionen bannen. Die bisher aufgetretenen gesellschaftlichen Teilungen führen in sehr unterschiedlichem Ausmaß zum Ausbruch von Klassenkämpfen – Marx erklärt, warum die asiatischen Gesellschaften so hartnäckig jeder Veränderung widerstehen: Die lokale und oftmals noch „kommunistische“ Produktionsweise erzeugt keinen Gegensatz zwischen den Produktivkräften und den Gesellschaftsformen. Daher die große Bedeutung, wenn jetzt in Persien, in Indien, in Indochina, in China, der Klassenantagonismus hervorgebrochen ist. An einem bestimmten Punkt jedoch hatten die Stände der mittelalterlichen Gesellschaft der Umwandlung in Klassen nichts mehr entgegenzusetzen – eine Großtat, bewirkt durch Schifffahrt, Handel, Manufaktur, Entdeckungen mechanischer Natur.

 

Auf Französisch, daran hatten wir im letzten „Filo“ erinnert, heißt Stand „état“ – dasselbe Wort wie für den politischen Zentralstaat, der im Grunde auch schon im Spätfeudalismus sichtbar wird und im Hofadel des Kaisers oder Königs besteht. Als sich die kapitalistischen Kräfte der Produktion unter der absoluten Monarchie voll entfalteten und Ludwig XIV. sagte: „L’État c’est moi“, der Staat bin ich, war vom politischen Staat die Rede[4]. Die feudale Ordnung wies drei Stände auf. Der erste Stand, premier état, war der Adel, der erblich war und sich in Familiengeschlechtern mit ihren jeweiligen Wappen nach außen abschloss. Der zweite Stand, deuxième état, war der Klerus, gemäß der Organisationshierarchie der katholischen Kirche. Dritter Stand, troisième état, wurde die Bourgeoisie genannt, die sich damals aus Kaufmännern, Finanziers, Beamten, zusammensetzte und, obgleich sie in den „Generalständen“, d.h. in der Ständeversammlung (die keine legislative, erst recht keine exekutive, sondern bloß beratende Funktion des Königs und seiner Regierung besaß) vertreten war, nicht an der Macht teilhatte. Unter parlement ist im Frankreich jener Zeit der Gerichtshof – mit seinen verschiedenen Kammern in den Provinzen – zu verstehen, der sich im Dienste des Königs einer gewissen, zumindest theoretischen Autonomie erfreute, die ihm der Kapitalismus dann jedoch nahm.

 

Diese uns noch aus der Schule bekannten Anmerkungen erscheinen im marxistischen Bauwerk in neuem Licht. Als der bescheidene dritte Stand, der nicht viel hermachte, zur mächtigen und revolutionären kapitalistischen Klasse aufstieg, sagte man: Was ist der dritte Stand? Nichts. Was verlangt er? Alles!

 

Doch da zugleich mit den Kapitalisten eine neue Klasse, die Arbeiter der Manufakturen, den Schauplatz betrat (es wird nicht verkehrt sein festzuhalten, dass die freien Handwerker keinen Stand bildeten; sie waren vielmehr in Zünften organisiert, und nur die Gewerbetreibenden hatten ihren Platz im dritten Stand), sprach man zu jener Zeit, die als die romantische der Arbeiterbewegung gelten kann, nicht so gern von einer neuen revolutionären Klasse in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern lieber von einem neuen Stand, dem vierten Stand.

 

Keine Verfassung hat jemals einen solchen Stand anerkannt; in den Feudalverfassungen kamen die leibeigenen Bauern und Tagelöhner als Mitglieder von Ständen gar nicht vor, und die bürgerlichen Verfassungen schafften lautstark alle Stände ab, sie kannten nur – von Rechts wegen – gleiche Bürger.

 

Viele allseits bekannte Abweichungen vom Marxismus, deren gründliche, schriftlich niedergelegte Autopsieberichte in unseren Händen sind, gehen auf die Verwechslung von Klasse und Stand zurück; denken wir nur an den grimmigen Marx, als Lassalle die Arbeiterklasse zu einem Arbeiterstand machte. Doppelt gemoppelt hält besser.

 

Die in „Materialien“ ein Jahrhundert nach Marx promovierten Herren merken gar nicht, dass ihre „reichen“ geschichtlichen Daten noch nicht mal den Sturm auf die Bastille erfasst haben. Nicht analyse de la misère, sondern misère de l’analyse.[5]

Arbeiteraristokratie

Anfang des 20. Jahrhunderts lancierte Georges Sorel[6], der temperamentvolle und glänzende Begründer des revolutionären Syndikalismus, unter seinen nicht gerade wenigen Anhängern den Ausdruck der Arbeiteraristokratie. Als solche bezeichnet unsere Schule vor allem seit der Lenin’schen Kritik (auf Grundlage der von Marx und Engels vor allem für die englische Industrie angegebenen Linien) die besser gestellten und bestbezahlten Arbeiter, die gesuchten und umworbenen Facharbeiter – und die gebildeten, die sich durch die konformistischen Ideologien leicht verführen ließen und zur Beute und Stütze der opportunistischen Führer wurden. Doch für die Sorel’schen Syndikalisten handelt es sich nicht um den bessergestellten Teil der Arbeiterschaft, sie sehen das ganze Proletariat, die Klasse der Lohnarbeiter in der Gesamtgesellschaft, als Arbeiteraristokratie an, womit der Primat und die Führung der entgegen gesetzten kapitalistischen Klasse umgekehrt ist und – bis dahin haben sie auch recht – deren parlamentarische Demokratie, der Bluff der Gleichheit vor dem Staat, verlacht wird.

 

Gegenüber dem in der ruhigen und idyllischen Zeit des fortschrittlichen und blühenden Kapitalismus sich im Rahmen der Legalität ausbreitenden Reformismus hatte der Syndikalismus natürlich die Nase vorn. Die Syndikalisten brandmarkten die ernsthaften Gefahren der parlamentarischen Tätigkeit für die Arbeiter, die die „arbitraire“[7] der Gerichtsbarkeit beim Zusammenstoß der wirtschaftlichen Interessen in den Arbeitskonflikten ersetzte, und sie prangerten die Gewerkschaftsführer an, die den Arbeitern in den Auseinandersetzungen mit den Fabrikherrn die Anwendung von Gewalt untersagten sowie den Generalstreik missbilligten. Zu einem bestimmten Zeitpunkt (in Frankreich und Italien zwischen 1900 und 1919) sah es so aus, als beschränke sich die ganze Frage des Arbeiterkampfes nur noch auf eine Auseinandersetzung zwischen den Reformisten und den Sorel’schen Syndikalisten; die radikalen Marxisten reagierten nur peu à peu auf diese schwerwiegende Entgleisung.

 

Die vom Marxismus aufs Tapet gebrachte Machtfrage, den Zentralismus der Klasse, verstand Sorel nicht; er lehnte die Rolle der politischen Arbeiterpartei ab und begriff die Revolution als direkten Zusammenstoß zwischen den roten Gewerkschaften und dem bürgerlichen Staat; seiner Ansicht nach genügten die lokalen, berufsständischen und betrieblichen Kämpfe – Hauptsache, man würde das Gift der Klassenkollaboration los, damit es zum Sturz der bürgerlichen Macht und Enteignung der Fabrikherrn käme. In diesem „Mythos“ vom Generalstreik als Enteigner war keine Rede von den notwendigen gesellschaftlichen Übergangsphasen, und von der Eroberung der Gesellschaft blieb bloß die Eroberung der Fabrik übrig. Überdies und vor allem wurde nicht gesehen, dass, wenn die Seuche der Klassenkollaboration immer wieder auftritt, dies eben der Tatsache geschuldet ist, die in den lokalen, nationalen und betrieblichen Grenzen gebannten Kämpfe nicht auf die Ebene des geschlossenen politischen Kampfes des Weltproletariats, dessen Organ die kommunistische Weltpartei ist, zu heben.

 

Den dialektischen Determinismus reduziert Sorel auf einen heroischen Kampfwillen, von Ort zu Ort und Gruppe zu Gruppe; hinsichtlich der Interessen, des Bewusstseins, des Willens, stellt er weder beim kämpfenden Einzelnen noch bei den jeweiligen Gruppierungen verschiedene Stadien auf. Lupenreine Proletarier, Lohnarbeiter, zu sein, die Seite an Seite stehen, mehr braucht es für ihn nicht, damit ihr Kampfgeist geweckt und ihnen die Zielsetzung bewusst wurde. Im Grunde ist der Kampf bloß Selbstzweck, und ein fernes historischen Ziel, dessen Richtung einzuschlagen ist, erübrigt sich. Damit fällt er seinerseits in eine vormarxistische Philosophie zurück und macht sich wie seine späteren modernen Nachfolger den Marx’schen Satz zunutze: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme“ [MEW 19, S. 14], der ausgesprochen wurde, als Marx die Verfasser (Lassalleaner) des Programmentwurfs (Gothaer Programm) geißelte, die tagespolitische Erfolge und sekundäre Ziele innerhalb der bestehenden Ordnung verfolgten.

Neo-Ökonomismus

Geschichtlich wird der Irrtum Sorels und der Seinen offensichtlich, als diese glühenden und aufrührerischen Linksrevisionisten – übrigens genauso wie die Rechtsrevisionisten – im Jahr 1914 mitsamt ihren Führern und namhaftesten Gewerkschaftsverbänden zur Sache des Krieges überlaufen (man denke nur an Gustave Hervé[8] und Filippo Corridoni[9]). Ein Irrtum, der eben darauf zurückzuführen ist, das revolutionäre Proletariat nicht als Klasse in der mächtigen Bedeutung von Marx, sondern als Stand zu sehen. Die heute von bestimmten Zeitgenossen „nachkapitalistisch“ genannte Gesellschaft zeichne sich durch Folgendes aus: Statt unter der demokratischen Lüge einer Bourgeoisaristokratie mit ihren Arbeitervasallen zu leben, wird es eine Arbeiteraristokratie geben. Der vierte Stand wird der erste sein. Fertig.

 

Die ernsten theoretischen und organisatorischen Fragen der Bewegung, die gleich zu Anfang im Marxismus vollständig gelöst wurden – so dass der, der diese Vollständigkeit antastet, sie damit zerstört, wie Lenin und alle anderen orthodoxen Anhänger unserer Lehre dauernd wiederholt haben –, verlieren sich platterweise im Begriff des aristokratischen Standes. Der seiner Herkunft nach Adelige bedarf keiner Erziehung, keiner Bildung und Kultur, keiner Einreihung und Organisation, denn seit seiner Geburt und vom ersten Schrei an trägt er all das in sich; das Bewusstsein, zum erwählten Stand zu gehören, hat er im Blut, er wird stets Abstand zu den niederen Ständen und ihrem menschlichen Material halten und ihnen gegenüber feindselig sein. Gleich ob allein oder in Gemeinschaft, unwissend oder weise, er ist eben von Hause aus, seinem Willen und automatischen Bewusstsein nach aus einem Stück gemacht – er ist Adeliger. Und eben deshalb ist seine Revenue nicht konfiszierbar – wie das Gehalt des Beamten-Bürokraten.

 

Die moderne Bourgeoisie wäre demnach ein Orden, der sich als abgeschaffter Orden tarnt, und es bleibt nur noch, ihn vor den Henker zu führen: Wie der Bürgerstand, der dritte Stand, die Stände des Adels und Klerus’ hinweggefegt hat, so würde auch der vierte Stand den der Fabrikherrn hinwegfegen.

 

Wo nur noch dieses Rezept[10] bleibt, ist es, als würden all die flammenden Seiten herausgerissen, in denen unser Lehrer das Epos der Bourgeoisie beschreibt, die sich im Laufe von 10 Jahrhunderten als Klasse erwies und nicht bestimmte Stände, sondern die Ständeordnung niederwarf; ebenso wie jene Seiten des Marx’schen Hauptwerks, in denen diese gesellschaftliche Kraft den Schauplatz betritt: das Kapital, das sich nicht mehr wie die früheren gesellschaftlichen Kräfte durch Personengruppen und persönliche Abhängigkeitsverhältnisse auszeichnet; Bourgeoisie klingt nicht nach Stand, sondern Wagnis. Offenbar sind die Barbaristen nicht in der Lage zu verstehen, was bei Marx und Engels den Unterschied zwischen der dem Mittelalter angehörenden Leibeigenschaft und der der Moderne angehörenden Arbeitskraft, den Unterschied zwischen der Herrschaft über die Person und Kraft des Sklaven und über die Ware ausmacht.

 

Diese radikalen, umwälzenden Übergänge zwischen verschiedenen Produktionsweisen und Gesellschaftsformen werden dahingehend verflacht, dass es scheint, als käme nur jedes Mal eine andere Gruppe an die Reihe, die Menschen auszubeuten. Doch die Ausbeutung steht nur für denjenigen im Mittelpunkt, der verdammt ist, bis zum seligen Ende wie ein Bourgeois zu denken: nämlich verdorben; die Beziehung zwischen Menschen ist nichts als ein Geschäft, und ein schlecht gelaufenes Geschäft … ist die Beziehung zwischen den Klassen!

 

Wenn daher die Revolution darauf reduziert wird, den Kampf für eine Aristokratie zu führen, für einen Stand die Herrschaft zu erringen, begreift man auch, woher die berühmte Entdeckung stammt, wonach der Stand der Fabrikherrn durch den Stand der Beamten und Funktionäre abgelöst wurde und die Bürokratie die zeitgenössische Aristokratie ist: Macht die Arbeiter zu Aristokraten, dann ist die Revolution wieder auf dem richtigen Gleis! Ihr zwangsläufig revolutionäres Bewusstsein wird die Rettung sein. Denn so wie dem adelig Geborenen schon sein ganzes soziales Verhalten in die Wiege gelegt wird, so weiß der, der in der Fabrik lebt und eine Lohntüte bekommt, schon alles über die Revolution, da er ja die exploitation, die Ausbeutung, am eigenen Leibe erfährt.

 

Deshalb also nutzt es nichts, im Besitz des Programms der Gesellschaft ohne Klassen und ohne herrschende Klasse, und erst recht ohne Aristokratie, zu sein, und es ist völlig klar, dass auch die Partei, wie schon Sorel meinte, nichts nutzt. Ebenso wenig wie die Geschichte, die zeigte, wie in den stürmischen Jahren nach dem Sturm auf die Bastille, so viele der in feinem Zwirn gekleideten Aristokraten „den Ruf ihres Blutes“ vergaßen und aus der Trägheit der persönlichen Ausbeuterei erwachten, um sich der großartigen Klassenaufgabe zu verschreiben: Bürger Frankreichs, Kapitalisten der Welt zu sein.

Intern angewandte Demokratie

Eine alte Geschichte ist die der „Arbeiterdemokratie“ als Reaktion trotzkistischer Oppositioneller auf den stalinistischen Druck. Die Kritik an der Demokratie besteht laut den verschiedenen trotzkistischen Gruppen darin, die Existenz zweier, oder mehrerer, gesellschaftlich antagonistischer Klassen zu verdecken, und darin, ein Betrug zu sein, denn da die Arbeiter die Mehrheit stellen, müsste das Wahlverfahren zu ihren Gunsten ausfallen. Tatsächlich aber wäre diese Kritik selbst dann nicht aufrechtzuerhalten, wenn man einräumen würde, dass das Proletariat im Kapitalismus ein vollständiges Klassen„bewusstsein“ erlangen könnte. Wie auch immer, auf die Kritik der „bürgerlichen“ Demokratie und der Demokratie „im Allgemeinen“ folgt nicht nur der Anspruch, die „Demokratie innerhalb der Klasse“ zuzulassen, sondern sie gar einzufordern. Die ganze stalinistische Degeneration, heißt es, liege darin, kein Verfahren der Wahlermächtigung und Vertretung nach parlamentarischem Typus eingesetzt, d.h. Abstimmungen, Kontrollen, Mehrheitsentscheidungen der Arbeiterklasse über die politischen Richtlinien des Staates zugelassen zu haben.

 

All das ist schierer Wahnsinn. Die Demokratie ist die historische Gesellschaftsform, die der Politik der kapitalistischen Klasse in der Phase entspricht, in der sie aus dem Schoß der feudalen Welt ans Licht kommt, und sie besteht in ausnahmslos alle Bürger vertretenden Körperschaften, in denen die herrschende Ideologie die wirkliche Macht des Staates begründet sieht. So wie die kapitalistische Produktion ein notwendiges Stadium der ökonomischen Entwicklung ist, so ist auch die vollständige juristische Entwicklung der demokratischen Formen in bestimmten „Räumen“ und zu bestimmten Zeiten eine notwendige historische Phase. Als Marx und Engels dies für das Europa der Jahre 1848-1871 geltend machten und Lenin und Trotzki für das Russland der Jahre 1902-1917, so wie es heute, also 1953, für Asien gesagt werden könnte, war von einer Demokratie im Allgemeinen keine Rede, und erst recht nicht von der Hybride einer proletarischen Demokratie, sondern von eben genau der bürgerlichen Demokratie. Also von einer politischen Bewegung und Form, die (insofern sie noch notwendig war, oder notwendig ist) dem Werdegang revolutionärer bürgerlicher Gesellschaftsformen adäquat ist, und vom Proletariat – als präjudizieller Schritt vor dem darüber hinausgehenden – unterstützt wurde.

 

Die politische Form der spezifischen proletarischen Revolution ist die Diktatur – keine persönliche natürlich, sondern eine Klassendiktatur, die ihre eigenen originalen und spezifischen Organe bildet; in den Phasen des bewaffneten Kampfes sind dies Leitungsorgane der Staatsmacht. Während jedoch die Diktatur eines Standes sehr wohl mit der „Demokratie innerhalb des Standes“ identisch sein kann, ist die Diktatur einer revolutionären Klasse eine weit weniger banale und formalistische Sache und nicht den Schwankungen einer blödsinnigen Stimmenzählung unterworfen. Sie ist von einer Kraft und der Richtung dieser Kraft bestimmt. Es ist falsch zu sagen, dass sie den Sozialismus errichtet, wenn sie die richtige Diktatur ist; es muss vielmehr heißen: dass sie die wahre proletarische Diktatur ist, wenn sie in Richtung Kommunismus geht.

 

Demokratien innerhalb des Standes gibt es in der Geschichte zuhauf – aber vor dem Kapitalismus, denn es war die Bourgeoisie, die die Demokratie für alle zuerst theoretisierte und auf dem Papier, in der Verfassung, auch verwirklichte. Demokratien innerhalb des Standes waren die römische und griechische Demokratie, denn gleichgestellt waren die freien Bürger, während die Masse der Sklaven und Heloten bar jeder Souveränität waren. Bei der germanischen Feudalverfassung handelte es sich um eine vom Stand intern anwandte Demokratie: Die Adeligen oder Fürsten wählten den König, und die Freiherrn wiederum den Fürsten. Und so auch in den italienischen und flämischen oligarchischen und aristokratischen Republiken. Nach demselben Prinzip wählte selbst der geistliche Stand den Papst, und einst auch die Bischöfe.

 

Eine postume Nachäffung dieser unzähligen antiquierten Systeme ist der Arbeiter-Parlamentarismus, der im nach der Arbeiterrevolution errichteten Staat die Maschinerie der Diktatur „frei“ kontrollieren soll. Sofern es in diesem Staat noch Privateigentümer und Fabrikherrn gibt, werden sie, wie allgemein anerkannt ist, keinerlei politische Rechte haben (wobei hier nicht nur das Einwerfen von Stimmzetteln gemeint ist, sondern über Organisationen, Parteien, Büros, Zeitungen, Rednertribünen etc. zu verfügen, und in Schulen, der Kunst, im Theater etc. ein Mitspracherecht zu haben).

 

Die Barbaristen sind diesbezüglich in einer großen Zwickmühle, genauso wie fast alle Analysten des russischen Rätsels. Da es in Russland keine Eigentümer und Fabrikherrn mehr gebe, müsste die Diktatur hier auf den Müll geworfen und die freie Wahl aller Ämter wieder zu Ehren gekommen sein. Doch aus Furcht, sich bei den reinen Sozialdemokraten wiederzufinden oder eingestehen zu müssen, nahe Verwandte zu sein, sagen sie, die Diktatur bestehe darin, … Funktionäre nicht abstimmen zu lassen. Es sind also die Nicht-Funktionäre, die die Funktionäre wählen, um dann … alles in deren Hände zu legen. Diese ins Leere laufende Fiktion ist daher nicht die Schöpfung einer neuen Lehre, sondern einer Involution: Vom Begriff der revolutionären Klasse zurück zu dem der Aristokratie – nicht mehr der manikürten Nägel, sondern der schwieligen Hände –, mit einem internen parlamentarischen Verfahren, um man weiß nicht wen und wozu zu wählen.

 

Welche Produktivkräfte sind im Spiel? Welche Produktionsverhältnisse bestehen? Um welchen Übergang von einer zur anderen gesellschaftlichen Produktionsweise handelt es sich? Wie bestimmt all das den Zusammenstoß der verschiedenen Klassen? Und was spiegelt die bestehende Staatsmacht wider und stützt sie? Diese Fragen fallen ihnen nicht mal im Traum ein.

Madame Bewusstsein

Jedenfalls funktioniert dieses ganze hypothetische und irreale Kontroll- und Auswahlverfahren nur, wenn unterstellt wird – selbst wenn man sich auf nur eine Klasse stützt –, dass alle ein politisches, und obendrein das gleiche, Bewusstsein haben: Sonst wäre ja auch dieser Abklatsch des bürgerlichen Wahlschwindels gar nicht erklärbar. Nur unter einer solchen Prämisse lässt sich annehmen, der richtige historische Kurs sei derjenige, den an bestimmten Wendepunkten die numerische Stimmenmehrheit der Arbeiter festlege. Und dann reicht es schon, unterwegs einen Packen Papierschnipsel zu verlieren, um auf dem revolutionären Weg kehrt zu machen! Noch schlimmer ist es, wenn – inmitten der vollen Machtentfaltung des Kapitalismus – dasselbe Rezept genommen werden soll, um vom Irrweg auf den revolutionären Weg zurückzufinden, indem sozusagen allen Arbeitern der Puls gefühlt … und statistisch ausgewertet wird.

 

Schauen wir uns mal an, wie einfach die Bedeutung der marxistischen Thesen auch in dieser Sache auf den Kopf gestellt werden kann, wenn man etwas verkehrt herum liest, z.B. bei Trotzki das, was (in diesem albernen Machwerk der Überprüfung und Kritik, und von Leuten, bei denen man eher damit rechnen würde, dass sie ihn gehörig runterputzen) zu Unrecht gutgeheißen, ebenso wie in anderen Fällen das, was – ebenfalls zu Unrecht – verurteilt wird.

 

Diejenigen, die höchst unheilvolle „Dokumente“ aufsetzen, in denen alles – im Namen der Freiheit der Kritik: über Luther, den Oberbetbruder, sind wir noch nicht hinaus – der Überprüfung und Beurteilung ihrer armseligen Köpfe unterliegt, billigen die Aussage Trotzkis, wonach der Sozialismus, anders als der Kapitalismus, bewusst errichtet wird. Doch kurz darauf brandmarken sie mit aller Heftigkeit andere Aussagen desselben Autors. Diese armen Teufel sehen nicht, dass sie eine Tonne mehr Grips brauchten, um auf Augenhöhe mit Trotzki zu kommen, bei dem man nicht befürchten muss, dass Thesen formuliert werden, die ohne Zusammenhang dastehen und ohne einheitliche und organische Richtung herumgeistern.

 

Und wie paraphrasieren sie Trotzkis Aussage? Sie legen ihm etwas ganz anderes in den Mund, so dass, während Trotzkis Formulierung streng und genau ist, jedes seiner Worte von seinen (ihm dieses Mal gnädig gesonnenen) „Kritikern“ anders ausgelegt wird, und vor allem vulgär bürgerliche Hintergedanken birgt: Die bewusste Aktivität der Massen sei die wesentliche Voraussetzung der sozialistischen Entwicklung.[11] Diese törichte These, die nicht nur jeder Rechtssozialist, sondern auch jeder Bourgeois vorbehaltlos unterschreiben würde, ist Trotzkis jedenfalls nicht würdig; sie passt vielleicht zu einem Einfaltspinsel, der, nachdem ihm die Gnade erwiesen wurde, sich den Baum auszusuchen, an den er aufgeknüpft werden soll, eine Erdbeerpflanze wählt. Nun, kein Kapitalist hätte etwas gegen den Sozialismus, wenn dieser an die wesentliche (!) Bedingung der vorausgehenden bewussten Aktivität der Massen geknüpft wäre.

 

Diese ganze Palinodie dient dazu, die vorgeblichen Marx’schen Mängel zu beheben, der sogar hinsichtlich des sozialistischen Programms nur „empirisch“ gearbeitet habe, wie die These deutlich mache, es müsse nur die kapitalistische Klasse und ihr Staat zerschlagen werden, damit der Sozialismus von alleine komme. Marx soll über die programmatischen Merkmale der sozialistischen Gesellschaft diese zweideutige Vorstellung gehabt und sich mit Verstaatlichung und Produktionsplanung zu helfen gewusst haben. Diese Dokumentare liefern ihm nun eine eindeutige Vorstellung vom Sozialismus, die auf folgenden Schwachsinn hinausläuft: Abschaffung der Ausbeutung! Oder der Ungleichheit! Dühring wurde für weit weniger dumme Aussagen des „Größenwahnsinns“ bezichtigt.[12]

 

Es mag hier genügen, darauf zu verweisen, dass wir in jedem Abschnitt von Marx die Beschreibung des Sozialismus lesen können. Der Utopismus hingegen, den Marx auf den Tod nicht ausstehen konnte, beschreibt die sozialistische Gesellschaft so, wie er will, dass sie sei, während Marx schreibt, wie sie sein wird. Und er gibt für alle Bereiche so wichtige und scharf gezeichnete Merkmale, dass der spätere, hohle, nicht „eindeutige“, sondern klar antirevolutionäre Gleichheits- und Gerechtigkeitsglaube seiner „Ausbesserer“ nur aufgewärmter Kohl uralter doléances[13] ist.

 

Kommen wir wieder auf Trotzki zurück. Vor dem Kapitalismus gibt es kein Bewusstsein seiner gesellschaftlichen Merkmale, vor dem Sozialismus schon. Diese Begriffsbestimmung hat nichts mit der rein idealistischen Anschauung einer „bewussten Aktivität“ der Massen zu tun; die könnte auch nur auf eine bewusste Aktivität von Individuen hinauslaufen, was ja auch tatsächlich zur Voraussetzung, also zum Beweggrund des historischen Geschehens erhoben wird.

Ideologie der Revolutionen

Im letzten Faden der Zeit[14] kamen wir auf die klassische Textstelle zurück, laut der die Umwälzungsepochen nicht aus dem Bewusstsein, das sie von sich selber haben, beurteilt werden können. Dem Kampf gegen die Sklavenwirtschaft, den wirklichen Inhalt dieses historischen Übergangs, gaben die Führer und treibenden Kräfte des Sklavenaufstands die Form einer Lehre, die die Befeiung des Geistes vom Fleisch und das Ziel eines überirdischen Lebens als Triebkraft alles Handelns zum Gegenstand hatte. Die Massen waren sich ihrer Aktivität nicht bewusst, sie kämpften nicht für das Paradies, noch wussten sie, dass anstelle der Sklaverei eine neue Knechtschaft auf sie wartete. Das Bewusstsein des Übergangs fand sich weder in den Sklavenmassen noch in einer Schule oder Lehre oder Gruppe. Erst danach war es klar.

 

Ähnlich war es bei der kapitalistischen Revolution gegen den Feudalismus. Es handelte sich um den Übergang zu der auf Lohnarbeit gegründeten Produktionsweise, doch die seitens einer nicht minder mächtigen philosophischen und politischen Schule aufgestellten Forderungen klangen ganz anders: Freiheit des Menschen, oder des Bürgers … Sieg der Vernunft.

 

In diesen und vielen anderen Übergängen erhob sich nach dem Sturz der alten herrschenden Klasse eine neue. In der sozialistischen Revolution, die die Klassen abschaffen wird, besteht hingegen schon vorher eine ziemlich bestimmte und klare Kenntnis ihrer Ziele. Wo und durch wen? Darum geht es. Es ist verrückt, Trotzki die These zu unterstellen, dass die vorhergehende Kenntnis des revolutionären Prozesses von jedem erworben werden müsse, der sich in den Kampf für die Revolution und gegen die Hindernisse, die sie ersticken, eingereiht hat. Uns Marxisten reicht die Tatsache, dass die Kenntnis vor dem revolutionären Prozess da ist – nicht jedoch in der Allgemeinheit, nicht in der Masse oder der Mehrheit (ein Wort ohne jeden deterministischen Sinn) der Klasse, sondern in einer zur gegebenen Zeit vielleicht sehr kleinen Minderheit derselben, oder auch – mögen sich die Aktivisten ruhig empören – in einer momentan vergessenen Schrift. Doch durch Gruppen, Schulen, Bewegungen, Schriften, Thesen, entsteht im Laufe einer langen Zeit eine Kontinuität, die eben nur als die Partei real werden kann – organisch, unpersönlich, wie sie ist, weiß sie als einzige im Vorhinein, wie die Entwicklung zur Revolution verlaufen muss. Ein solches Phänomen, einen solchen Prozess, weist der Kapitalismus nicht auf. Eben das, und nichts anderes, sagt Trotzki.

 

Um, wie üblich, zu zeigen, dass Trotzki nicht einer jener Tölpel war, die neue Dokumente unter die Leute bringen, sondern dass er Thesen formulierte, die unser gemeinsames, über die Grenzen von Völkern und Generationen hinausgehendes Vermögen darstellen, wollen wir noch einmal auf die zentrale These Marx’ eingehen, wonach die sozialen Revolutionen aus den Widersprüchen des materiellen Lebens hervorgehen und im Allgemeinen ein falsches Bewusstsein von sich selber haben. Das richtige kommt erst lange nach den Zusammenstößen, dem Kampf und dem Sieg. Werft nun den Mist mit der Verstaatlichung und Planung einer Waren-, Lohn- und Geldwirtschaft über Bord und hört einmal mehr zu. Verfasst keine Dokumente und nehmt Abstand von der Praxis, die Fähigkeit zur freien Kritik unter Beweis stellen zu wollen. Macht das, was alle können: die Ohren auf, denn wir lassen jetzt unserem energischen Engels das Wort:

 

„Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewusste Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. (…) Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewusstsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

Diese weltbefreiende Tat durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewusstsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus“ [MEW 20, S. 264/65].

 

Was für Dokumente wollt ihr denn noch? Hört auf, mit eurem „so viel reicheren“ Material so erbärmliche Konstruktionen zu fabrizieren.

 

Die in dieser substanziellen Textstelle von Engels geschilderte Zeit ist die nach der Besitzergreifung der Produktionsmittel, nach dem Ende der wirtschaftlichen Konkurrenz und der Warenproduktion – das heißt lange Zeit nach der Eroberung der politischen Macht. Erst dann wird den Menschen, dem menschlichem Gemeinwesen, die eigene Aktivität bewusst sein. Erst dann, das heißt, wenn es keine Klassen mehr gibt.

 

Das Bewusstsein ist daher für uns bei keiner Aktivität der Klasse eine Voraussetzung, erst recht keine wesentliche; es ist vielmehr gar nicht da, denn es wird erstmals, eben nicht als Klassenbewusstsein, sondern als Bewusstsein des menschlichen Gemeinwesens auftreten, das endlich den eigenen Entwicklungsprozess bestimmen wird, statt von ihm bestimmt zu werden, wie es der Fall ist, solange es unterdrückte Klassen gibt.

 

Die Revolution ist der geschichtliche Beruf der von materiellen Kräften zur Aktion berufenen Klasse, der eben diese Kräfte vorläufig nicht bewusst sind. Das Bewusstsein der revolutionären Lösung findet sich nicht in den Massen, sondern einzig in dem spezifischen Organ, das Trägerin der Klassenlehre ist, der Partei. Revolution, Diktatur und Partei, sind nicht voneinander zu trennende Prozesse; und wer den Weg sucht, indem er sie gegeneinander verselbständigt, ist nichts weiter als ein Defätist.

Heute

Gnädiges Fräulein Kultur

Auf dem Gebiet der Kultur „der Klasse“ – wir werden gleich sehen, um welch lumpige Klassentheorie es geht – hagelt es raue Vorwürfe gegen Trotzki. Doch er sagt in den zitierten Textstellen nur das, was sie zuerst selber triumphierend aufgegriffen hatten, um daraus dann die Geschichte mit der bewussten Aktivität zu machen. Doch nicht Trotzki hat die Thesen ersonnen oder ein Patent darauf angemeldet; sie sind von Marx, von Engels, von Lenin, ja, von hundert oder tausend Agitatoren der marxistischen Schule und wie die tüchtigen griechischen[15] Genossen gesagt haben: all den „antiken“ Marxisten. Von wegen Aktualisierer!

 

Es reichte noch nicht, der Revolution einen, nein, nicht Knüppel, sondern gleich Dachbalken zwischen die Beine zu werfen, ein zweiter kommt gleich hinterher: Die Aneignung der Kultur seitens des Proletariats sei Voraussetzung für die Errichtung des Kommunismus, was nicht nur heiße, die bürgerliche Kultur zu assimilieren, sondern auch die ersten Elemente der kommunistischen Kultur zu schaffen. Wunderbar. All das bekommt nur Sinn, Folgendes glauben zu machen: Will man Wohlergehen haben, braucht man die Macht, will man die Macht, braucht man den Willen zum Kampf, für den Willen zum Kampf braucht man das Bewusstsein, für das Bewusstsein braucht man Kultur, die Kultur ist nicht Ausdruck einer Klasse, sondern ewiges „absolutes Vermögen des Denkens“. Es sind demnach nicht materielle Kräfte, die zum Handeln führen und Ideologien hervorbringen, nein, es ist die geistige Tätigkeit, die den geschichtlichen Kampf bedingt. Nur diejenigen, die solche Dinge im Kopf haben, aber nicht offen machen bzw. nicht wissen, was sie sagen, können so schreiben.

 

Daher wird dann Trotzki, der die Dinge ins Reine bringt, gehörig „ausgebessert“. Er hatte nämlich die Stirn zu sagen, das Proletariat könne höchstens die bürgerliche Kultur in sich aufnehmen. Und weiter, das Proletariat könne, solange es Proletariat sei, nur die bürgerliche Kultur annehmen, und wenn es eine neue Kultur schaffe, dies keine proletarische sein werde, weil es das Proletariat dann gar nicht mehr gebe. Dieser Standpunkt Trotzkis ruft natürlich Empörung hervor, aber es lohnt nicht, die Albernheiten wiederzugeben, mit denen er bedacht wird. Jedenfalls formuliert er den Kern des marxistischen Determinismus. Auf dem Gebiet der Schule, der Presse, Propaganda, Kirche etc. hat die Verbreitung der bürgerlichen Ideologie, solange die werktätige Klasse ausgebeutet wird, immer alle Vorteile auf ihrer Seite. Natürlich muss die Revolution, wenn sie die Partie nicht verlieren will, auf starke kämpfende Massen zählen können, allerdings ohne im Geringsten anzunehmen, sie seien den bürgerlichen wirtschaftlichen und kulturellen Einflüssen entzogen. Es ist vielmehr der, den Kämpfenden noch nicht zu Bewusstsein gekommene – und von wissenschaftlicher Kultur kann da erst recht keine Rede sein! – Gegensatz der materiellen Produktivkräfte, der sie unweigerlich zum Kampf drängt.

 

Der rein idealistische Hintergrund der antibarbarischen Gruppe offenbart sich hingegen darin, dass sie den Kampf zwischen zwei Kulturen als Perspektive hinstellen. Und sehr schnell bleibt dann nur noch der Kampf für eine Kultur, die Kultur schlechthin, übrig.

 

Bevor es sich von der ungerechten „exploitation“ befreien kann, bevor es das Recht zum Aufstand hat, soll das Proletariat, das ja die bestehenden Kulturen assimiliert hat, hierauf fußend die Grundlagen einer neuen Kultur errichten. Soll das etwa heißen, die Klasse müsse erst ihre eigene Ideologie entwickeln, um kämpfen zu können? Schlimmer noch! Eine Kultur sei niemals eine Ideologie und auch keine Orientierung, sondern ein organisches Ganzes (?), eine Reihe von Ideologien und Strömungen (organisch? oder doch eklektisch?). Was zum Teufel soll das heißen? Das erklären uns die Schlussfolgerungen, die sie daraus ziehen: Die Vielfalt der Tendenzen, die eine Kultur bildeten, impliziere, dass die schöpferische Aneignung der Kultur durch das Proletariat die Meinungsfreiheit zur wesentlichen Voraussetzung habe. Das ist es also: Und was zum Teufel soll diese Meinungsfreiheit sein? Gleich wissen wir’s. Soweit sie sich lediglich auf ideologischem Gebiet ausdrückten (?!), seien die reaktionären ideologischen Strömungen, die natürlich auch in der Übergangsgesellschaft in Erscheinung treten werden, mit ideologischen Waffen und nicht mittels die Meinungsfreiheit beschränkenden materiellen Mitteln zu bekämpfen.

 

Das also ist Sinn und Zweck der kommunistischen, der Klassenkultur, auf die das Proletariat verpflichtet werden soll, bevor es die Macht ergreift! Und wenn es dann die Macht hat, soll es alle möglichen Kulturen respektieren und seine Diktatur so ausüben, dass ein Bourgeois zwar keinen Sand, oder Bomben, ins Getriebe werfen, doch sehr wohl reaktionäre Ideologie und Philosophie propagieren kann, wobei man sich verpflichtet hat, ihm nur mit ideologischen, und nicht etwa, Gottseibeiuns, materiellen Mitteln entgegenzutreten. Materielle Mittel wären z.B. ein paar Schläge auf den Kopf oder die Konfiszierung der Druckmaschine. Doch nein, er soll im Gegenteil gebeten werden, in den kommunistischen Zeitungen oder auf kommunistischen Zusammenkünften zu schreiben respektive zu reden, woraufhin ihm bloß ehrerbietig und mittels ideologischer Waffen eine philosophische „Widerlegung“ entgegen gehalten wird!

Wer Eisen hat, hat Wissen

Dieser Schlussfolgerung einer angeblichen Studie zum „sozialistischen Programm“, die die „empirische“ und „zweideutige“ Vorstellung von Marx ersetzen soll, muss man nichts weiter hinzufügen, um festzustellen, dass wir es hier mit echtem, nach mindestens 300 Jahre alten Moder stinkendem Idealismus und bürgerlichen Demokratismus zu tun haben. Meinungsfreiheit! Was ist an dieser neuen Ergänzung des Marxismus dran, was nicht schon Aufklärer und Reformatoren gesagt hätten, deren Lehren Marx zermalmt hat, ohne dass etwas zu ihrer Verteidigung hätte vorgebracht werden können?

 

Es geht hier offenbar nicht allein darum, Lenin, und Marx, zurückzudrängen, sondern sogar die glühende Leidenschaft des ersten Kommunisten, Babeuf, herunterzuspielen und abzuwerten, denn dieser, auf die Bühne des politischen Kampfes getreten, wollte der Schlacht gegen die Macht der Ideologien mit physischer Gewalt begegnen.

 

Selbst der alte Blanqui, der sagte: „Wer Eisen hat, hat Brot“, hatte verstanden, dass es eben die rohe Gewalt ist, die an geschichtlichen Wendepunkten die ökonomischen Forderungen einlöst. Muss man dazu die Kultur des Gegners diskutieren? Und ihm Meinungsfreiheit gewähren, um die verlorene Sache – das Eisen bzw. Schwert in der Hand – zurückzugewinnen? Mit allem anderen als reichem Material haben beide, Babeuf und Blanqui, herausgefunden, dass wer Eisen hat, auch Wissen hat.

 

Man will die Diktatur lehren, sich feigherzig selbst Grenzen zu setzen. Doch eben diese lahme Forderung zeigt den Abgrund, der sich zwischen dem Marxismus und diesen Leuten auftut, diesen verschiedenen Gruppen, die Wallfahrten machen und Buße tun für die Schmach, die die Revolution – wenn auch nur die stalinistische – der überhistorischen Unverletzlichkeit der Meinungsfreiheit angetan hat. Es braucht nur Anhänger der „bewussten Aktivität“, um den Blödsinn zu behaupten: Nein zur Freiheit der Aktion, ja zur Freiheit der Meinung!

 

Genau deshalb muss – die in Russland geltenden staatskapitalistischen Diktaturformen kann man getrost beiseitelassen – auf der Rolle der Partei als Trägerin der Diktatur bestanden werden. Sabotageversuche und Verschwörungen gegen die Arbeitermacht niederzuwerfen sind eine Sache, aber hier geht es um viel mehr, nämlich die strenge theoretische Geschlossenheit der kommunistischen Strömung, die alle anderen Strömungen ausschließt, zu wahren und zu schützen.

 

Wozu soll es gut sein, die Bourgeoisie, oder genauer, das unpersönliche, überall eindringende Ungeheuer des Kapitals mit Fingernägeln und -krallen anzugehen, und dann dessen verbale Apologie zu respektieren? Ein nebulöser Arbeiterstand könnte zu diesem Selbstmord bereit sein, doch die Arbeiterrevolution wird dann und insofern siegen, wie ihr theoretisches Organ, die Partei, jenen zählebigen überkommenen Ideologien und Kulturen, die den niedergeworfenen Klassen angehören, einen Maulkorb anlegt, statt Meinungsfreiheit zu propagieren.

 

Diese supermodernen Untersuchungen zur Diktatur des Proletariats und zum sozialistischen Programm höhlen nur die eine wie das andere völlig aus, um zu einem scheinheiligen Wettstreit der Ideen zurückzukehren, der sich in nichts von dem unterscheidet, den die übelste bürgerliche Propaganda des Westens so hochgepriesen hat.

 

Der Kreis schließt sich so, wie er sich schließen musste: Freiheit und Demokratie „innerhalb der Klasse“ zu befürworten hat nur zum Ergebnis, mitten in die einzige Freiheit und Demokratie zurückzuplumpsen, die vor dem Abschluss der kommunistisch transformierten Gesellschaft historisch möglich ist, nämlich in die bürgerliche Freiheit und Demokratie – was nur ein anderer Name für die bürgerliche Diktatur ist. Und während Freiheit und Demokratie bloß das Gequake der Schwätzer produzieren, wird in der revolutionären Organisation, in primis et ante omnia[16], gerade der Meinungsfreiheit der Garaus gemacht.

 

Die heutige Epoche ist wider die proletarische Klasse, die Revolution, die revolutionäre Partei. Aber wenn die Zeit kommt, werden alle drei gemeinsam wiedererstehen. Vorerst ist es auch in unserer kleinen Bewegung dringend nötig, dem Ansinnen und Begehren nach dieser alles zersetzenden Freiheit des Geschwätzes den Garaus zu machen.

 

 

 

Quellen:

„Danza di fantocci: dalla coscienza alla cultura“; Il programma comunista, Nr. 12, Juni/Juli 1953.

* * *

MEW 19: Marx – Kritik des Gothaer Programms, 1875.

MEW 20: Engels – Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“), 1878.

 

 

 

 



[1] „1953-05-21 – Der Froschmäusekrieg“, „1953-06-12 – Das Gequake über die Praxis“ und „1953-06-25 – Tanz der Marionetten: Vom Bewusstsein zur Kultur“ sollten als ein Text gelesen werden.

[2] Da der Text von „Socialisme ou Barbarie“, auf den sich hier bezogen wird, auf Deutsch nicht verfügbar ist, sind alle Zitate rückübersetzt.

[3] „Diese Herren da machen wohl ein Material von sehr viel höherer Qualität.“

[4] „Wo der politische Staat seine wahre Ausbildung erreicht hat, führt der Mensch nicht nur im Gedanken, im Bewusstsein, sondern in der Wirklichkeit, im Leben ein doppeltes, ein himmlisches und ein irdisches Leben, das Leben im politischen Gemeinwesen, worin er sich als Gemeinwesen gilt, und das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft, worin er als Privatmensch tätig ist, die andern Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird“ [MEW 1, S. 354/55].

[5] Anspielung auf die „Philosophie de la misère“ bzw. „Misère de la philosophie“, die Marx’sche Kritik: „Das Elend der Philosophie“ an Proudhons „Philosophie des Elends“; MEW 4, S. 63 ff.

[6] Sorel, Georges (1847-1922): einer der Vordenker des revolutionären Syndikalismus – seine antiliberalen, gewaltbefürwortenden und aktionistisch-kompromisslosen („reine Tat“) Postulate hatten einen großen Einfluss vor allem auf französische und italienische Arbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts.

[7] arbitraire (frz.): Willkür.

[8] Hervé, Gustave (1871-1944): Führer der „ultralinken“ antimilitaristischen Fraktion der französischen Sozialistischen Partei; Gegner jeden Krieges. 1914 Kehrtwendung: offener Fürsprecher des bürgerlichen Chauvinismus.

[9] Corridoni, Filippo (1887-1915): italienischer Syndikalist, und Interventionist, d.h. er trat zusammen mit Mussolini aktiv für den Eintritt Italiens in den 1. Weltkrieg ein.

[10] „Die ‚ultralinken’ Gruppen (…) begnügen sich wie die ‚Rätekommunisten’ damit, aus der Erfahrung der Vergangenheit Rezepte für die ‚sozialistische’ Küche der Zukunft zu entwickeln“ (S. 54). Zitate mit Seitenangaben aus: Cornelius Castoriadis – Sozialismus oder Barbarei, Wagenbach (Politik 86), Berlin 1980.

[11] Siehe hierzu besonders die Seite 86 im Abschnitt „Proletariat und Revolution“ von SoB.

[12] Siehe MEW 20, S. 303.

[13] doléances (frz.): Klagen, Beschwerden.

[14] „1953-06-12 – Das Gequake über die Praxis“.

[15] Anspielung auf die Herkunft Castoriadis’: er lebte bis 1945 in Griechenland.

[16] In primis (lat.), ante omnia (lat.): zuerst und vor allem.