Filo del tempo
1954-02-19 - Differenzialrente - Integralappetit
Im Faden der Zeit [126]
VII. Differenzialrente - Integralappetit
„Hors d'œvre"1
„Wir sind nun an dem Ort, wo ich dir sagte"2..., wir sind nun bei dem schrecklichen Kapitel, das im erbarmungslosen Räderwerk des Schulbetriebs der Schrecken aller Studiosi ist, wo nur die klassische Eselsbrücke noch helfen kann, wo die Gefahr besteht, dass das leuchtende Ideal ins Wanken gerät, was heißt, freudestrahlend aus dem Hörsaal zu gehen und dem Dozenten mit der skurrilsten aller Gesten zuzuwinken (jede Ähnlichkeit mit politischen Grußzeichen ist rein zufällig).
Die Scholastik war das Ruhmesblatt des Mittelalters und ist das Armutszeugnis der Moderne. Sie ist eines der Gebiete, auf dem der Kontrast kaum schärfer werden kann: Einerseits der für den Triumph der Bildung und Kultur schwärmende Taumel, andererseits die grelle Praxis des Verbreitens und Festklopfens der Klassenlüge, der Liebedienerei, des Sich-Durchlavierens, des Karrierismus, worin all jene vorne weg sind, die stets das große Ziel des bürgerlichen Lebens vor Augen haben: Käuflichkeit und Müßiggang.
Nicht ohne Grund sagten wir, dass die Meister des Kommunismus mehr zur Agrar- als zur „industriellen" Frage geschrieben haben. Wenn dem Auftreten der bürgerlichen Gesellschaft und der Herausbildung der ökonomischen Wissenschaft nachgegangen wird, bezieht sich die bestimmende Fragestellung weder in der organischen noch in der historischen Darstellung der Lehre auf die Bilanz des unmittelbaren, arbeitenden und konsumierenden Produzenten, ebenso wenig auf die Bilanz des kapitalistischen, produzierenden und verkaufenden „Betriebs". Bestimmend ist vielmehr das riesige Tableau der Bevölkerung und ihrer Ernährung, die Untersuchung des komplizierten Mechanismus, durch den die Menschen zu ihrer Nahrung kommen - was immer weniger einfach war, seitdem Eva den Apfel pflückte, ohne zuvor irgendwelche Kalkulationen angestellt zu haben.
Diese Frage beschäftigte alle: Quesnay, Ricardo, Malthus. Letzterer, mit seiner Theorie der ungleichen Entwicklung zwischen Nahrungsmittel und Mündern (Nahrungsmittel steigen in arithmetischer 1-2-3-4, die Bevölkerung in geometrischer 1-2-4-8 Progression - daher der Hunger) wurde von Marx systematisch widerlegt. Ein Pfaffe, dessen Gott sagt: „Seid fruchtbar und mehret euch", rät den Menschen, die „Mäuler" zu verringern, also, da die Nahrungsmittel nicht vermehrt werden könnten, weniger Kinder zu zeugen. Der anglikanische Geistliche schlägt nicht vor, zu lieben ohne zu zeugen, sondern die Frage dreht sich um die Enthaltsamkeit, das heißt den Verzicht auf die Liebe: Ein altes Rezept des Frühmittelalters und einer von Sankt Benedikt und Karl dem Großen ersehnten Ökonomie, worin die Gemeinschaften zum Zwecke des Essens und nicht der Fortpflanzung arbeiten. Doch wir ziehen, wie gewöhnlich, den Hut vor Benedikt und Karl, die mit ihren Kloster-Betrieben3 die zügellose Unterdrückung der Arbeitsheere und zugleich die spätere assoziierte Ökonomie voraussahen, während Malthus auf das Unmögliche und Nicht-menschliche zurückblickte. Und Marx, der ganze Kapitel schrieb, in denen er z.B. die Gleichungen Ricardos oder die Bemühungen der englischen Ökonomen zur Erklärung der Kornpreisschwankungen untersuchte, verschwendet keine Zeile, um die Malthus'schen Angaben „nachzurechnen", sei es auch nur, um ihn ad absurdum zu führen - er räumt ihn einfach mit nicht-mathematischen Fußtritten aus dem Weg. Hierzu ein Zitat als Aperitif zur reich gedeckten Tafel:
„Grundgemeinheit der Gesinnung charakterisiert den Malthus, eine Gemeinheit, die nur ein Pfaffe sich erlauben kann, der in dem menschlichen Elend die Strafe für den Sündenfall erkennt und überhaupt ‚ein irdisches Jammertal' braucht, zugleich aber, mit Rücksicht auf die von ihm bezognen Pfründen und mit Hilfe des Dogmas von der Gnadenwahl, durchaus vorteilhaft findet, den Aufenthalt im Jammertal den herrschenden Klassen zu ‚versüßen'" [MEW 26.2, S. 110].
Sympathie für den Stoizismus
Bevor wir zu Ricardos Renttheorie kommen, die in einer der entscheidenden Synthesen dargelegt und der Malthus'schen Theorie gegenübergestellt wird (eine gute Lektion in Dialektik), können wir uns eine lehrreiche Abschweifung nicht verkneifen.
Unter einer Flut von passenden Worten wird Malthus „den elenden Harmonielehrern der bürgerlichen Ökonomie gegenüber" dennoch das Verdienst zuerkannt, „die Disharmonien, die er zwar in keinem Fall entdeckt hat, die er aber in jedem Fall mit pfäffisch wohlgefälligen Zynismus festhält, ausmalt und bekannt macht", pointiert hervorgehoben zu haben.
Die ökonomische Kritik des Kapitalismus ist zwar schon 1815 möglich und richtig, doch die historische und politische Position gegen ihn ist zu bekämpfen. Wir Marxisten betreiben Wissenschaft nicht der Wissenschaft halber, sondern führen einen politischen Kampf (mögen die französischen Genossen ganz ruhig bleiben, die sich stets darum sorgen, dass unsere Darlegungen nicht die Aktualität - eine oftmals... französierte Schönheit - aus den Augen verliert). Malthus hatte nur das Ziel, „das reaktionäre Grundeigentum gegen das ‚aufgeklärte', ‚liberale' und ‚progressive' Kapital [zu] verteidigen", und dafür macht er auch vor dem Plagiarismus nicht Halt und verfälscht die Wissenschaft. Weshalb er auch Prügel bezieht! Aber auch ein Lob, weil er sieht, dass Aufklärung, Liberalismus und Progressismus reinster Bluff sind. Doch „der Hass der englischen Arbeiterklassen gegen Malthus [...] ist also völlig gerechtfertigt" [MEW 26.2, S. 113].
Der Gegensatz zwischen Malthus und Ricardo ist folgender: Ricardo bringt den Druck der hervorbrechenden Produktivkräfte zum Ausdruck und will die Produktion der Produktion halber, der er jedes besondere Klasseninteresse, einschließlich des proletarischen, opfert; und er sagt das auch ganz offen. Malthus, der ein doppeltes Spiel spielt, opfert die Produktion, wenn diese den Klasseninteressen der Grundeigentümer und „Rentiers" zu nahe tritt, und zu diesem Zweck verfälscht er die Wissenschaft. Das ist das, was Marx „gemein" nennt. Und wie sieht der Gegensatz in Bezug auf die Arbeiterklasse aus?
„Es ist nicht gemein von Ricardo, wenn er die Proletarier der Maschinerie oder dem Lastvieh oder der Ware gleichsetzt, weil es die ‚Produktion' (von seinem Standpunkt aus) befördert, dass sie bloß Maschinerie oder Lastvieh oder weil sie wirklich bloß Waren in der bürgerlichen Produktion seien. Es ist dies stoisch, objektiv, wissenschaftlich". Die alte Liebe zur griechischen Philosophie des Stoizismus, Marx? Einverstanden.
„Der Pfaffe Malthus dagegen setzt der Produktion wegen die Arbeiter zum Lasttier herab, verdammt sie selbst zum Hungertod und zum Zölibat. Wo dieselben Forderungen der Produktion dem landlord seine ‚Rente' schmälern", sucht er, „soviel an ihm, die Forderungen der Produktion dem Sonderinteresse bestehender herrschender Klassen oder Klassenfraktionen zu opfern" [MEW 26.2, S. 112/13].
Ist demnach die Produktion als Selbstzweck eine Sache, die wir „Stoiker" und Materialisten als einen allen Zeiten immanenten Mythos begreifen? Die Synthese, auf die wir eingangs dieses Kapitels anspielten, ist die folgende:
„Ricardo betrachtet mit Recht, für seine Zeit, die kapitalistische Produktionsweise als die vorteilhafteste für die Produktion überhaupt, als die vorteilhafteste zur Erzeugung des Reichtums. Er will die Produktion der Produktion halber, und dies ist recht. Wollte man behaupten, wie es sentimentale Gegner Ricardos getan haben, dass die Produktion nicht als solche der Zweck sei, so vergisst man, dass die Produktion um der Produktion halber nichts heißt, als Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, also Entwicklung des Reichtums der menschlichen Natur als Selbstzweck. Stellt man, wie Sismondi, das Wohl der Einzelnen diesem Zweck gegenüber, so behauptet man, dass die Entwicklung der Gattung aufgehalten werden muss, um das Wohl der Einzelnen zu sichern, dass also z.B. kein Krieg geführt werden dürfe, worin Einzelne jedenfalls kaputtgehen." Das gilt euch, ihr Pazifisten. „Dass diese Entwicklung der Fähigkeiten der Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf Kosten der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen macht, schließlich diesen Antagonismus" (zwischen dem Wohl der Gattung und dem des Einzelnen) „durchbricht und zusammenfällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, dass also die höhere Entwicklung der Individualität nur durch einen historischen Prozess erkauft wird, worin die Individuen geopfert werden, wird nicht verstanden, abgesehn von der Unfruchtbarkeit solcher erbaulichen Betrachtungen, da die Vorteile der Gattung im Menschenreich wie im Tier- und Pflanzenreich sich stets durchsetzen auf Kosten der Vorteile von Individuen, (...)" [MEW 26.2, S. 110/11].
Wenn also die „Rücksichtslosigkeit" Ricardos den Untergang des Grundeigentums oder den Tod von Arbeitern in Kauf nimmt und seine Auffassung im Ganzen das Interesse der industriellen Bourgeoisie vertritt, so nur, weil in dieser historischen Übergangsphase „deren Interesse mit dem der Produktion oder der produktiven Entwicklung der menschlichen Arbeit" koinzidiert.
Die Errichtung der kapitalistischen Produktionsweise, die nicht ohne die wilde Vernichtung von Menschenindividuen geschehen kann, ist der historisch erzwungene Weg, um das produktive Gattungsvermögen auf jene Stufe zu heben, die allein den Antagonismus, welcher das Individuum in Form des Klassenkampfes seit je der gesellschaftlichen Palingenese opfert, durchbrechen kann. Die Losung: Produktion der Produktion halber, bedeutet historisch nicht, dass die quantitative Steigerung der Produktion Selbstzweck sei. Worum es geht, ist ein großer, von der Vereinigung und dem Gebrauch der mechanischen Kräfte begleiteter qualitativer Sprung in der Produktivität der Arbeit, wodurch die Bedingungen der assoziierten Ökonomie geschaffen werden. Dann wird mit weniger Arbeit und „proportional" zu den Bedürfnissen, wie Sismondi wollte, produziert und sogar die riesigen unnützen Produktionssektoren werden beseitigt werden können. Und erst dann wird der Antagonismus zwischen dem Wohl der Einzelnen und dem Aller allmählich verschwinden. All dies war zu Ricardos Zeiten noch lange nicht evident.
Wenn das Russland des Jahres 1953 dem England des Jahres 1815 ähnelt, mag Stalin zugestanden werden, wie Ricardo zu rechnen. Doch der Kampf gegen den Stalinismus muss sich auf die Bloßstellung des gemein konterrevolutionären Anspruchs, den Sozialismus aufzubauen, gründen, nicht auf Krokodilstränen für Hekatomben von Menschen, die der Europäisierung Asiens geopfert wurden, und auch nicht auf pathetische Forderungen für die Heimkehr der Überreste einer Armee, die von einem fiebrigen Imperialismus in Bewegung gesetzt und in den Schmelzofen der kapitalistischen Geschichte geworfen wurden. Wie sollen wir das nun nennen: Philosophische Betrachtungen über die Kategorien Individuum und Gattung? Direktes Licht auf die heutigen Polemiken unter den „Antistalinisten"? Oder, liebe Freunde, politische Aktualität „à crever les yeux"4?
Mysterien der höheren Mathematik
Kommen wir also auf den Schrecken zurück, den die berühmte Formel der „Differenzialrente" eingeflößt hat und sagen wir, worum es geht: Nichts Mephistophelisches. Der Laie, der jemanden über Differenzialrechnung reden hört, steht verdutzt da; möglicherweise weiß er vom Hörensagen, dass die Differenzialrechnung zusammen mit der Integralrechnung die Infinitesimalrechnung bildet, und in stratosphärische Höhen aufsteigend, zur höheren Mathematik führt, was aber nicht viel heißen will: ein höherer Trottel ist schließlich auch nur ein Trottel. Die reine Mathematik ist eine Wissenschaft, die mit immer anderen Wörtern und Symbolen stets das gleiche sagt. Was ist eine Erhebung zur Potenz? Eine Multiplikation. Und eine Multiplikation? Eine Addition. Und eine Addition? Ein Zählen - wie wenn man an den Fingern abzählt. Logarithmus, Wurzel, Division, Subtraktion sind wieder das gleiche, nur umgedreht, sozusagen ein umgekehrtes Zählen: Wir fangen nicht beim Daumen, sondern beim kleinen Finger an rückwärts zu zählen. Die Integration ist nun noch einfacher: eine sehr lange Addition. Und die Differentiation? Eine langweilige Subtraktion. Für beides bräuchten wir ein Tier mit mehr als zehn Fingern bzw. Zehen, nehmen wir einen Tausendfüßler. Letztendlich ist alles bloß ein Zählen - nun wisst ihr Bescheid.
Jetzt habe ich euch aber doch reingelegt. Was ihr nicht wisst und ich auch nicht und auch nicht jemand, der mehr weiß als wir gewöhnlichen Sterblichen, ist, was denn eigentlich das Zählen ist. Denkt an den Raum, die Zeit, an die Kinder der Kinder der Kinder, an die Kirschen im Korb, und sagt mir, ob ihr wirklich sicher seid, mit einem identischen „Sprung" von eins zu zwei und von neun zu zehn zu kommen, und dann sagt mir noch, ob und wann dieses „Gesetz" im Bundesanzeigeblatt veröffentlich wurde.
Wie dem auch sei, in der Ökonomie werden die Dinge sofort klar. Die Studierten wollen das ökonomische Rätsel mit Hilfe der Mathematik lösen. Wir hingegen wissen, dass man mit Mathematik allein nie auf einen grünen Zweig kommt und benutzen umgekehrt die uns allen bekannten ökonomischen Begriffe, um die Mathematik zu verstehen, denn in der Tat ist sie nach der Ökonomie und sogar erst nach der Physik entstanden: Zuerst gab es die Landvermessung und dann die Geometrie5, zuerst das kaufmännische Rechnen und dann die Algebra und andere Rechenarten. Als wir vom stetigen Zins sprachen - eine schwere theoretische Abstraktion, nichtsdestotrotz für alle intuitiv erfassbar -, erzählten wir die Anekdote von dem Dienstmädchen, das die Integralrechnung kannte.
Ohne große Schwierigkeiten werden wir jetzt die ganze Klassenökonomie in Gleichungen ausdrücken. Wer von einem Hungerlohn lebt, muss diesen in 100 Einkäufe aufteilen: Am Ende des Monats stimmt die Rechnung nie. Zieh' die Miete ab, die Schuhe, das Brot, den Wein etc., die Zahl wird kleiner und kleiner, auch wenn die „Subtrahenden" auf kleinste Krümelchen reduziert werden. Nennen wir die uns vorliegende Größe jetzt „Wert" (wir könnten sie auch Gretchen nennen, und die philosophische Fakultät ersuchen, die Kategorie „Gretchen" einzuführen): der Proletarier schlägt sich durch, indem er beständig immer feinere Wertsubtraktionen macht, er „differenziert" also den Wert. Die Mathematiker zeigen das mit „Delta" an, dem griechischen Buchstaben . Dann geben sie uns W für Wert (oder G, wie Gretchen, oder wenn ihr lieber wollt, W und trotzdem Gretchen, ganz egal). Delta W wird also das Differenzial des Wertes sein, ein winzig kleiner Wert, der hundertste Teil eines (inflationierten) Pfennigs. Hier nun die erste Gleichung:
W = Elend = Proletariat
(lies: Differenzial des Wertes gleich Elend gleich Proletariat)
Ein merkwürdiger Buchstabe, eine Mischung aus einem kursiv geschriebenen großen S Es und dem Geigenschlüssel, heißt Integral und bedeutet die Addition unendlich vieler jener Delta-Winzlinge, was die Infinitesimale, die Differenziale sind.
Nun besteht der Trick, der in der Theorie schon von den Griechen entdeckt wurde, in Folgendem: sehr viele dieser Winzlinge, so viele, dass jede nennbare Zahl dafür nicht ausreicht, ergeben eine fassbare Endsumme, von den Mathematikern „endliche Zahl" genannt. Unendlich viele Werte, noch kleiner als ein Hundertstel, machen eine Milliarde - Dollar, wenn ihr wollt. Doch wissen das nicht alle, die in der warenproduzierenden Gesellschaft leben?
Das Integral so vieler verschwindend kleiner Werte bildet dann den Reichtum. Zweite, und kinderleichte Gleichung:
W = Reichtum = Kapitalismus
(lies: Integral der Wertdifferenziale gleich Reichtum gleich Kapitalismus)
Wir haben also gesehen, dass man sich von den unziemlichen Wörtern „Integral" und „Differenzial" nicht Bange machen lassen muss und festgestellt, dass es banal ist zu sagen: Mit Ökonomie will ich mich gern beschäftigen, denn sonst, das ist mir klar, kann ich mich nicht mit Politik und noch nicht mal mit einem Tagesereignis befassen, aber von Mathematik will ich nichts hören - banal, weil es Mama Ökonomie war, die die Mathematik, die elementare wie die höhere, zur Welt brachte.
Wir sind über das, was wir hier brauchen werden, schon hinausgegangen. Die Grundrente, mit der sich Ricardo (und Marx) befasst, ist die Differenzialrente, denn sie entspringt einer Subtraktionsoperation, einer Gewinnspanne, einem Überschuss. Genauso wie für das Dienstmädchen (das mit ihrem enzyklopädischen Wissen alle Preisunterschiede bei den Krämern kennt) die in die Schürzentasche gesteckten übrig gebliebenen Pfennige ein Differenzial sind. Für Ricardo gibt es keine absolute, nur die Differenzialrente. Für Marx gibt es in bestimmter Hinsicht auch die absolute Rente. Absolut heißt, sie springt immer raus, Differenzial, sie entspringt einer Spanne, die auch fehlen kann. Die Pfennige unseres Dienstmädchens sind ein Differenzial: Wenn ihre Herrin ebenfalls alle Preisunterschiede kennt, und die Krämer keinen Preisnachlass geben, geht das Dienstmädchen leer aus (hier ist bloß von Mathematik die Rede, Himmel Herrgott noch mal).
Brillante Einleitung
Der 6. Abschnitt im III. Band des „Kapital" behandelt die „Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente". Auf diesen Seiten legt Marx die Theorie Ricardos dar (die im II. Band der „Theorien über den Mehrwert", Abschnitt 11-13, ausführlicher besprochen wird) und somit auch die eigene, die jene Ricardos nicht negiert, sondern als einen der möglichen Fälle mit einschließt. In der Geschichte der Wissenschaft ist das ein klassisches Vorgehen: Auch die Einstein'sche Theorie negiert nicht die Galileis, sondern schließt sie als einen der Fälle mit ein, nämlich den, dass die Geschwindigkeit eines bewegten Gegenstandes sehr viel kleiner als die (enorme) Lichtgeschwindigkeit ist. Einstein und Galilei sagen also das Gleiche über die Theorie des 9:15 Uhr-Zuges (der viele Millionen Mal langsamer als das Licht ist). Marx macht das anhand von Tabellen und schließlich mit ein paar einfachen Gleichungen. Ihr mögt lieber die „Plauderei", aber auch die ist sehr kraftvoll. Irgendwann einmal wird ein anonymer Marxist einen „3-D"-Text veröffentlichen: In Worten, in Zahlen, in algebraischen Formeln, parallel zueinander und doch unabhängig voneinander.
Fassen wir zunächst aus dem 37. Kapitel „Einleitendes" dieses Abschnitts eine Reihe von augenscheinlich in sich abgeschlossenen und organisch geschriebenen Seiten zusammen (was im als Nachlass und posthum von anderer, wenn auch qualifizierter Hand „umgebrochenen" III. Band nicht immer der Fall ist). Möglich, dass wir uns wiederholen, aber es wird keinen Schaden nicht tun, vor dem submathematischen „Toboggan"6 erstmal tief Luft zu holen.
„Die Analyse des Grundeigentums in seinen verschiednen geschichtlichen Formen liegt jenseits der Grenzen dieses Werks. Wir beschäftigen uns nur mit ihm, soweit ein Teil des vom Kapital erzeugten Mehrwerts dem Grundeigentümer anheim fällt. Wir unterstellen also, dass die Agrikultur, ganz wie die Manufaktur, von der kapitalistischen Produktionsweise beherrscht, d.h. dass die Landwirtschaft von Kapitalisten betrieben wird, die sich von den übrigen Kapitalisten zunächst nur durch das Element unterscheiden, worin ihr Kapital und die von diesem Kapital in Bewegung gesetzte Lohnarbeit angelegt ist" [MEW 25, S. 627].
Entschuldigt die Aufdringlichkeit, doch weder der feudale „Graf" noch der Leibeigene, noch der bäuerliche Grundeigentümer erscheinen hier auf der Bildfläche.
„Für unsere Entwicklung ist es also ein ganz gleichgültiger Einwurf, wenn erinnert wird, dass auch andre Formen des Grundeigentums und des Ackerbaus existiert haben oder noch existieren. Es kann dies nur die Ökonomen treffen, welche die kapitalistische Produktionsweise in der Landwirtschaft und die ihr entsprechende Form des Grundeigentums nicht als historische, sondern als ewige Kategorien behandeln" [MEW 25, S. 628].
Marx erinnert daran, dass für den selbstwirtschaftenden Kleinbauern, den unmittelbaren Produzenten, sein Eigentum am Boden eine der „Produktionsbedingungen" ist. Wenn nun der Kapitalismus
„überhaupt die Expropriation der Arbeiter von den Arbeitsbedingungen, so setzt sie in der Agrikultur die Expropriation der ländlichen Arbeiter von Grund und Boden und ihre Unterordnung unter einen Kapitalisten voraus, der die Agrikultur des Profits wegen betreibt".
In unserer Untersuchung haben wir es also nur mit „Tagelöhnern" zu tun: keine bäuerlichen Grundeigentümer, keine Halbpächter, keine Erbpächter (wie schön!).
Wir haben also drei Figuren vor uns: den Grundeigentümer, den kapitalistischen Pächter, den Lohnarbeiter. Als sicherer Theoretiker vereinfacht Marx noch weiter:
„Wir beschränken uns also ausschließlich auf die Kapitalanlage im eigentlichen Ackerbau, d.h. in der Produktion des Hauptpflanzenstoffs, wovon eine Bevölkerung lebt". Und dann noch: „wir können sagen Weizen, weil dieser das Hauptnahrungsmittel der modernen, kapitalistisch entwickelten Völker".
Ihr, die ihr immer up-to-date seid, runzelt die Stirn: Wo wollt ihr jetzt mit euren Konservenbüchsen hin?
Wenn ihr das begriffen habt, müsst ihr euch noch mal Mühe geben: „Oder, statt Ackerbau, Bergwerke, weil die Gesetze dieselben". Doch die Aktualisierer von Marx lassen einen sogar Seife, ein industrielles Erzeugnis, essen.
Adam Smith hat das große Verdienst, gezeigt zu haben, dass die Grundrente aus dem in der Produktion des Hauptnahrungsmittels angelegten Kapitals die Grundrente aus anderer landwirtschaftlicher Produktion wie Flachs, Farbkräuter, Viehzucht usw. bestimmt. „Es ist in der Tat seit ihm kein Fortschritt in dieser Beziehung gemacht worden". Smith wurde 1723 geboren und starb 1790. Marx gibt also nicht viel auf 80 Jahre „wissenschaftlichen Fortschritts". Wir legen noch mal 80 Jahre drauf. So kann uns keiner sagen: Marx hat alles gelesen, und ihr lest gar nichts. Nun, wir lesen Marx.
Übrigens sehen wir uns auch hier wieder der unauflösbaren Einheit der Theorie gegenüber. Diese Seiten hat er in seinen letzten Jahren geschrieben, vielleicht 1882:
„Kapital kann in der Erde fixiert, ihr einverleibt werden, teils mehr vorübergehend, wie bei Verbesserungen chemischer Natur, Düngung usw., teils mehr permanent, wie bei Abzugskanälen, Bewässerungsanlagen, Nivellierungen, Wirtschaftsgebäuden etc. Ich habe anderswo das der Erde so einverleibte Kapital la terre-capital genannt" [MEW 25, S. 632].
Und er verweist auf das „Elend der Philosophie" von 1847, das wir im vorherigen „Faden" ausführlich dargelegt haben.
Die Rente Ricardos
Adam Smith' Werk „Wealth of nations" ist aus dem Jahre 1776. Ein Jahr später macht ein praktischer Pächter, Anderson, folgende klare Aussage:
„'Es ist nicht die Rente vom Boden, die den Preis seines Produkts bestimmt, sondern es ist der Preis dieses Produkts, der die Grundrente bestimmt'" [MEW 26.2, S. 141].
Die physiokratische Lehre, die Ansicht, die Rente stamme aus der absoluten Produktivität der Agrikultur, was sich wiederum der besonderen Bodenfruchtbarkeit verdanke, war damit über den Haufen geworfen. Es blieben jetzt noch vier Erklärungen über den Ursprung der Rente übrig:
Erstens. Da die Grundeigentümer das Monopol des Grund und Bodens besitzen, d.h. das Recht haben, jedem, dessen Nase ihnen nicht gefällt, den Zutritt zu verwehren, haben sie auch das Monopol über die Nahrungsmittel, die daher über ihren Wert verkauft werden. Es entsteht so ein ständiges Surplus, ein Überschuss, der die Rente bildet.
Zweitens. Ricardos Theorie: Es gibt keine absolute Grundrente, sondern nur Differenzialrente. Der Verkaufspreis der Nahrungsmittel bildet also nicht für alle Böden einen Überschuss über den Produktionspreis, sondern nur für die Böden, die stufenweise besser sind als der „schlechteste Boden". Aus dem Verkauf der Produkte des schlechtesten Bodens werden die Löhne und das angelegte Kapital plus der Profit gedeckt und das war's. Es bleibt hier kein Überschuss für den Grundeigentümer übrig. In diesem Fall wird das Land nur bewirtschaftet, wenn Pächter und Grundeigentümer dieselbe Person sind, denn ein Pachtgeld könnte nicht bezahlt werden. Je fruchtbarer der Boden, desto geringere Produktionskosten, und da der Verkaufspreis derselbe bleibt, gibt es einen Überschuss, den der Grundeigentümer in seine Tasche steckt.
Drittens. Die Rente ist der Zins des Kapitals, womit der Boden gekauft wurde. Für Marx ist diese Theorie einiger Apologeten des Grundeigentums gegen Ricardo unhaltbar. Denn sie ist außerstande, die Rente von dem Boden erklären, auf dem kein Kapital angelegt ist, von Wasserfällen, Minen etc. (wichtig: z.B. hat der italienische Staat diese Form der Rente schon einkassiert; sowohl die Bodenschätze als auch die Wasserressourcen werden nicht als Eigentum, sondern nur als Konzession an Privatleute vergeben, die dem Staat eine Pacht zahlen).
Viertens. Die Marx'sche Theorie. Auch der schlechteste Boden wirft eine Rente ab, nämlich die absolute. Im Fortgang zu den fruchtbareren Böden kommt die Differenzialrente dazu. Anders als bei der 1. Ansicht muss das Wertgesetz hier nicht verletzt werden.
Die Schwierigkeit ist beseitigt, denn der durch die durchschnittliche Arbeitszeit bestimmte und auf dem Markt realisierte Wert gibt in bestimmten Fällen einen Überschuss über den Produktionspreis. Der Irrtum Ricardos war, den Produktionspreis dem Wert, also dem durchschnittlichen Marktpreis, gleichzusetzen. Es gibt aber Kategorien, darunter die Agrikulturprodukte von sei es auch sehr kargen Böden, deren Produktionspreis unter dem Wert und Marktpreis liegt: eine solche Differenz wirft dann die absolute Rente ab, die auch weiterhin Bestandteil des Mehrwerts und Profits ist: Sie entspricht einem Surplusprofit (daher der Titel des Marx'schen Kapitels), der zu Rente wird, und wenn man ein Wortspiel machen möchte, „Extramehrwert" genannt werden könnte.
Um die Marx'sche Beweisführung zu erläutern, müssen die Begriffe natürlich ganz klar sein: Produktionspreis, Tauschwert, Marktpreis, wobei man sich nicht von den landläufigen Begriffen der bürgerlichen Ökonomie verwirren lassen darf.
Der Produktionspreis bei Marx ist nicht der Kostenpreis... der bürgerlichen Unternehmerverbände. Für den Kapitalisten umfasst der Kostenpreis alle seine Ausgaben: Rohstoffe, Arbeit, allgemeine Kosten. Die gesamte Differenz zwischen den Passiva des Bestandskontos und dem Verkaufserlös, dem berühmten „Umsatz", macht den Betriebsgewinn, oder anders ausgedrückt, kapitalistischen Profit aus. Im Unternehmerjargon, und wir lassen es hier dabei bewenden, wird diese Gewinnspanne nicht auf den betreffenden Produktionszyklus bezogen, sondern auf das „Gesellschaftskapital" des Unternehmens, das von den Aktionären vorgeschossen wird und dem Vermögenswert des Unternehmens entsprechen müsste - doch was müsste, besonders in Zeiten von Wertschwankungen, nicht alles sein -, also der Summe, mit dem die Firma samt aller Anlagen, Maschinen und dem Warenbestand gekauft werden kann.
Bei Marx ist im Produktionspreis, abgesehen von den Rohstoffen und den Löhnen, auch schon, wenn man so sagen darf, der Kapitalprofit mit einbegriffen.
Um dies klar zumachen, müssen wir den engen Rahmen der betrieblichen Dynamik sprengen und zu einer gesellschaftlichen Dynamik kommen, d.h. nicht den Profit des Einzelkapitalisten oder eines bestimmten Betriebs ins Auge fassen, sondern den Profit der kapitalistischen Klasse (so wie Quesnay die Rente der Grundeigentümerklasse untersuchte), oder besser noch, den Profit des gesellschaftlichen Kapitals, nicht im Sinne jenes Gesellschafts- oder Stammkapitals des Unternehmens, sondern in dem Sinne, der mit dem Ausdruck „nationales Kapital" nur unzureichend beschrieben ist: Es handelt sich also um das in einer kapitalistischen Nation - und zwar in allen Nationen, die ihre Produkte auf dem Binnen- und Außenmärkten umschlagen - vorhandene Kapital.
Wie Marx die Sache anpackt
Sicherlich kann die Theorie der Grundrente nicht aufgestellt werden, ohne zuvor die Durchschnittsprofitrate des Kapitals bestimmt zu haben: wir haben dies im „Dialog mit Stalin" behandelt.
Den Ricardo'schen Satz, wonach der Preis einer Ware durch die zu ihrer Produktion notwendige Arbeitsmenge, also Arbeitszeit, bestimmt wird, nimmt Marx an. Es handelt sich natürlich um den Durchschnittspreis der gesamten Masse einer Warengattung innerhalb einer bestimmten Periode. Unter diesen Voraussetzungen unterstellen wir diesen Preis als Maß des Tauschwertes. Zöge man nur einen einzelnen Betrieb oder eine einzelne, sagen wir an einem Tag hergestellte Produktenmenge in Betracht, wäre die Bestimmung nichtig. Man muss dabei nicht an die für die Produktion einer individuellen Ware tatsächlich verausgabten Arbeitsstunden, sondern an die unter den gegebenen Produktionsbedingungen durchschnittlich dafür notwendigen Arbeitsstunden denken.
Lassen wir lieber Marx diesen Begriff, auf den wir immer wieder zurückkommen, klarmachen. Es genügt, seine Darstellung des Ricardo'schen Standpunktes zu wiederholen:
„(...) der Wert der Ware einer bestimmten Produktionssphäre ist nicht bestimmt durch das Quantum Arbeit, das die einzelne Ware kostet, sondern das die Ware kostet, die unter den durchschnittlichen Bedingungen der Sphäre produziert ist" [MEW 26.2, S. 239/240].
Wenn wir also aus der Menge der individuellen Preise einer Produktionssphäre, nehmen wir die Baumwollproduktion, den durchschnittlichen Preis berechnen, lassen wir die größeren oder geringeren Abweichungen außer Acht, welche durch die jeweils besonderen zeitlichen oder räumlichen Bedingungen, z.B. durch Mangel oder Überfluss an Baumwolle, zustande kommen und tausenderlei zufällige und nicht interessierende Über- und Unterprofite entstehen lassen.
Diese Ziffer des gesellschaftlichen Tauschwertes zerlegen wir nun in die verschiedenen Glieder und ziehen ab, was der Bourgeois seine Ausgaben nennt, nämlich zwei Kategorien: konstantes Kapital, d.h. Rohmaterial, Verschleiß der Maschinen und ähnliche Dinge, und Lohn- bzw. variables Kapital. Es bleibt stets ein Drittes, um das Konto des Tauschwertes zu begleichen: der Mehrwert; als Brutto-Zahl ist das der Profit, verstanden als Unternehmensgewinn und - falls der Fabrikant einen Barkredit aufgenommen hat - Kapitalzinsen. Die Profitrate ist das Verhältnis zwischen diesem aus dem Durchschnittsmarktpreis erzielten Gewinn und den Vorschüssen. Marx, der seine Rechnungen auf Grundlage der allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen macht, nennt Produktionspreis die Summe der drei der Ware einverleibten Elemente: konstantes Kapital, variables Kapital, Mehrwert bzw. Durchschnittsprofit. Ein einzelner Betrieb, der vorteilhaftere Arbeitsverträge abgeschlossen, zufällig weniger Durchschnittslohn gezahlt oder billiger Rohstoffe erworben hat, wird einen größeren Überschuss haben, den Marx Extraprofit nennt.
Ein solcher Überschuss wird unweigerlich durch andere Unterprofite ausgeglichen. Wenn nun in einer Fabrik mit der Zeit statt schwarzer rote Zahlen geschrieben werden, heißt das dann, es gibt keinen Mehrwert und keine Ausbeutung mehr? Zu dieser Schlussfolgerung würden Leute vom Schlage eines Chaulieu7 kommen, der sich auf die innerbetriebliche Dynamik fixiert und auf der Höhe Proudhons ist, wenn er seine banale „Méthaphysique de l'exploitation" mit „Dinamique du capitalisme" überschreibt. Das französische „exploitation" bedeutet zugleich „Ausbeutung" und „Unternehmen". Es gibt einige Wirrköpfe, chez eux8!
Diese ganzen, sich untereinander ausgleichenden Abweichungen beiseite gelassen, stehen sich nicht mehr Fabrikherr und Arbeiter gegenüber, sondern nationales bzw. Weltkapital und Proletariat, also menschliche, gesellschaftliche Arbeit.
Das Studium der reinen kapitalistischen Produktion, mit dem Wertgesetz (das Stalin so lieb und teuer war) und dem Spiel der freien Konkurrenz (und wenn die Konkurrenz nicht mehr frei ist - um so besser, die Tür, gegen die wir anrennen, würde sich von selbst öffnen, und wir wären dumm, wenn wir ihr den Rücken kehren würden, wie es die europäische Arbeiterklasse in der Zwischenkriegszeit getan hat; und wenn der gesamte Profit zu einer „industriellen Rente" würde, brauchten wir kaum noch Mathematik, um den Klassenbetrug auszumachen), führt, wenn wir die soziale Bilanz ziehen, statt zur berühmten Harmonie zwischen Arbeit und Konsum, zur Gegenüberstellung zweier antagonistischer Klassen; würden wir den Wert des gesamten konstanten Kapitals in der Gesellschaft sowie die Anzahl der Proletarier in der Bevölkerung kennen, könnten wir anhand der Durchschnittsrate des Mehrwerts und der des Profits berechnen, wie viel Reichtum im „Tableau" Karl Marx' von der Arbeiterklasse zur Kapitalistenklasse fließt.
Nicht einmal dahin hat es die „Philosophie" der Ausbeutung gebracht, denn dazu müsste man historisch feststellen, bis wann ein solcher Reichtumsfluss mit dem Wachstum der Produktivkräfte verbunden ist und der Teil des nationalen Einkommens zunimmt, der für soziale Ausgaben bereitgestellt wird (etwas den vorkapitalistischen Gesellschaften fast völlig Unbekanntes), und zum anderen müsste festgestellt werden, ab wann dieser Reichtumsfluss mit der wahnsinnigen Vergeudung der entfesselten Produktivkräfte einhergeht und es im ungeheuren Räderwerk der allgemeinen und Verwaltungskosten zum Krach und zur Katastrophe kommt.
Wie Marx die Sache löst
Die normalen Industriesphären weisen natürlich, allerdings zufällige, Extraprofite auf. Die Marx'sche Analyse hat in der Tat zu folgendem Gesetz über den Profit geführt: Die Profitraten in den verschiedenen Sphären reduzieren sich tendenziell auf dasselbe gemeinsame und allgemeine Niveau; im Verlaufe der kapitalistischen Entwicklung hat die Profitrate die Tendenz zu fallen, während die Masse des angelegten Kapitals, die Anzahl der Lohnarbeiter, die Arbeitsproduktivität als Verhältnis zwischen verarbeitetem Material und angewandter Arbeitszeit (organische Zusammensetzung), daher die gesellschaftliche Profitmasse, ungeheuer zunehmen - ob dies dem verblichenen Stalin, dem ins Jenseits beförderten Beria oder dem glücklich herrschenden Malenkow nun einleuchtet oder nicht.
Daher können - wenn das stimmt, was Ihr kapitalistischen Theoretiker über die Freuden des „laisser faire" sagt - in den verschiedenen Zweigen der Industrieproduktion keine systematischen Extraprofite entstehen. Sicherlich könnte eine Wirtschaftsorganisation, die, sagen wir, alles Gummi der Welt aufkauft, den Marktpreis diktieren, der dann beständig über dem Wert oder eben dem Produktionspreis stehen würde: Nachdem diese Organisation, wie jeder andere Kapitalist, ihre durchschnittliche Profitrate eingesteckt hätte, würde sie obendrein einen Surplusprofit einsacken, der sich sofort und mühelos in eine „Gummirente" verwandeln würde. Was nichts anderes ist als der von Lenin beschriebene Parasitismus der Kartelle und Monopole. Der Unternehmer und seine Helfershelfer kommen ab dem Moment in den Genuss dieser Rente, wo
„eines der großen Resultate der kapitalistischen Produktionsweise" ist, einen Zustand herbeigeführt zu haben, in dem „der Grundeigentümer sein ganzes Leben in Konstantinopel zubringen kann, während sein Grundeigentum in Schottland liegt" [MEW 25, S. 630, 631].
Der „Graf" konnte das noch nicht machen - Gott bewahre; er musste von seiner Schutz- und Trutzburg aus auf sein Lehensgut aufpassen, und falls er nach Konstantinopel ging, dann nicht auf Kreuzfahrt, sondern auf Kreuzzug.
Nachdem also der Pächterunternehmer seinen Profit gemäß dem Durchschnittsprofit aller industriellen Sektoren gemacht hat, stellt sich für Marx, und vor ihm für Ricardo, die Frage, wie sich jener Surplusprofit in der Agrarwirtschaft überhaupt in Grundrente verwandelt.
Ricardo nahm an, dass der Produktionspreis - wie in der Industrie so auf dem schlechtesten Boden in der Agrikultur - mit dem Verkaufspreis zusammenfällt, wobei immer vom allgemeinen Durchschnitt die Rede ist. Weshalb für ihn ein solcher Boden auch keine Rente abwirft, sondern lediglich, wie schon gesagt, die Auslagen des Pächters und seinen normalen Profit deckt. Für Ricardo ist der Wert des Produkts gleich seinem durchschnittlichen Verkaufspreis: Was richtig ist, denn sonst würde seine, von Marx geteilte, Werttheorie fallen. Nun setzt Ricardo aber auch den Produktionspreis dem Wert des Produkts gleich. Marx dagegen sagt, dass der Produktionspreis zwar für alle Industrieprodukte seinem Wert gleich ist, merkt aber an, dass in der Agrikulturproduktion (wobei die Nahrungsmittel stets zu ihrem Wert verkauft werden und der Profit des Pächters gleich dem jedes anderen Industriellen ist) nach Abzug des Durchschnittsprofits, der Teil des Produktionspreises ist, nichts daran hindert, dass der Produktionspreis geringer ausfällt. Dazu muss nur bei gleichem Produktquantum weniger Kapital und Arbeit als im gesellschaftlichen Durchschnitt aufgewendet sein, was heißt, die auf den Boden angewandte Arbeit wäre ergiebiger als die in der Industrie angewandte. In diesem Fall muss die Differenz zwischen Produktionspreis und dem auf dem Markt realisierten Verkaufspreis, bei gleichem Profit, an den Grundeigentümer gezahlt werden, den die Gesetze und die Staatsmacht dazu berechtigen.
Ob dies unweigerlich auch für den schlechtesten Boden gilt? Sicher nicht, denn tatsächlich gibt es Böden, die keine Rente tragen. Was aber nur heißt, es findet sich kein Pächter, der sein Kapital hier anlegen will. Wirft der Boden nur eine dem Unternehmensprofit gleiche Profitspanne ab, müsste der Pächter, der ohne Zahlung an den Grundeigentümer keinen Zutritt zum Boden hat, sein Kapital unter dem Durchschnittsprofit anlegen; er wird sich also einen anderen Boden suchen, in die Industrie gehen, oder gar sein Geld auf die Bank bringen.
Doch Marx hat nachgewiesen, dass in Material und Arbeit angelegtes Kapital im Allgemeinen auf jedwedem Boden (wenn es sich nicht gerade um das Irland des 18. Jahrhunderts handelt) mehr als den industriellen Durchschnittsprofit einbringt: Dieses Minimum ist daher die absolute Grundrente, eine Basisrente, die jeder Grundeigentümer, mag er auch nur Weideland besitzen, einstreicht.
Wenn nun eine bestimmte Bodenfläche besonders humusreich ist, kann es sein, dass bei gleicher Düngermenge, d.h. den gleichen Kosten und gleichen Arbeitsstunden, eine größere Kornmenge und ein höherer Erlös herausspringen. Der Grundeigentümer wird dann einen Pächter finden, der, obschon er den gleichen Profit wie im obigen Fall macht, ein sehr viel höheres Pachtgeld wird zahlen können, das eben durch die Differenz bestimmt ist, die jene zum Marktpreis verkaufte größere Kornmenge eingebracht hat. Dieses höhere Pachtgeld ist die Differenzialrente.
Für Ricardo: Der schlechteste Boden wirft den normalen Unternehmensprofit ab, aber keine Rente; die stufenweise besseren Böden werfen graduell höhere Differenzialrenten ab.
Für Marx: Auch der Boden mit der geringsten Fruchtbarkeit trägt soviel Korn, dass es einen Überschuss über den durchschnittlichen Unternehmensprofit gibt: das ist die absolute Grundrente. Dazu kommen auf den besseren Bodenarten unterschiedliche Differenzialrenten.
Bis hierhin, versteht sich, haben wir nur die beiden Lehren vorgestellt; ihre vollständige Gegenüberstellung, die die Gültigkeit der letztgenannten beweist, kann in einer kurzen Abhandlung nicht erschöpfend geleistet werden. Dazu wäre eine Gesamtdarstellung der marxistischen Ökonomie nötig. Doch auf den einen oder anderen Vergleich werden wir bei Gelegenheit zurückkommen.
Auch werden wir im Moment nicht auf die Zahlenbeispiele eingehen, die Marx anhand des eindrucksvollen Beispiels des Fabrikanten noch anschaulicher macht, der als Triebkraft den Wasserfall statt wie seine Kollegen die Dampfmaschine anwendet. Da seine Produktionskosten, bei gleich bleibenden Durchschnittswert und Verkaufspreis seiner Produkte, geringer sind, wird er durchaus ein Pachtgeld zahlen können, ohne welches der Eigentümer des Wasserfalls ihm die Erlaubnis zur Benutzung der Wasserkraft versagen würde: dies eben ist eine wirkliche absolute Rente.
Für die absolute, um die Differenziale ergänzte Rente ist das Beispiel der Minenindustrie nicht minder exemplarisch, wobei die Ausbeute, bei gleichgroßem Kapital des Bergwerkunternehmens, durch technische Maßnahmen bei der Förderung höher sein mag.
Süd-italienische Agrarreform
In Italien konfiszierte der faschistische Staat (vielleicht nachdem er Marx gelesen hatte) Wasserressourcen und Bodenschätze, natürlich nicht, ohne die Besitzer zu entschädigen; er konfiszierte also jede nicht-agrarische absolute Rente. Aber er konfiszierte damit nicht auch die sehr viel höhere Quote des Profits im Bergbau und in der Kraftwerksindustrie, deren unbändiger Appetit wohlbekannt ist.
In Sachen Agrarwirtschaft aber scheint man heute, nach dem Vorbild der faschistischen Schule, die agrarische absolute Grundrente expropriieren zu wollen (von wegen Faschismus, der sich nur für die Interessen der Grundeigentümer gegen die der Industriellen, oder der Ordinovisten, einsetzt!), wobei üppige, allerdings hirnrissige Entschädigungssummen gezahlt wurden. Wenn die am wenigsten besteuerbaren Grundstücke verstaatlicht und die mit einer hohen Steuer belegten in Privateigentum belassen werden, heißt das natürlich auch, der Staat übernimmt die am wenigsten fruchtbaren Böden. Würde die Ricardo'sche Theorie stimmen, wonach die schlechtesten Böden keine Rente tragen, wäre die gesamte Differenzialrente [vor dem Staat] in Sicherheit gebracht und Pantalone9... wäre ein integraler Dummkopf.
Als Minister eines bürgerlichen Landes wäre Ricardo sicher kein solcher Trottel gewesen. Ohne subversiv geschweige denn kommunistisch zu handeln, wäre die gesamte Rente, die er hätte einziehen wollen, eben die Differenzialrente gewesen, d.h. er hätte sich im Namen des Königs auf die besten Ländereien geworfen. Die großen kapitalistischen Agrarbetriebe wären damit nicht angetastet worden, sie hätten ihren Profit gleich den Industrieunternehmen einkassiert, doch die Rente wäre in der Staatskasse gelandet.
Wenn auch die Böden der „Latifundien" eine allerdings sehr niedrige Rente tragen, was Tatsache ist und Marx gezeigt hat, würde sich der Reformer-Staat immer etwas davon schnappen (lediglich ein Almosen, wie wir an anderer Stelle anhand der erbärmlichen Zahlen der nationalen Landwirtschaft zeigten10), vorausgesetzt, er wird Rentier und lässt die Finger von den bereits etablierten Agrarkapitalisten, d.h. unseren einheimischen Landwirten und Pächtern, den „Pächterchefs" Kampaniens, den „gabelotti" Siziliens, den „industrianti di campagna" [Landindustriellen] (ein theoretisch tadelloser Begriff) Kalabriens11; denn diese könnten ja das Pachtgeld bezahlen, das sie aus der Mehrarbeit ihrer bäuerlichen Tagelöhner ziehen. Ricardo, der stoisch, aber sicher nicht wie die heute überall anzutreffenden Freibeuter zynisch war, hätte es bestimmt so gemacht.
Mit der aus dem Ärmel gezogenen unseligen Formel der Parzellierung (der hyperbolischen Dummheit jener, die eine noch überlebende feudale Landwirtschaft behaupten, obwohl die italienische Agrarwirtschaft es doch als eine der ersten in der Welt zur vollen kapitalistischen Betriebsführung gebracht hat) wurde dagegen nur die dürftige absolute Rente gestrichen, was unter die Kleinbauern nichts anderes „verteilt" als das alle gleichmäßig treffende Urteil, die doppelte Zeit arbeiten zu müssen, um ihr Leben zu fristen und die Raten abzahlen zu können - wenn und solange sie nicht von ihrer Parzelle weglaufen. Was die üppigen Differenzialrenten angeht, bleiben diese sakrosankt und stehen auch weiterhin dem italienischen Spekulationskapital zur Verfügung, das schon aus Prinzip Investitionen in der Landwirtschaft scheut, und sein Kapital erst recht nicht auf den „schlechtesten Böden" anlegen würde, wo es nötig wäre. Aber dazu könnte es nur, die Schlinge um den Hals, mit Fußtritten gezwungen werden.
Die Formel lautet also: Man bringe die Differenzialrente, dem die gleiche Ehre wie dem Aktienkapital gebührt, in Sicherheit und lasse die absolute Rente untergehen. Wenn man nicht wüsste, was es mit dem italienischen Staat auf sich hat, was für eine verachtenswerte Ausgabe von Klassenstaat er ist, zu welch anderen Spielarten des Betrugs an den arbeitenden Massen er noch herabsinken würde, fiele er den „antifeudalen" Oppositionsparteien in die Hände, würde sich dies einfach in der knappen Apostrophe zusammenfassen lassen: Staat, wie dumm du doch bist!
Quellen:
„Rendita differenziale - appetito integrale": Il programma comunista, Nr. 4, Februar 1954.
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MEW 25: Marx - Das Kapital III, 1894; 6. Abschnitt: Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente.
MEW 26.2: Marx - Theorien über den Mehrwert II, 1862/63; 9. Kapitel: Bemerkungen über die
Geschichte der Entdeckung des so genannten Ricardo'schen Gesetzes.
1 Hors d'œvre (frz.): appetitanregende Vorspeise.
2 Dante - Göttliche Komödie: Die Hölle, 3. Gesang, 16. Zeile.
3 „Karls des Großen ungeheure, aber fast spurlos vorübergegangne Experimente mit den berühmten kaiserlichen Villen" (zwischen 768 und 814) „wurden fortgesetzt nur von Klöstern und waren nur für diese fruchtbar; die Klöster aber waren abnorme Gesellschaftskörper, gegründet auf Ehelosigkeit; sie konnten Ausnahmsweises leisten, mussten aber ebendeshalb auch Ausnahmen bleiben" [MEW 21, S. 149].
4 crever les yeux (frz.): ins Auge fallen.
5 Der griechische Geograph Strabon, der um 25 v.u.Z. Nordafrika bereiste, bemerkte dazu: „Die altägyptischen Provinzen waren in Unterkreise geteilt, diese wieder in Ortskreise; die kleinsten Abschnitte dieser Teile bildeten die Flurstücke. Man bedurfte bei ihnen einer genauen, ins engste gehenden Einteilung; denn der Nilfluss nimmt jedes Jahr Erde weg und setzt sie zu; er verändert ständig den Boden und wischt auch jegliche Zeichen fort, durch die man das Eigentum unterscheidet. Daher muss man in Ägypten immer erneute Messungen treiben. Hieraus soll die Feldmesskunst entstanden sein, nicht anders als die Zahlenlehre bei den Phöniziern des Handels wegen entstanden ist".
6 Toboggan: flacher indianischer Schlitten; hier gemeint im Sinne von Rutschbahn.
7 Chaulieu: Pseudonym für Cornelius Castoriadis, Theoretiker der Gruppe „Sozialismus oder Barbarei".
8 „chez eux" (frz.): bei euch.
9 Pantalone: Im Mittelalter ein in Venedig sehr verbreiteter Eigenname: Pantaleone. Charaktermaske der Commedia dell'arte des 16. Jahrhunderts: Figur des Reichen und habgierigen Kaufmanns. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Figur und wurde schließlich zu der des „guten Alten", ein bisschen skorbutisch und stets von leichter Erregung erfasst. Und ebenso das Sprichwort: „paga Pantalone" (Pantalone soll zahlen), womit gesagt wird, dass es zu guter Letzt immer das Volk ist, das für die Fehler derer, die es regieren, zu bezahlen hat. Es geht also um die Verschwendung öffentlicher Gelder.
10 Es handelt sich um einen Exkurs in „Proprietà e capitale": „Il miraggio della riforma agraria in Italia", Prometeo Nr. 13, August 1949.
11 „gabelotto" werden in Sizilien Pächterunternehmer genannt, die oftmals Parzellen „untervermieten" oder verwalten (wahrscheinlich abgeleitet von „gabellare": sich für etwas ausgeben, was man nicht ist). „industrianti di campagna" sind die Pächter großer Agrarbetriebe in Süditalien.
