Filo del tempo
1953-05-21 - Der Froschmäusekrieg
Im Faden der Zeit [115]
Der Froschmäusekrieg[1]
Um den Ton anzugeben
Um zu zeigen, dass die Zeit der persönlichen Rolle in der Geschichte, sowohl was die geistigen als auch was die wirtschaftlichen Tätigkeiten angeht, abgelaufen ist, gaben wir im vorherigen „Faden der Zeit“[2] eine Textstelle Engels‘ wieder, in der die vierte und letzte Phase des Kapitalismus durch das Verschwinden der Bourgeois definiert ist: Indem sie dem Staat die „Produktions- und Verkehrsorganismen“ anvertraut, erweist sich die Bourgeoisie als „überflüssige Klasse“, deren gesellschaftliche Funktionen „durch besoldete Angestellte erfüllt“ werden [MEW 19, S. 228]. Engels unterstreicht des Öfteren diese Tatsache, die an nicht minder ausdrucksstarke Passagen von Marx anknüpft und in denen von den als bloße Statisten fungierenden Kapitalisten die Rede ist.
Natürlich haben wir diese Textstellen angegeben, um deutlich zu machen, dass, wenn schließlich der Staat die Betriebe leitet und kontrolliert oder gar die gesamte Industrie verstaatlicht ist, deswegen noch nicht von Sozialismus die Rede sein kann.
Doch ist das noch lange nicht alles. Weiter sind bei den Zitaten zwei Dinge wichtig. Erstens: Als sich die marxistische Lehre herausbildete, gab es bereits Verstaatlichungen, es waren daher für Marx und Engels keine neuen geschichtlichen Phänomene. Zweitens: Abgesehen davon, dass sie die systematische Ausbreitung dieser kapitalistischen Form als unausbleibliches Ergebnis der Kapitalkonzentration voraussahen, gründeten sie diese Vorhersicht auf die marxistische, der bürgerlichen entgegen gesetzten Begriffsbestimmung des Kapitals – das seit seinem ersten Auftreten eine gesellschaftliche Produktionsweise und -kraft ist, und nicht eine neue historische Form persönlichen Privateigentums.
Wenn es also keine Verstaatlichungen gegeben hätte und der moderne Staat imstande gewesen wäre, sich aus der Wirtschaft herauszuhalten, wäre nicht bloß eine Vorhersicht des Marxismus hinfällig geworden, sondern die anti-marxistische Theorie der kapitalistischen Produktion hätte unsere Theorie auch vernichtend geschlagen.
Anders gesagt: Seit seinem ersten Auftreten ist es kein wesentliches und kennzeichnendes Merkmal des produktiven Kapitals, auf die einzelnen Privatbesitzer seinen Namen zu überschreiben.
Die wesentlichen Merkmale sind andere, an die wir schon oft erinnert haben und auf die wir auch jetzt wieder geduldig zurückkommen wollen.
Wir votieren für die Unwissenden
Da diese Dinge klar auf der Hand liegen, können wir uns über manch intellektuelle Führer kleiner Grüppchen nur wundern, denen jene Schriften genau bekannt sind (denn sie zitieren sie selbst), und die nicht deshalb im Unrecht sind, weil ihre Gruppen und Strömungen nur wenige Mitglieder zählen, sondern weil sie sich anmaßen, mit nur wenigen Mitgliedern ein „Trockendock“ für Theorien einrichten zu können, welche Jahrhunderte der Geschichte „befahren“ und Millionen Gefolgsleute gelenkt haben.
Wenn dies tatsächlich möglich wäre, würde die marxistische These natürlich null und nichtig, wonach ein neues historisches Programm nicht im Kopf eines einzelnen Autoren, oder – noch schlimmer – in einem Kaffeehauszirkel mit Hang zum Existentialismus[3] das Licht der Welt erblicken kann.
Als Beispiel haben wir es hier mit der Zeitschrift „Socialisme ou Barbarie“ und ihrem Kompilatoren Chaulieu zu tun,[4] der kein Esel und nicht der Dümmste unter den Nicht-Marxisten zu sein scheint – wirklich schade.
Wer wird jene ausbessern, die die Schiffe ausbessern wollen? Uns geht es hier bloß darum, das Feld von ihrem Flickwerk zu räumen, ohne dass es uns um so manchen Bewunderer oder Mitarbeiter von „Socialisme ou Barbarie“, die die Ansprüche bloß nachäffen, leid täte: Obwohl es schon traurig ist, denn früher mal rühmten sie, ob mit Recht oder zu Unrecht, die theoretische Orthodoxie. Doch das große Schiff teilt besser denn je das stürmische Meer, und wenn diese Leute es über Wasser halten müssten, wäre es schon längst untergegangen.
Um nicht von bestimmten Personen und Ländern zu sprechen, soll von jetzt an allgemein von Ausbesserern und Flickschustern die Rede sein (mit den Flicken ist das nämlich so ’ne Sache; meistens kommt dabei bloß raus, die Sache zu verschlimmbessern).
Dass versucht wird, Lecks ausfindig zu machen, wird deutlich, wenn man Sätze wie den folgenden liest: „So haben andererseits die Entwicklung des Kapitalismus wie die Entwicklung der Arbeiterbewegung selbst neue Probleme, unvorhergesehene und unvorhersehbare Faktoren, zuvor ungeahnte Aufgaben auftauchen lassen, unter deren Gewicht die organisierte Bewegung zusammengebrochen ist, bis es schließlich zu ihrem jetzigen Verschwinden kam“ [S. 55].
Also, ab ins Dock für eine kleine Reparatur, um „sich dieser Aufgaben bewusst zu werden, auf diese Probleme zu antworten ...“ [S. 56]. Auf Deutsch würde man sagen: Er steckt uns ein Licht auf![5]
Nachdem sie kurz des Manifests der Kommunisten gedacht haben, dem vage das Verdienst zuerkannt wird, einige erste revolutionäre Ahnungen gehabt zu haben, und nachdem sie jenen Klassenkampf entdeckt haben, von dem Marx sagt, ihn nicht entdeckt zu haben, dreht und wendet man sich, um schließlich zu schlussfolgern, dass die Theorie heute eine ganz andere Sache sein müsse als 1848. Dass man nicht nur vorhat, einige Absätze hinzuzufügen oder gar einige „vertrocknete Zweige“ herauszuschneiden, um neue aufzupfropfen und den Baum zu veredeln, sondern dass es darum geht, den ganzen Stamm auszuwechseln, geht aus den albernen Zwischenüberschriften hervor, die jene klassischen aus unserem „Manifest“ nachäffen: „Bourgeoisie und Bürokratie“ und „Bürokratie und Proletariat“ und „Proletariat und Revolution“ an Stelle der berühmten: „Bourgeois und Proletarier“, „Proletarier und Kommunisten“. Dass also mit der Hauptthese – exit Bourgeoisie, ingredit Bürokratie[6] – nicht ein Teil, sondern das Ganze ausgewechselt wird, dass nicht der hölzerne Schiffsrumpf gewartet wird, sondern man sich brüstet, einen Rumpf aus Eisen zu bauen, werden wir nun zeigen.
In Wirklichkeit lassen diese „Dockarbeiter“ nur Papierschiffchen vom Stapel.
Ein neuer Protagonist
Da ihr jetzt sicher wissen wollt, was denn eigentlich für Marx und seine Nachfolger im Jahre 1848 bzw. 1914 „unvorhergesehen und unvorhersehbar“ war, werden wir eine weitere Hauptthese anführen: „Im Großen und Ganzen kann gesagt werden, dass der tiefe Unterschied zwischen der gegenwärtigen Situation und der von 1848 – durch das Erscheinen der Bürokratie als soziale Schicht – die Tendenz hat, die Ablösung der traditionellen Bourgeoisie in der Periode des Niedergangs des Kapitalismus sicherzustellen“ [S. 56]. Dieser auf der Geschichtsbühne neu entdeckte Akteur bekommt nicht irgendeine Neben-, sondern die Hauptrolle. Tatsächlich wird die Bürokratie als soziale Schicht (frz.: couche) vorgestellt, doch dann sehr schnell zur Klasse erhoben. Wie sonst sollte denn auch die soziale Lage in Russland, in der die Bourgeoisie verschwunden sein soll, durch eine Klassenstruktur und Klassenökonomie charakterisiert werden können? Eine Klasse ist das Proletariat, und die andere? Die Bürokratie – völlig klar.
Die Bestimmung der Bürokratie als gesellschaftlicher Klasse ist ein solcher Blödsinn, dass, würde man dies auch nur einen Augenblick lang zugestehen, unsere ganze Theorie, von den Zeiten des „Manifests“ bis zu Lenin (und zum Glück bis heute), im Eimer wäre und kein einziger Paragraph oder Abschnitt übrig bliebe: Doch würde das nichts weiter zu bedeuten haben, denn es wäre bloß der x-te Versuch, den Marxismus zu demolieren, und sie würden sich daran nur die Zähne ausbeißen! Nun ist es jedoch so, dass der einer solchen Konstruktion implizite Fehler in nicht nur anti-marxistischen, sondern sogar vor-marxistischen Aussagen steckt, die vom Marxismus nicht nur geahnt und vorhergesehen, sondern schon damals als abgestanden und fade bezeichnet wurden und die klassischen „passage à tabac“[7] abkriegten (die Prügel, die verhaftete Unglücksraben auf der Polizeiwache einstecken müssen).
Wir nehmen uns also vor aufzuzeigen, dass jeder, der sich zum Gefolgsmann der Ausbesser- und Flickschusterei vom „rive gauche“[8] zählen möchte, das natürlich tun kann, dann aber auch zugeben muss, jede Seite des „Kapital“ oder von „Staat und Revolution“ in Fetzen gerissen zu haben.
Denn das genaue Gegenteil der linken internationalen Position, vor oder nach Lenin, könnte kaum besser als mit folgenden Worten benannt werden: „Das Programm der proletarischen Revolution kann nicht das bleiben, was es vor der Erfahrung der russischen Revolution und der Veränderungen war, die nach dem zweiten Weltkrieg in allen Ländern des russischen Einflussbereiches stattfanden“ [S. 85]. Was nichts anderes heißt: Just diejenigen, deren Worte deutlich machen, nie verstanden zu haben, was das Programm der proletarischen Revolution war, ist und sein wird, machen sich daran, es neu zu schreiben.
Unsere Bewegung zielt hingegen auf den anderen Pol, und wir glauben, an dieser Arbeit einen nicht unerheblichen Anteil zu haben: „Das Programm der proletarischen Revolution muss das bleiben, was es vor der russischen Revolution und dem I. Weltkrieg und der Versumpfung der II. Internationale war“. Marx fand in der Kommune von 1871 das Programm des Manifests von 1848 wieder, so wie später Lenin im Oktober 1917 und den ersten Nachkriegsjahren. Wichtig zu sehen ist nun, dass im heutigen Russland nicht das Geringste davon übrig ist, das ist ganz klar, doch nicht aus den Gründen, die die Ausbesserer angeben: Es wäre ebenso wenig der Fall gewesen, wenn sich ihre Postulate durchgesetzt hätten, nämlich Demokratie, Arbeiterkontrolle, Abbau der Pfründe der bürokratischen Klasse. Etwas anderes verlangen sie ja nicht.
Gestern
Die Klasse, die schon alt geboren wird
Schon eine einzige Überlegung würde reichen, um mit der Entdeckung dieses „neuen Planeten“ im Sonnensystem der historischen sozialen Klassen – der Entdeckung der Bürokratie als Klasse – zu zeigen, wie völlig ahnungslos sie hinsichtlich der materialistischen Dialektik sind – und sie wieder in den metaphysischen Limbus des durch und durch bürgerlichen Denkens zu verbannen. Dieser leichtfertig hingeworfenen Parodie des „Manifest“ fehlt jede Erklärung, jede Rechtfertigung oder „Apologie“ jener neuen eigentümlichen Klasse, die den Platz der alten einnehmen soll. Wenn wir aber, wie behauptet, Zeugen ihres Erscheinens waren, dann waren wir Zeugen der Formierung und Durchsetzung einer „überflüssigen Klasse“, die der Marxismus, kaum war sie da, mit den passenden Worten begrüßt hat. Welch ein Unterschied zu jener Darstellung, die das „Manifest“ von der bürgerlichen Revolution, der bürgerlichen Eroberung der Welt gibt! Haben wir es demnach also mit einem Irrtum, einem Versehen, einer Missgeburt der Geschichte zu tun? Ist das Marxismus, oder doch nur der schmierige Idealismus einer heruntergekommenen Bourgeoisie!?
Aber warum macht ihnen denn diese Missgeburt mit dem schrecklichen Gesicht einer alten Greisin so viel Angst, dass sie sich, statt sie in Formalin zu werfen, gedrängt fühlen, das ganze „Programm der Revolution“ zu ändern und die „Hebamme der Geschichte“ in einen Feldscherkurs[9] zu schicken?
Diese Annahme, wonach eine Klasse den Machtapparat – und etwas anderes ist in marxistischer Sprache weder die Bürokratie noch der Staat – in Händen hält, nicht um die bestimmte Produktionsweise einer Klasse zu wahren und zu verteidigen, sondern um des eigenen Vorteils willen, um das Geld fürs Kino oder Bordell herauszuschlagen – diese Annahme ist die flachste Variante jener banalen Einwände, die immer schon gegen den Arbeitersozialismus erhoben wurden und stets so lauten: Ganz gleich, welche Kräfte ihr an die Spitze der Gesellschaft stellt, ihr werdet jedes Mal wieder von vorne anfangen, denn jeder, der regiert und leitet, tut das allein persönlicher Privilegien halber. Und jeder Spießer kann seinen Senf dazu geben, dass dagegen nur ein Rezept hilft: die Moral: Regierende und Regierte müssen ehrlich und anständig sein; es ist ein liberales Rezept, wonach der gewählte Führer der Diener der Wähler ist, wie z.B. im alten England oder im jungen Amerika! Und mit dieser Sprache wollt ihr Karl Marx etwas lehren, was er, der arme Kerl, nicht ahnen konnte? Geht, um gehörnten Ehemännern die Wahrheit ins Ohr zu flüstern – selbst das ist noch anständiger als euer Gewerbe.
In einer merkwürdigen und schludrigen Polemik gegen Trotzki, dem sie bei all dem, was er Richtiges sagt, Unrecht tun und vice versa, greifen sie eine schlechte sprachliche Wendung von ihm heraus (nachdem sie den vorhergehenden richtigen Satz, wonach die Bürokratie keine historische Zukunft hat, weggelassen haben): Wenn die Niederlage der Revolution der Bürokratie erlaube, ihre Macht weltweit zu befestigen, wäre dies „ein Regime des Verfalls, das den Untergang der Zivilisation bedeuten würde“.[10] Wie? Das Proletariat und der revolutionäre Marxismus stünden also bereit, mit ihrem Klassenprogramm einen Kuhhandel einzugehen, wenn sich zeige, dass sich der Fortschritt in einen Niedergang verwandele und eine allen Klassen gemeinsame und über den Klassenkämpfen stehende Zivilisation unterzugehen drohe? Fortschritt, Fackel der Zivilisation, mehr braucht es nicht, um völlig in dem unterzugehen, was Marx und Engels tausendmal als die Ideologie des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Sozialismus gegeißelt haben.
Die Ausbesserer möchten gern unser bisschen Marxismus überflügeln; mögen sie ihre Freude haben, wenn wir eingestehen: Wir werden keinen einzigen Buchstaben eintippen und keines jener Lichter aufstecken, um zu verhindern, dass auf den Kapitalismus ein Regime des Verfalls folgt und die heutige Zivilisation (für uns die finsterste überhaupt) zusammenbricht: Lassen wir das bürgerliche Regime im Dunkeln zu Bett gehen, wenn wir es nur loswerden.
Doch wir sollten ein wenig der Reihe nach vorgehen, um deutlich zu machen, dass der Anspruch des Ausbesserns in Wirklichkeit im – natürlich vergeblichen – Versuch besteht, das Schiff Stück für Stück abzuwracken. Sehen wir uns erst ein wenig den ökonomischen Verlauf und dann die Sache mit der politischen Macht an.
Dialektische Verkümmerung
Die Polemik beginnt damit, Trotzkis These widerlegen zu wollen, wonach Russland – nach dem Sieg der Bürokratie – noch immer ein Arbeiterstaat sei. Er habe gesagt (in Wirklichkeit müssten seine kritischen Bewertungen der Reihe nach und sehr viel sorgfältiger untersucht werden), was die Produktion angehe, sei die Wirtschaft infolge der Verstaatlichung der Industrie sozialistisch, doch nicht die Verteilung (oder besser die Zuteilung) der Einkommen (oder besser der Produkte). Aber statt diese Aussage mit dem klar auf der Hand liegenden Argument zu widerlegen, dass jede Produktionsweise den ihr angehörigen Distributionscharakter trägt, werden die grundlegenden Ausdrücke und Begriffe der marxistischen Ökonomie wild durcheinander geworfen.
Was die verschiedenen Stadien betrifft, die die gesellschaftliche Entwicklung in Russland seit dem Februar 1917 prägen, sehen und bestimmen wir sie anders als Trotzki und denken, dass bei ihm beständig eine „Phasenverschiebung“ vorliegt, wenn er das Verlassen der revolutionären Positionen feststellt – die erst auf taktischem, dann auf politischem, schließlich auf ökonomischem Gebiet eingetreten seien. Jedenfalls würde Trotzki (es heißt, seine Gefährtin Sedova habe dies gesagt) heute nicht mehr von proletarischer Taktik, Macht oder Ökonomie in Russland sprechen, das ist sicher.
Aber die unbestreitbare Überlegenheit Trotzkis über diejenigen, die sich über ihn stehend dünken, ihm in Sachen Marxismus jedoch nicht im Geringsten das Wasser reichen können, besteht darin, dass er die Entwicklung in die Aufeinanderfolge der historischen Ereignisse einordnet und versteht, dass das Verhältnis zwischen taktischer Vorgehensweise und Wirtschaftspolitik dann genau bestimmt werden kann, wenn sämtliche inneren und äußeren gesellschaftlichen Faktoren berücksichtigt werden. Und er vermag die sehr unterschiedlich verlaufenden Wege des Sieges, des Stillstands und der Niederlage der verschiedenen Revolutionen zu unterscheiden – auch wenn die jeweilige Lösung der Fragestellung nicht gerecht wird.
Seine Kritiker indes sehen gar nichts historisch und dialektisch, und wenn sie die Aufeinanderfolge der internationalen Geschehnisse wiederzugeben suchen, machen sie das im Krebsgang. Sie sehen alles in hoffnungslos starrer, formaler Art und Weise, und nur, weil sie bei Marx gelesene Wörter benutzen, glauben sie, neue und richtige Lösungen zu finden. Tatsächlich aber kommen sie über eine törichte „Analyse“ nicht hinaus, die so aussieht: Gebt mir eine Luftaufnahme von einem beliebigen Land, und ich sage euch wie die Produktions- und Distributionsverhältnisse aussehen, und dann welche „Farbe“ das Regime hat.
Bei dieser dialektischen Schwäche ist es unmöglich zu begreifen, dass es Momente gibt, in denen z.B. Wirtschaft und Politik, Produktion und Verteilung, sogar die Interessen der herrschenden und der beherrschten Klasse dem determinierten Gang der Dinge zu widersprechen scheinen, wie die Geschichte der Revolutionen und Konterrevolutionen dies Marx bereits vor 1848 gelehrt hat – und wie eine Überprüfung der späteren Ereignisse bestätigt, und zwar in einer Art und Weise, dass kein Nagel im Schiffsrumpf woanders eingeschlagen werden muss.
Die Produktionsverhältnisse
Auch wenn auf die klassischen Formulierungen zurückgegriffen wird, ist der wesentliche marxistische Begriff der „Produktionsverhältnisse“ kein bisschen verdaut, sondern sogar auf den Kopf gestellt worden. Welches Ziel wird verfolgt? Die Distributionsverhältnisse sollen an die der Produktion geknüpft werden – richtig; korrekt dargestellt haben wir diesen Zusammenhang anhand der warenproduzierenden Merkmale der russischen Wirtschaft, die ihren kapitalistischen Charakter beweisen, insofern die allgemeinen modernen historischen und politischen Bedingungen dort bestehen. Doch z.B. zu Zeiten der NEP konnte die Schlussfolgerung auch eine andere sein.
Schwerwiegend wird die Sache, wenn bei der hier vorliegenden Neubestimmung der Produktionsverhältnisse das marxistische Kriterium dermaßen verbogen wird, dass man gänzlich in den grobschlächtigen anti-deterministischen Idealismus zurückfällt. Tatsächlich landen sie, ausgehend von einer richtigen Feststellung, bei jener schon so oft zum Besten gegebenen Aussage: „Wir wissen (!), dass jedes Produktionsverhältnis hauptsächlich und unmittelbar (?) die Organisierung der Produktivkräfte in Hinblick auf das Produktionsergebnis ist“.[11]
In dieser Äußerung, in der ein Dutzend Wörter an der falschen Stelle stehen, lassen sich alle Varianten des bürgerlichen Denkens in Sachen Ökonomie und Philosophie ausmachen.
Das Ergebnis, auf das diese gewundene Darstellung schließlich hinauskommt, nämlich auf das Bewusstsein und den Willen, hat sich, unter falschem Namen, bereits in den verzerrten Ausgangspunkt eingeschlichen.
Wohlgemerkt: Das Theorem will das definieren, was alle geschichtlichen Produktionsverhältnisse, einschließlich der längst vergangenen, gemeinsam haben.
Die Formel läuft also auf die idealistischen und voluntaristischen Thesen hinaus: Am Anfang war das Bewusstsein, am Anfang war der Wille. Da schließlich irgend jemand die Produktion und Wirtschaft organisierte, bestimmte dieser irgendjemand sie natürlich nach seinem Plan, also seinem Willen. Und da dieser jemand das Ergebnis fest im Auge hatte, muss er auch im Besitz des Wissens und des Bewusstseins der ökonomischen Gesetze gewesen sein.
Bloß wer ist dieser jemand? Mit dem, der antworten würde: „Lieschen Müller“, hätten wir einen waschechten liberalen Antimarxisten vor uns, während ein anständiger Idealist, gleich welcher Strömung, sagen würde: „der außergewöhnliche Mensch“, und der unbeirrbar an die Offenbarung Glaubende: „der von Gott Gesandte“. Wer dieser jemand für die Flickschuster ist, können wir euch auch noch sagen, nämlich „die herrschende Klasse“ (in Russland also die Klasse der Bürokratie, Herrscherin über die ökonomischen Gesetze und die Produktionsergebnisse). Darin besteht der ganze Schwindel.
Sie behaupten, Marxisten zu sein, weil sie die Klasse hereinbringen, auch wenn es keine ist (oder vielleicht nur dann). Sie haben Marx gelesen und alles nachgeschlagen; sie zitieren ihn vielleicht mehr als wir, und besonders dann, wenn er das Gegenteil der „Organisierung im Hinblick auf das Produktionsergebnis“ zeigt. Es wäre besser gewesen, sie hätten ihn nicht gelesen, denn man kann das auch in einer Art ähnlich dem Einbrecher tun, der die Geldscheinbündel durch die Finger gleiten lässt. Ein Genosse der ersten Stunde machte sich manchmal einen Spaß daraus, an die Namen der Vielen zu erinnern, die große Kenner des Marx’schen Werkes waren, und doch seine schlimmsten Feinde.
Sagen wir es noch einmal, ihre These gilt allgemein für alle historischen Produktionsverhältnisse. Als ob ein indischer Maharadscha, dessen Gewicht der erzwungene Tribut in Gold aufwiegen musste, oder ein Feudalherr, der jahrzehntelang auf Kreuzzug unterwegs war, jemals auch nur ein Fitzelchen der Produktion organisiert hätte. Und wenn wir uns ihre These auf den Kapitalismus angewandt vorstellen, sehen wir den Rückfall (wie schon zuvor in die bürgerliche Philosophie) in die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft: Die Jagd nach dem Produktionsergebnis. Statt als widersprüchliche und instabile, den ökonomischen Determinismus beweisende Erscheinung wird der unwiderstehliche Sog der kapitalistischen, grenzen- und hirnlosen Produktion (was heißt, ohne Gesamtplanung und ohne sich des Ergebnisses bewusst zu sein) als eine bewusste und beabsichtigte Forschung nach den Ergebnissen seitens der herrschenden Klasse aufgefasst, welche das „materielle und persönliche“ Verhältnis ad hoc „aufbaut“. Wir sind endlich da: Das Ganze ist nur ein Verhältnis zwischen zwei Leuten, dem Unternehmer und dem Arbeiter. Und nun werden überhaupt alle geschichtlichen Klassen in dieser verknöcherten Form definiert, worin es eine Personengruppe gibt, die weiß, will und leitet, und eine andere, die still leidet und ausführt, so dass der Kampf zwischen den Klassen, und vor allem zwischen den aus der alten und der neuen Produktionsweise hervorgehenden Kräften, auf eine Reihe von Aspekten ein- und desselben ewigen Konflikts heruntergeschwatzt wird, nämlich den zwischen „Führenden“ und „Ausführenden“. Das ist die andere Kernaussage dieses krummen und schiefen Systems.
Wenn aber die oben genannte Formel positiv die sozialistische Produktionsweise kennzeichnen soll, könnte man tatsächlich sagen: Organisierung der Produktivkräfte in Hinblick auf das Ergebnis, aber keinesfalls dürfte man produktiv dazusetzen, was schon von weitem nach kapitalistischer Wirtschaft und Plusmacherei stinkt. Vielmehr: Ergebnis der Konsumtion, des Gebrauchs – was viel später in der klassenlosen Gesellschaft der Fall sein wird, dann, wenn sich die philisterhafte Sorge erledigt haben wird, verhindern zu müssen, dass die Führenden die Ausführenden bescheißen. Solange es jedoch Klassen gibt, ist die bewusste Verwirklichung des Ergebnisses sowohl für den Einzelnen wie auch die Klassen unmöglich. Für die Partei hingegen schon! Was Lenin vorgeworfen wird, proklamiert zu haben.
Thema verfehlt
Bewiesen werden soll, dass nationalisiertes und staatliches Eigentum nicht Sozialismus bedeuten – was richtig ist, aber der „Rechenweg“ ist falsch. Sie sagen, die Produktionsverhältnisse stünden auf einem Blatt, die Eigentumsformen auf einem anderen. Bei Marx sind es indes zwei Seiten desselben Blattes. Ob Betrieb eines Privatunternehmers oder Staatsbetrieb, die Eigentumsform ist dieselbe, man braucht sich nur, statt die Fabrik oder Maschine, das Verhältnis des Lohnarbeiters zum Produkt vor Augen halten. Die bürgerliche Eigentumsform haben wir, wenn dem Arbeiter jegliches Recht auf Aneignung des Fabrikprodukts genommen ist, und natürlich hat er auch keine Rechte auf die Produktionsmittel anzumelden, was sich schon aus der materiellen Tatsache der kombinierten Arbeit ergibt. Das wäre ja was, wenn jeder Arbeiter, z.B. laut Beschluss des „autonomen“ Betriebsrats, einen Stein aus der Mauer oder ein Rädchen aus der Maschine mit nach Hause nehmen könnte …
Und dennoch gehen sie von einer der vollkommensten Marx’schen Aussagen aus (die er bestimmt an einem Tag schrieb, an dem ihn nicht die verfluchten Karbunkel zu Tode quälten, und er vielleicht eine der grässlichen Zigarren weniger rauchte), die sich im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859 findet. Wir geben das Zitat hier wieder, wobei wir das, was sie weggelassen haben, in Klammern setzen:
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein (Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen). Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt (und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt). Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. (Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen) muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen (naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden) Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen (religiösen, künstlerischen oder philosophischen), kurz, ideologischen Formen, (worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären)“ [MEW 13, S. 8-9].
„Die Lektion, die dieser Text erteilt, ist klar“. Nicht wir sagen das, sondern die, die ihn verstümmelt haben, indem sie alle in Klammern gesetzten Zitate weggelassen haben. „Klar“! Wenn man diese Schrift einmal im Besitz aller physiologischen Kräfte gelesen hat, kann man ruhig Feuer an die Bibliothek legen und die Verschlingungen des Alphabets vergessen. Nicht zugelassen aber werden darf, dass Textstellen daraus zufällig, einfach so, weggelassen werden (schlimmer noch, wenn dies nicht „einfach so“ der Fall ist, sondern jedes Mal, wenn davon die Rede ist, dass das Bewusstsein den materiellen Bedingungen hinterhertrabt; statt dessen aber ist es gerade das Bewusstsein, der „Landeplatz“ des ganzen Sammelsuriums, das hoffnungslos, mindestens ein Jahrhundert, hinter diesem großartigen Lichtkegel zurück ist). Wenn dann jemand daherkommt, der – mit stolzgeschwellter Brust, weil er alles, was seit 1859 veröffentlicht wurde, nachgeschlagen hat – einige Wörter ändern will, bleibt nur noch der sprichwörtliche Hagel von Fußtritten in den Unterbau des Bewusstseins übrig.
Terminologische Eckpfeiler
Lesen wir die Stelle noch einmal in aller Ruhe: „Gesellschaftliche Produktion des Lebens“. Ein Verhältnis, das völlig jenseits der Person und seiner „Soll- und Habenseite“ liegt, worin die angeblichen Aktualisierungen hoffnungslos verdammt sind, ihren Spuk zu treiben. – Produktion der Lebensmittel durch die menschlichen Gemeinschaften und Reproduktion der Gattung, der zukünftigen Produzenten. Das Ganze niemals in einem Kopf, oder vielen Köpfen, geplant, sondern durch die jeweilige Stufe der materiellen Produktivkräfte bestimmt. Auch die Menschen sind eine Produktivkraft, die sich entwickelt, doch können sie nicht die durch die technischen Möglichkeiten determinierten Bedingungen sprengen: Hacke oder Pflug, Ruder oder Segel, Kufe oder Rad, Fauna, Flora, Beschaffenheit des Bodens. Das, und nicht das Geld im Portemonnaie, sind materielle Bedingungen. Das „Bewusstsein“ dieser Wenden kann man in den alten Sagen auffinden, wie der von Jason[12], der den Schoß Tehtys[13] durchpflügt, von Typhon[14], der, unter dem Ätna gefangen, diesen erbeben lässt, von Perdix[15], Erfinder des Rades und der Drehbank, der von seinem Lehrer Daidalos[16] – wütend, das „Flugzeug“ und nicht den Karren erfunden zu haben – getötet wird. Hinter dem Gerede von „Socialisme ou Barbarie“ kann man hingegen null Bewusstsein auffinden.
Produktionsverhältnisse sind das gleiche wie Eigentumsverhältnisse oder -formen, nur einmal ökonomisch, das andere Mal juristisch ausgedrückt. Vergebliche Müh’, daraus zwei verschiedene Dinge machen zu wollen und zu diesem Zweck die Passagen wegzulassen, die das Recht aus den ökonomischen Verhältnissen ableiten.
Im Sklavenhaltertum ist das Produktionsverhältnis dadurch bestimmt, dass das Arbeitsprodukt des Sklaven für seinem Herrn ist, der es ihm nur mit den notwendigsten Nahrungsmittel vergütet, und der Sklave nicht weggehen kann, um für einen anderen oder sich selbst produzieren. Die Eigentumsform ist hier das Eigentum an der Person des Sklaven und dessen Leben, was das gleiche ist wie oben, nur juristisch ausgedrückt.
Produktivkräfte sind die Geräte, Maschinen, alle möglichen Arbeitsmittel, die Rohstoffe und Lebensmittel, die die Natur bietet und natürlich, zu allen Zeiten, die arbeitende Klasse. Produktionsweise ist der jeweils große geschichtliche Typus der produktiven Verhältnisse: Technische Mittel und Eigentumsform. Der Boden wird sukzessive vom Urkommunismus, vom Sklavenhaltertum, der Leibeigenschaft, der Lohnarbeit, in der ihnen jeweils angehörigen Art und Weise bebaut. Für die Herstellung von Waren stellen sich die urkommunistischen Gemeinwesen, die Sklaverei und das freie Handwerkertum nach und nach als unzureichend heraus, so wie schließlich auf einer bestimmten Stufe auch die Lohnarbeit.
Der Kapitalismus ist eine der großen historischen Produktionsweisen und wichtigsten Eigentumsformen. Dieser genau gekennzeichneten Form und seinen Merkmalen kann man nicht scheinbare Ersatzformen unterschieben, wie Privatkapitalismus, Staatskapitalismus, oder Bourgeoisiebürokratie.
Es gibt noch ein Missverständnis. Eigentumsformen beschreiben Rechtsverhältnisse. Sie bestimmen und erklären sich durch den ökonomischen Determinismus, was eine Sache ist; eine weitere, zum Verständnis von Ideologie, Religion, Philosophie etc. zu kommen.
Die Eigentumsform ist ein materielles Verhältnis. Der in der bestehenden Rechtsordnung verankerte Staat ist ein physischer Mechanismus, sehr viel handgreiflicher als ein philosophisches System. Wenn der Sklave flieht, fangen ihn die Schergen des Staates wieder ein. Wenn der Lohnarbeiter ein Produkt mitgehen lässt, wird man ihn verhaften, wenn er vom Unternehmer in der Fabrik festgesetzt wird, wird ihn sogar die Polizei befreien. Die Eigentumsformen sind materielle, ökonomisch wirkende Kräfte und nicht bloß „mystifizierende“ Faktoren! Ich kann mir einreden, mit meinem Bewusstsein außerhalb der marktwirtschaftlichen Mystifikation zu stehen, doch das, was ich konsumiere oder verzehre, kaufe ich selbstverständlich und absolut dem Wertgesetz gehorchend. Wirklich: Bei diesen Leuten steht kein Begriff mehr an der richtigen Stelle.
Metaphysik der Ausbeutung
Wir bleiben noch ein wenig beim Ökonomischen. Ihre ganze Auffassung besteht in einem endlosen Kampf gegen eine einzige Feindin, nämlich die Ausbeutung. Die rebellierenden Opfer wechseln: Sklaven, Leibeigene, Lohnarbeiter usw., doch das Ungeheuer ist immer dasselbe. Wir sind hier mitten in der „Philosophie des Elends“ à la Proudhon. Eine Sache, die 1847 unter die Erde gebracht wurde – und dann soll es 1848 „ungeahnte Aufgaben“ gegeben haben?
Tragisch, wenn ein Satz wie: „Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um“, gelesen, aber nicht verstanden wird. Nun, erst heute, im reifen Kapitalismus, sind die Ausbeutung des Lohnarbeiters, die Überarbeit und der Mehrwert, Fesseln. Als der Kapitalismus entstand, waren es nützliche Entwicklungsformen der Produktivkräfte. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren Mystifikationen (woran „Socialisme ou Barbarie“ ganz en passant erinnert), völlig richtig. Und sind es noch (die sie ja auch wieder scheinheilig der proletarischen Klasse unterjubeln, und dabei ganz das Rezept des Bewusstseins vergessen), solange bis es, endlich, weder Klasse noch Proletariat geben wird. Aber keine Mystifikation war es, dass der vom Lohnarbeiter – nicht vom freien Handwerker – hergestellte Gegenstand, meinetwegen eine Schere, dem „Armen“ erlaubte, eine Schere statt keine oder vier Scheren statt einer, im Hause zu haben. Eben weil er noch unbewusst den herkömmlichen Formen anhing, widerstand der grausam enteignete Handwerker dem subjektiven Interesse. Sein Lebensstandard sollte sich erhöhen, weil er Lohnarbeiter wurde.
Zumindest im unmittelbaren Sinne leistete der Handwerker keine Mehrarbeit. Doch die dann in den neuen Betrieben und Fabriken vereinigten Lohnarbeiter massig mehrarbeiten zu lassen, war der einzige Weg, das seither gesellschaftliche Kapital zu akkumulieren und es zum heutigen Stand an technischen Mitteln zu bringen. Dass dies nur durch Ausbeutung möglich wurde, ist ein dem Marxismus fremder und dumm-moralischer Einwand.
Der ökonomische Grundirrtum besteht darin, alles auf den Wettkampf um den Mehrwert zu reduzieren, der mit dem unvermeidlichen „Heißhunger nach Mehrarbeit“ verwechselt wird. Anfangs ermöglichte die kapitalistische Produktionsweise einen größeren gesellschaftlichen Reservefonds bei weniger Arbeit der Lebenden. Nicht weil sie die Dummen waren, sondern aus Gründen der materiell determinierenden Wirkung der modernen und in der Zukunft sich frei entfaltenden Produktivkraft halfen die Arbeiter mit, die Fesseln der Leibeigenschaft und kleinen Warenproduktion zu zerreißen. Allmählich führte das Gesetz der Jagd nach Mehrarbeit, das dem Kapital eben die „Organisation in Hinblick auf ein Ziel“ verbietet, dazu, dass die neue Produktionsweise für die Gesellschaft nachteilig wurde. Wir haben es hier von daher nicht mit einem absoluten ethischen Wert zu tun, sondern mit einem messbaren Schwinden des gesellschaftlichen Nutzens. Offenkundig sehen die, die Marx flicken wollen, aber noch unter Lassalle stehen, in dem Kampf zwischen zwei historischen Produktionsweisen nur den Konflikt zwischen Arbeitern und Unternehmern bzw. Arbeitern und Bürokraten, und pressen diesen Konflikt in den engen Rahmen des Profits, der heute übrigens bei hoher Mehrwertrate (aufgrund der Maschinerie) niedrig ist.
Und da sie in der „Einkommensverteilung“ befangen sind und die Sätze verkehrt herum lesen, die sie aus einer anderen großartigen Schrift („Kritik des Gothaer Programms“) über das über die ganze Oberfläche der Gesellschaft verteilte Elend zitieren, sind sie außerstande zu sehen, dass man zunächst einmal auch von einer anderen These ausgehen kann: dass nämlich die betrieblichen und staatlichen Verwaltungskosten zu den Abzügen gehören, in die sich der Profit aufteilt. Um einen raschen Übergang von der halbasiatischen parzellierten Wirtschaft zum Binnenmarkt und einer blühenden Industrie zu schaffen, und auf dem komplexen Weg, der weltweit in Richtung der marxschen Verbesserung der „Bedingungen der lebendigen Arbeit“ zu gehen ist, sollte der abgepresste Betrag, den die russische Bürokratie allein für den persönlichen Konsum abzweigt, wohl das Geringste aller Übel sein. Die Diskussion, die sie mit den Zahlenangaben Trotzkis und stalinistischer Apologeten führen und ihre klare und überlegene Analyse ausmachen soll, zeigt nur, dass sie noch einen langen Weg vor sich haben, um die Höhe zu erreichen, auf der die ökonomische Wissenschaft war, als sich die neue dem Proletariat angehörende Theorie bildete. Sie streiten um ein paar Groschen, wie das Dienstmädchen, das die vom Einkauf übrig gebliebenen Pfennige in die Schürzentasche steckt, und sehen nicht die Welt, die es zu erobern gilt.
Heute
Staat und Revolution
Nachdem wir gesehen haben, wie der unselige Snobismus stets fürchtet, hinter den neuesten Beiträgen der konformistischen Wissenschaft zurückzubleiben und wie die Sucht zu verbessern und zu aktualisieren es dahin gebracht hat, alle Abschnitte unserer ökonomischen Theorie zu leugnen, sehen wir uns nun den politischen Verlauf näher an.
Was ist für uns der Staat? Ein Verwaltungs- und vor allem Gewaltapparat, der für die Menschengemeinschaften keineswegs notwendig ist (soweit haben, sagt Lenin, die Anarchisten Recht), denn es gab Gesellschaften ohne Staat und wird sie wieder geben (die Erklärung dafür finden wir bei Engels).[17]
Solange es jedoch Klassengesellschaften und -kämpfe gibt, muss es auch den Staat geben. Bis dahin sind auch die Anarchisten einverstanden.
Genauer gefasst ist der Staat einer gegebenen Epoche eine bestimmten ökonomischen Verhältnissen entsprechende und mit ihr einhergehende gesellschaftliche Form des Eigentums, die dann diese Verhältnisse gewaltsam zu wahren sucht, auch dann, wenn sie zu „Fesseln für die neuen Produktivkräfte“ geworden sind, welche das allgemeine Wohlergehen heben könnten.
Der Staat, als Gesamtheit der bewaffneten wie zivilen Institutionen (der bürokratische Apparat: Polizei, Armee, Verwaltung und sogar Klerus), ist also nicht immer das absolut Böse. Nach der antifeudalen Revolution hatte der französische Staat mit seiner Phalanx von Beamten, seinem stehenden Heer, seiner Nationalgarde, seiner Gendarmerie etc., die Aufgabe, gegen die Reaktion zu kämpfen, was heißt, er war Ausdruck des Kampfes der neuen Kapitalisten gegen die alten aristokratischen Landherrn. Noch mehr. Die Existenz des Staates erklärt sich mit der Existenz dieser beiden Klassen, und in genau dieser Phase ist er ein Werkzeug, das die Fesseln zerreißt, nicht aneinanderschmiedet. Noch genauer formuliert, drückt er den Kampf einer zukünftigen Produktionsweise (Kapitalismus) gegen eine überkommene und verfallende (Feudalismus) aus – es ist ein historischer und universeller Kampf. Neben der gesellschaftlichen Gliederung in Frankreich drückt ein solcher Staat in einem solchen geschichtlichen Moment den Druck aller sich im Kampf befindenden bürgerlichen und proletarischen Klassen aus, so dass man sagen kann: Über das Netz weltumspannender Interessen hinaus drückt er das Potenzial von etwas noch Tieferem aus: Die unwiderstehliche Zeugungskraft der materiellen Produktivkräfte der Zukunft.
Nach dem gleichen Maßstab haben wir die Formen und die Kämpfe eines solchen Apparates zu bewerten; der großartige Gesamtzusammenhang ist in den drei klassischen Schriften von Marx dargestellt.
Nicht innerhalb eines kontinuierlich verlaufenden Werdegangs, sondern durch einen sehr verwickelten und komplexen Prozess werden die „antiformistischen“ Funktionen dieses Apparates zu „konformistischen“ und es erhebt sich gegen ihn eine Klasse und eine Kraft mit dem Ziel, ihn zu stürzen.
Kurz gesagt ist der Staat jener Apparat, der sich auf eine Klasse stützt, die eine bestimmte Produktionsweise durchsetzt und verteidigt, und nach ihrem revolutionären Erfolg der Rückkehr der alten Kräfte und Formen trotzt.
Somit muss natürlich jede sich im Übergang zwischen zwei Produktionsweisen befindende Revolution, und insbesondere die kommende des Proletariats, den alten Staat zertrümmern und seine Hierarchien und sein Personal auseinanderjagen. Genauso klar aber ist (und dies verstehen die Anarchisten nicht und die mehr oder minder anarchistisch gefärbten Gruppen rümpfen die Nase), dass für die ganze Zeit, in der die alte Produktionsweise noch Kräfte und Verteidiger nicht nur inner-, sondern auch außerhalb des Landes hat, neue Formen des Staates, der Armee und der Bürokratie gebraucht werden.
Anarchistische Züge offenbaren sich in jenen merkwürdigen Worten: „Die Macht der bewaffneten Massen, die schon nicht mehr ein Staat im gewöhnlichen Sinn des Wortes ist“ [S. 84]! Hier, über dem Marxismus stehend, reichen sich Liberalismus und Anarchismus der romantischen Version die Hand.
Das Absterben der Bürokratie
Die für Marx und Lenin notwendige Bildung des neuen revolutionären Staates, der Diktatur des Proletariats, ist darin begründet, dass zwar die politische Machteroberung ein jäher Sprung ist, nicht aber die vollständige Ablösung der alten durch die neue Produktionsweise, das Verschwinden der Klasse, die vorher die Macht hatte und für die alte Produktionsweise steht, das Gewicht der äußeren Kräfte, die dieselbe Produktionsweise verteidigen und sich der neuen entgegenstemmen, und vor allem auch die Reste der alten Überbaustrukturen, deren Wirkung die gesellschaftliche Ideologie und die Denkformen beherrscht – all das verschwindet erst mit der Zeit. Das heißt, der Staat wird nicht abgeschafft, sondern, den alten stürzend, wird auf dessen Trümmern ein neuer gebildet, und erst in einem langen Prozess, dessen Dauer von der Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Kräfte im Innern und von dem internationalen Kräfteverhältnis abhängt, stirbt der Staat ab. Alles altbekannt, und unsere Flickschuster tun so, als ob sie hier keine Nachbesserungen vornähmen.
Sie selbst zitieren sehr klare Textstellen von Engels, laut dem sich dieser Verlauf nicht dadurch ändert, dass die Kapitalkonzentration das Stadium des Staatsindustrialismus erreicht. Denn die „Verwandlung“ in „Staatseigentum hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte“ nicht auf, „der moderne Staat“ ist der „ideelle Gesamtkapitalist“ [MEW 19, S. 222].
Das nun ist der springende Punkt. Wenn die Produktionsmittel, die zersplittertes und persönliches Eigentum der selbstwirtschaftenden Einzelarbeiter waren, durch einen Privatfinanzier oder den Staat zu Kapital werden, ist das ein Prozess hin zur kapitalistischen Produktionsweise. Wenn das Kapital gesellschaftliches Produktionsmittel wird, das heißt, diese Mittel ohne die Lohnform in der Produktion und ohne den Warencharakter des Produkts in der Distribution angewandt werden, dann handelt es sich um den Prozess von der kapitalistischen Gesellschaftsform zur sozialistischen. Der zweite Übergang kann natürlich weder durch Privatleute noch durch den politischen Staat der bürgerlichen Klasse vollzogen werden, sondern allein durch den neuen revolutionären Staat, die Diktatur des Proletariats.
Dieser Lösung kommt man nicht näher, wenn man sie in der „Einkommenspyramide“ sucht oder sich über das Missverhältnis bei den russischen Gehältern aufregt – das im Übrigen erst die sozialistische Revolution, in den Fußstapfen der Pariser Kommune und im Stadium eines entwickelten Kapitalismus, beseitigen wird.
Man muss jedoch sehen, dass der Arbeiterstaat, der allein jene Aufgaben der Transformation der Produktionsweise zu erfüllen vermag, sehr wohl gezwungen sein kann, Formen des Staatskapitalismus, also auf der Basis von Lohnarbeit und Marktwirtschaft, zuzulassen – dies nicht nur in Phasen technischer Entwicklungen im Innern, sondern auch in solchen des internationalen politischen Kampfes. Mit anderen Worten, er kann in bestimmten Stadien (und die heutige stalinistische Phase ist darüber schon lange hinaus) der politische Staat des Proletariats und der zukünftigen sozialistischen Produktionsweise auf Weltebene bleiben, obwohl er sich noch um die davorliegende Transformation der „Produktionsmittel in Kapital“ kümmern muss.
Der russische Staat, mit seiner nicht wegdenkbaren Bürokratie, ist heute – wie jeder andere frühkapitalistische Staat auch – nur damit „betraut“, die Produktionsmittel in Kapital zu transformieren, er ist zu einem Apparat geworden, der nicht mehr für die proletarische Produktionsweise kämpft, sondern wie alle anderen bereit steht, die kapitalistische zu verteidigen.
Wollt ihr erleben, dass diese theoretisch apologisierte Bürokratie ohne Revolution und Krieg von der Bildfläche verschwindet? Haltet ihr wirklich den Übergang zur sozialistischen Produktionsweise für möglich? Dann solltet ihr lernen, dass dies das Verschwinden des Markts bedeutet, ebenso wie der Preise, der betrieblichen Arbeitsteilung und der Löhne, der Berufssparten und der Trennung zwischen Stadt und Land, ihr werdet dann begreifen, dass das Licht, das diese Beamten jeglicher Couleur ähnlich armseligen Kerzenstummeln spenden, von selbst verlöschen wird und ihnen die Ehre – mindestens fünf Nummern zu groß für diese trägen ronds-de-cuir[18] – abzusprechen ist, einen Abschnitt der Geschichte nach ihnen zu benennen.
Ilias und Froschmäusekrieg
Nun aber „die andere Lösung“, die seit Jahrhunderten besteht und die Probleme der Flickschuster sowie die angeblich dem Marxismus unbekannten Tatsachen zu klären vermag.
Die mächtigen Waffen der Kritik werden von ihnen durch das Geschwätz über die Einkommenstabelle ersetzt, durch die Suche danach, welchen Anteil die Einkommen am Mehrwert haben – was sie jedoch nicht angeben können, vor allem nicht, wie sich das Verhältnis qualitativ verändert: höher oder niedriger, was den Verlauf des Expansion des Kapitals belegt und von ihnen gegen die gewöhnliche Palinodie eingetauscht wird: größere Ausbeutung gleich sinkender Lebensstandard, und anderen Unsinn.
Nachdem das marxistische Schema glücklich beseitigt wurde, gemäß dem es (mindestens) zwei Klassen gibt, und der Staat nur eine davon vertritt (und somit die Marx’sche Schrift über die Pariser Kommune und die Lenins über Staat und Revolution in Stücke zu reißen), besteht ihre Lösung darin, die russische Bourgeoisie als nicht existent zu unterstellen und die sowjetischen Bürger in „Arbeiter“ und „Bürokraten“ einzuteilen. Doch das Produktionsverhältnis als ein Verhältnis zwischen Arbeitern und Staat gesetzt, wäre wie eine Einbahnstraße: Es gäbe keine Klassendifferenz und keinen Klassenkampf. Diese willkürliche und irreale Einteilung ist übelste Parodie des Marxismus. Sie ist gleichbedeutend damit, den in der „Ilias“ mythisch dargestellten Zusammenstoß zweier historischer Gesellschaftsformen durch eine Art Streit zu ersetzen, der im wahrscheinlich ebenfalls homerischen Gesang vom „Froschmäusekrieg“ humoristisch erzählt wird.
In der „Ilias“ stoßen zwei alte Kulturen in einem ungeheuren Kampf aufeinander, der die Geschichte in den darauf folgenden Jahrhunderten bestimmt. Einerseits die sesshaften, auf Agrarwirtschaft gegründeten asiatischen Satrapien, in denen die noch nomadischen Völker und noch kommunistischen Stämme den ewigen Monarchien und theokratischen Herrscherhäusern tributpflichtig sind (Marx zeigt, wie die kommunistischen Stammesgemeinschaften mit ein paar Verwaltern auskommen: Ein Dutzend, einschließlich des Astrologen, in jedem Stamm.[19] Weswegen die Männer der Feder, mit denen wir es hier zu tun haben, nichts Neues erfunden haben, nicht einmal auf dem Gebiet der Redekunst: Die Barbaristen sollten wissen, dass es zwischen herrschender Bürokratie und Barbarei keine Parallele gibt, sondern einen direkten Gegensatz!) – andererseits das seefahrende, Handel treibende, zu jener Zeit relativ industrielle ionische und äolische Geschlecht, dessen juristische und philosophische Überbaustrukturen, der geniale Individualismus, es beinahe mit der romantischen Bourgeoisie der Neuzeit aufnehmen. Zwei wahrhaft verschiedene Welten und Formen menschlicher Organisation – die schon allein das Ergebnis des Unterschieds in den geographischen Gegebenheiten sind: einerseits weite Wüstenstriche und endlos sich hinziehendes Binnenland, andererseits wild zerklüftete Küstenlinien von Halbinseln und Archipelen; einerseits das zu jener Zeit eisige und düstere Klima des Riesenkontinents, andererseits das milde und gemäßigte der lichten mediterranen Strände – stoßen aufeinander, als die Streitwagen Hektors und Archilleus unbarmherzig aufeinanderprallen.
Doch mit der Statistik des an jedem ersten des Monats fälligen Gehalts erlischt das Bild, wie wenn die kleinen Mäuse und Frösche, die jeder auf den ersten Blick unterscheiden kann, aneinander geraten, wobei sie vor dem Duell mit lauter Stimme die Schmähreden der Heroen nachplappern, die Wechselfälle des zehn Jahre währenden Krieges zwischen den Kontinenten nachahmen und mit ihren lustigen Spitznamen die Trojaner und Achaier nachäffen.
Der Unterschied zwischen dem Zusammenstoß der kapitalistischen und sozialistischen Produktionsweise und der vorliegende Versuch, die russische Gesellschaft zu beschreiben (unfähig, auch nur eine Episode der Geschichte anzuführen, die, wir sagen nicht, ein homerisches Buch, sondern eine Agenturmeldung von Reuter füllen könnte) ist derselbe wie der zwischen dem großen epischen Gesang und der amüsanten Mäusefroschstreiterei.
Quellen:
„La batracomiomachia”; Il programma comunista, Nr. 10, Mai 1953.
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MEW 13: Marx – Zur Kritik der Politischen Ökonomie, 1859.
MEW 19: Engels – Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, 1880.
[1] Aufgrund der verheerenden Situation der Arbeiterbewegung nach dem II. Weltkrieg gab es zahlreiche Versuche linker anti-stalinistischer Gruppen ihr mit einer revolutionären Linie eine neue theoretisch/praktische Orientierung zu geben. Da für diese Gruppierungen die Entwicklung des Kapitalismus „neue Probleme, unvorhergesehenen und unvorhersehbare Faktoren, zuvor ungeahnte Aufgaben auftauchen“ ließ, fühlten sie sich dazu verpflichtet, den Marxismus zu aktualisieren. Bordiga sah in diesen „Verbesserern“, für die hier exemplarisch „Sozialismus oder Barbarei“ steht und deren nicht wenige Mitglieder aus den Reihen der italienischen Linken kamen, hingegen die gefährlichsten Feinde für die Theorie des Kommunismus, weil sie gerade durch diese Herangehensweise die historische Invarianz und Totalität des Marxismus negieren. Daher finden sich in den Schriften Bordigas immer wieder Bezüge zu „SoB“; um nur einige zu erwähnen: „1951-11-01 – Die Lehre vom ‚Teufel im Leibe’“ und 1951-11-13 - Vorwärts, Barbaren!“.
„1953-05-21 – Der Froschmäusekrieg“, „1953-06-12 – Das Gequake über die Praxis“ und „1953-06-25 – Tanz der Marionetten: Vom Bewusstsein zur Kultur“ sollten als ein Text gelesen werden.
[2] Es handelt sich um: „Fantasime Carlailiane“, Il programma comunista, Nr. 9, Mai 1953.
[3] Wie bei allen bürgerlichen Philosophien geht es stets um den Einzelnen, die individuelle Existenz: Sie ist dem Menschen nicht gegeben, sondern nur seine Möglichkeit, die er realisieren kann oder auch nicht. Der Mensch schafft nach Ansicht der Existenzialisten seine Existenz: sie ist sein „Entwurf“.
[4] Alle Zitate aus: Cornelius Castoriadis – Sozialismus oder Barbarei, Wagenbach (Politik 86), Berlin 1980. Castoriadis benutzte als Pseudonym: Chaulieu.
[5] Jemanden ein Licht aufstecken: Jemandem etwas erklären, ihn über etwas aufklären; alte deutsche Redensart.
[6] Bourgeoisie raus – Bürokratie rein.
[7] passage à tabac (frz.): durchprügeln, vertobacken.
[8] rive gouche (frz.): linkes Ufer.
[9] Feldscher: bis ins 18. Jahrhundert unterste Stufe des Militärarztes, auch: medizinische Hilfskraft.
[10] Das Zitat sowie die Polemik gegen Trotzki sind in der deutschen Übersetzung nicht zu finden. Bezieht sich wahrscheinlich auf Trotzkis „Die UdSSR im Krieg“ vom 25.9.1939 (in: „Verteidigung des Marxismus“, Berlin 1973).
[11] Zitat nicht auffindbar.
[12] Jason: zog mit den nach dem Schiff Argo benannten Argonauten aus, um das Goldene Vlies nach Griechenland zu bringen. Der historische Kern der Argonauten-Sage ist das Vordringen der Griechen an die Küsten des Schwarzen Meeres.
[13] Thetys: in der Erdgeschichte ein Ozean im Osten des Superkontinents Pangaea; Reste des Meeresbodens der Tethys finden sich nordwestlich von Australien, im östlichen Mittelmeer sowie im Schwarzen Meer.
[14] Typhon: ein furchtbares Ungeheuer, jagte die Götter in die Flucht, bis auf Zeus, der, nach wechselvollem Kampf, den Ätna auf Typhon wälzte. Seitdem ist er unter dem Ätna gefangen, den er in seiner Wut immer wieder erbeben sowie Feuer und Gestein spucken lässt.
[15] Perdix (je nach Quelle auch Talos oder Calos) erfand u.a. die Säge, den Zirkel und die Töpferscheibe.
[16] Daidalos: ein großer Künstler und Erfinder aus Athen; in Gefangenschaft fertigte er für sich und seinem Sohn Ikarus aus Vogelfedern und Kerzenwachs Flügel, und mit diesem „Flugzeug“ konnten sie entkommen. Zudem war er aber auch eitel und neidisch, so dass er seinen Neffen Perdix, den er wegen dessen noch größerer Begabung fürchtete, von Athenes Burg stürzte.
[17] Siehe: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, in MEW 21, S. 25ff.
[18] rond-de-cuir (frz.): „rundes Leder“, Sitzkissen; hier: Büromensch, Bürokrat.
[19] Siehe: Marx – Das Kapital I, 1867; MEW 23, S. 378 f.
