Filo del tempo
1954-01-22 - Die Agrarfrage weiter verfolgend
Im Faden der Zeit [124]
V. Die Agrarfrage weiter verfolgend
Mehrarbeit und Klassen
Wir müssen immer wieder auf die Gründe zurückkommen, die Marx dem physiokratischen System eine so große Bedeutung beimessen ließen, auch gegenüber der moderneren Schule der klassischen Ökonomie, die in der ersten industriellen Nation - England - entstand und zwangsläufig als erste die Industrie- der Agrarproduktion voranstellte.
Da wir in den „Fäden der Zeit" nicht eine „systematische" Darstellung der marxistischen Lehre vornehmen, und da wir, auch aufgrund der von vielen Genossen aufgeworfenen Fragen, verpflichtet sind, der Agrarfrage eine Textreihe zu widmen, bemerken wir noch, dass wir uns auch auf andere marxistische Schriften beziehen und die Wert- und Mehrwerttheorie sowie ihre Entstehung als bereits bekannt voraussetzen müssen (abgesehen von gelegentlichen Hinweisen und der Verwendung einiger der erhellendsten Formulierungen, auf die man beim Gebrauch des Textarsenals stößt), denn uns ist hier wichtig, diese Theorie bei den ersten Ökonomen des Kapitals (Smith, Ricardo etc.) zu verfolgen, weil sie der Bodenrente zentrale Untersuchungen gewidmet haben.
Aus demselben Grund verlassen wir auch den Rahmen der der ländlichen Produktion eigenen Grenzen, wenn uns - wie es hinsichtlich der Tragweite der physiokratischen Schule der Fall ist - die Marx'sche Kritik die äußerst nützliche Gelegenheit gibt, die Grundthesen der Lehre des Kommunismus zu beleuchten.
Es ist nur ein erster Gesichtspunkt der in die ökonomische Wissenschaft von den Physiokraten eingebrachten großen Neuerung, den Mehrwert aufgezeigt zu haben, wenn auch nur auf dem Gebiet der Landwirtschaft; erstmals wird der Unterschied deutlich zwischen dem, was der Lohnarbeiter erhält und dem, was seine Arbeit dem Produkt - daher dem Wert - hinzufügt. Da letzteres in der Regel viel größer ist, bildet diese anderen Gesellschaftselementen zugute kommende Differenz das Mehrprodukt, die Mehrarbeit, den Mehrwert.
Dies deckten die Physiokraten auf, und zwar begrenzt auf die stofflichen, materiellen Produkte im Hinblick auf ihren Nutzen für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Ihre Theorie ist daher eine des Gebrauchs-, nicht des Tauschwerts, wie es dann später bei den englischen klassischen Ökonomen, den Koryphäen des Kapitalismus, der Fall ist. Es war in der Tat leicht, das Phänomen auf dem Agrargebiet aufzudecken, wo der Bearbeiter die von ihm produzierten Produkte auch selbst konsumiert und sich feststellen lässt, dass er Getreide, Gemüse, Früchte etc. in weit geringerer Menge konsumiert, als durch ihn im Betrieb hergestellt werden.
Aber der zweite äußerst wichtige Aspekt des physiokratischen Systems und des berühmten „Tableaus", in dem Quesnay es zusammenfasst, ist der, dass dieser Vergleich zum ersten Mal nicht allein aufgrund des Tributs angestellt wird, den der Pächter oder Grundeigentümer vom einzelnen Lohnarbeiter erhebt, sondern auf nationaler Ebene als Verhältnis zwischen jenen gesellschaftlichen Klassen untersucht wird, in die sich gemäß dieser Theorie die Nation (die ökonomische Gesellschaft) teilt. Die Klassentheorie ist hier also schon in embryonaler Form gegeben. Mehr noch: Lohn, Profit und Rente werden hier nicht als persönliche Wertanteile untersucht, die die Revenue des (Land)Arbeiters, des Agrarkapitalisten und des Grundeigentümers bilden, sondern als gesellschaftliche Wertmasse; der Mehrwert wird also auf gesellschaftlicher Ebene berechnet und auf eine bestimmte ökonomische Bewegung bezogen, er interessiert als gesellschaftliche Durchschnittsgröße und nicht als zufälliger und individueller Anteil.
Quesnay steht zwar hinter Marx, jedoch weit vor den berühmtesten der heutigen Wirtschaftsprofessoren, deren Bravourstück das Theorem ist: Als wissenschaftliches Ergebnis sind Gesetze, Schemata, Theorien und Übersichtstafeln typischer ökonomischer Gesellschaftsformen unmöglich.
Macht und Reichtum
In jener Zeit wird die ökonomische Wissenschaft zur Theorie der gesellschaftlichen Mehrarbeit, womit sie aufhörte, eine vage und literarische Erklärung für den Reichtum und dessen Bewegungen, für die Ursachen und Folgen der Tatsache zu sein, dass es Arme und Reiche gibt... Marx verfasst also mit dem 4. Band des „Kapital" nicht, wie Croce gesagt hätte, eine „Geschichte der Ökonomographie"1, sondern die Geschichte der Theorien über die Mehrarbeit.
Um nicht zu weit zurückzugehen: Hobbes (Philosoph und Ökonom, gestorben 1679, also ein Jahrhundert vor Quesnay) antwortet auf die Frage nach dem Reichtum mit einer energischen Definition: Reichtum bedeutet Macht. Blanqui, Autorität der Revolution, wie Hobbes eine des Konservatismus war, wird sagen: „Wer Eisen hat, hat Brot"2. Der geniale, wenn auch noch ungenaue Adam Smith, dem daran lag, seine große Intuition zu verteidigen, nach der sich der Wert jeder Ware (in der kapitalistischen Gesellschaft bedeutet Reichtum: Warensammlung) nach der in ihr enthaltenen, d.h. zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit misst, kommentiert die Hobbes'sche Definition folgendermaßen:
„Aber wer ein großes Vermögen erwirbt oder durch Erbschaft erhält, erwirbt damit nicht" (er hätte sagen sollen: nicht mehr) „notwendig irgendeine politische Macht, sei es zivile, sei es militärische". Was er erwirbt, „ist ein Recht, über die ganze Arbeit anderer oder über das ganze Produkt dieser Arbeit, das sich augenblicklich auf dem Markt befindet, zu kommandieren" [MEW 26.1, S. 46].
Reichtum ist also die Verfügung über die Arbeit anderer. Dass er durch eigene Arbeit gebildet werden könnte, ist eine blauäugige, von den Propagandisten der bürgerlichen Ökonomie der Warenproduktion aufgestellte Hypothese, die nicht einmal auf professionelle Hungerkünstler zutrifft.
In seiner Widerlegung des viel fortgeschritteneren Ricardo erklärt Marx, dass es sich um die Verfügung über gesellschaftliche Arbeit handelt: Schon der Ausdruck der fremden Arbeit, als Gegensatz zur eigenen, die das famose „natürliche Recht" jedem zuerkennen würde, ist naiv. Wenn Ricardo von „meiner" Arbeit spricht, gibt Marx zu bedenken, dass auch meine Arbeit gesellschaftliche Arbeit ist3. Diese sowohl einfache wie tief greifende Formel führt uns auf das schon so oft Gesagte zurück: Die kommunistische Forderung lautet nicht: Jedem den Ertrag seiner eigenen Arbeit, sondern: Der Gesellschaft die gesamte gesellschaftliche Arbeit. Dem Individuum wird also nicht nur die „Macht" über die Arbeit anderer entzogen sein, sondern ebenso die persönliche Macht über die eigene Arbeit, d.h. über die „Mehrarbeit", die er auch im Kommunismus der Gesellschaft geben wird. Je weiter diese fortschreitet, desto mehr wird man sich auf die gesellschaftliche Mehrarbeit stützen, statt auf die „notwendige Arbeit", d.h. auf die Arbeit, die heute gekauft und bezahlt wird, der örtlich und zeitlich festgelegten Arbeitspflicht unter dem Deckmantel der Vertragsfreiheit, der „Arbeitsleistung".
In der der Herausbildung des allgemeinen Marktes vorhergehenden Epoche war die Identität zwischen Macht und Reichtum greifbarer. Die Abhängigkeit war noch kein gesellschaftliches, von Klasse zu Klasse gehendes, sondern ein persönliches Verhältnis. In der Sklavenhaltergesellschaft bildete der ganze Körper des Arbeiters einen Bestandteil des Reichtums seines Eigentümers, was den Besitz seiner Mehrarbeit mit einschloss: Da der Eigentümer dem Sklaven die Nahrung gab, die ihn am Leben erhielt, gehörte ihm, dem Reichen, rechtmäßig das Produkt von dessen Hände Arbeit in Form von Konsumartikeln oder Dienstleistungen.
In der feudalen Leibeigenschaft gehört dem Grundherrn nicht die ganze Person des Fronarbeiters, aber ein fetter Anteil seiner Arbeitszeit oder des Produkts seiner Arbeit; außerdem ist er eng an seinen Arbeitsort gebunden. Es handelt sich also noch um persönliche Abhängigkeit und der Reichtum des Feudalherrn ist durch ein Machtverhältnis bedingt: Durch legale bewaffnete Kräfte, die den Leibeigenen im Fall der Rebellion auf das Lehnsgut zurücktreiben, wie auch der entlaufene Sklave ins Haus des Herrn zurückgebracht wurde.
Deutlich war in diesen Fällen die Teilung der Gesellschaft in Klassen und die ungleiche Verteilung des Reichtums, offensichtlich war der Machtakt über die unterjochte Klasse. Der Geniestreich der Physiokraten bestand in der Feststellung - auch, weil sie glaubten, dass alle Arbeiter frei gewesen seien - des Transfers eines Quantums Mehrarbeit, der nicht mehr vom Leibeigenen zum Herrn, als Individuen gesehen, stattfindet, sondern von Klasse zu Klasse; wobei der Gewinn des Land- oder Agrarunternehmers als bloße Wiedereinnahme gerechtfertigt, aber auch die Rente des Grundeigentümers als parasitärer Abzug von der Mehrarbeit deutlich gemacht wird.
Das großartige Ergebnis, die ökonomische Dynamik nicht mehr auf das individuelle Element, sondern auf das gesellschaftliche Klassengefüge bezogen zu haben, macht bei weitem den Irrtum wett, das gleiche Verhältnis zwischen Mehrarbeit und Profit in der Manufaktur übersehen zu haben.
Gebrauch der Modellchen
Bis jetzt haben wir auf die Zahlen des Tableaus nur beiläufig hingewiesen. Es wird nun von Nutzen sein, die „Bilanz" jeder Klasse in allgemeinen Zügen darzustellen. In die Fußstapfen der Marx'schen Kritik tretend wird uns dies das Verständnis hinsichtlich der Mängel in der Smith'schen und Ricardo'schen Mehrwerttheorie erleichtern.
Das Tableau skizziert einen Gesellschaftstypus, der in abstracto aufgefasst wird und daher schematisch gefasst werden kann. Marx' Aufgabe, die er wegen des plötzlich eintretenden Todes nicht zu Ende und die die marxistische Bewegung und Schule aus wohlbekannten historischen Gründen der Abweichung und des Revisionismus schlecht zu Ende brachte, bestand darin, ein Schema vom Typus der modernen kapitalistischen Industriegesellschaft aufzustellen.
Der Unterschied zwischen den beiden Schemata ist wesentlich. Quesnay glaubte, sein Typus sei der Typus der post-feudalen Gesellschaft, also der Lohnarbeits-Gesellschaft, daher musste ihm der Klassenantagonismus zwischen Proletariern und Unternehmern völlig entgehen. Deshalb finden wir, was die herrschende Klasse in dieser Gesellschaft angeht, die Aristokratie des Ancien Regime durch eine Klasse bürgerlicher Grundeigentümer ersetzt, wobei die der kapitalistischen Unternehmer einschließlich der Handels- und Finanzkapitalisten außer Acht gelassen wird. Außerdem baut Quesnay sein Schema als Entwurf „der besten aller möglichen Welten" auf und als Modell einer zukünftigen, auf persönlicher „Freiheit" gegründeten stabilen Gesellschaft. Marx' Schema ist das der voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, die historisch auf die feudale Epoche folgt; es ist nicht ein Schema eines mit gleichmäßiger „Drehzahl" laufenden Mechanismus, vielmehr hat es das Ziel aufzuzeigen, dass eine solche Ordnung instabil und historisch vergänglich ist, dass seine Mechanik nicht zu dem führt, was die Physik als dynamisches „Gleichgewicht" bezeichnet, sondern zu einem mit Sicherheit eintretenden Ungleichgewicht, zu aufeinanderfolgenden Krisen und zur schließlichen Explosion. Zu polemischen Zwecken untersucht Marx, wie wir stets gesagt haben, nicht die „unreine" kapitalistische Gesellschaft, wie sie tatsächlich in den verschiedenen Ländern und den verschiedenen Entwicklungsstufen existiert (und wovon er, wenn nötig, in wunderbaren und sicheren Zügen ausführliche Beschreibungen gibt), sondern jene hypothetische Gesellschaft, in der die gesamte Produktion auf der Lohnarbeit und der der Warenproduktion eigenen Distribution fußt. Es ist die Gesellschaft, die, kaum dass sich alle Überreste der vorkapitalistischen Formen verflüchtigt haben, von den Bourgeois und ihrer Wissenschaft als vollkommener und ewiger Gleichgewichtszustand bejubelt wird.
Die kapitalistischen Ökonomen der klassischen Schule sprachen dies auch aufrichtig aus; später zog sich die offizielle Wissenschaft, vor den Kräften zurückschreckend, die sie hervorgerufen hatte, auf eine statistische Registrierung und Beschreibung zurück, und lehnte alle Schemata ab, die sie zu bloßen und fruchtlosen theoretischen Übungen erklärte, denen sich die vielfältige und launische Realität nur entgegensetzen könne. Sie wies also alle Schematisierungen zurück, nicht nur solche wie die Quesnay'schen, die apologetische Bedeutung haben und ökonomisch gesehen den Plänen der utopischen Sozialisten entsprechen, sondern erst recht die Marx'schen, die, statt statisch und apologetisch, dynamisch und revolutionär sind.
Quesnay kommt indessen das Verdienst zu, inmitten der Flut von Informationen und wechselnden Daten der bestehenden Wirtschaft den wissenschaftlichen Aufbau eines Schemas für machbar erklärt zu haben; damit war er nicht mehr und nicht weniger als ein Vorläufer des historischen Materialismus von Marx. Quesnay behauptete, dass die moderne Kritik an den alten spiritualistischen Lehren, die in Frankreich durch die Naturwissenschaften, in Deutschland durch die Geisteswissenschaften geführt und in England - in der Epoche des goldenen Zeitalters der industriellen Revolution - durch die Gesellschaftswissenschaften gewagt wurde, dass diese Kritik sehr wohl auf ökonomischem Gebiet wissenschaftlich begründbar und entwickelbar sei; aber diese Aufgabe ging über die der bürgerlichen Philosophie hinaus und war dem dialektischen Materialismus einer neuen revolutionären Klasse - dem Proletariat - vorbehalten.
Bilanz des Quesnay'schen Tableaus
Im Quesnay'schen Tableau bleibt die Zirkulation der Produkte und des Geldes innerhalb einer Klasse unberücksichtigt, es wird nur die zwischen den Klassen betrachtet, und zwar auf der Ebene der gesamten Gesellschaft: für den Autor die französische Gesellschaft seiner Zeit (1759).
Für ihn gibt es folgende drei Klassen: die Klasse P (propriétaire) der Grundeigentümer, einschließlich der Fürsten und der Kirche, d.h. den Empfängern des (nunmehr zur Geldrente gewordenen) Zehnten; die Klasse F der Produktiven, die nicht nur die kapitalistischen Pächter (fermiers), sondern auch die von ihnen beschäftigten Landarbeiter umfasst; und die Klasse S, d.h. die sterile Klasse, worunter die Fabrikanten und Manufakturarbeiter verstanden werden.
Wie man sieht, haben Smith und Ricardo, wie Marx, ein davon unterschiedenes Drei-Klassen-Schema im Blick: Grundeigentümer, Kapitalisten und Lohnarbeiter.
In dem einen wie in dem anderen Schema werden die Klassen der Kleinbauern und Handwerker außen vor gelassen, denn ihr selbstgenügsames Wirtschaften verhindert, in die allgemeine Zirkulation von Produkten und Werten hineingerissen zu werden. Was die Buchführung des bürgerlichen Betriebs anbelangt, werden Smith und Ricardo jedoch weniger gründlich als Quesnay vorgehen, der das konstante Kapital (das in jedem Zyklus zwar nicht mit gesteigertem Wert, jedoch gänzlich erhalten wieder vorgeschossen wird) und das effektiv zirkulierende Kapital (das am Ende des Zyklus oder zu Beginn des neuen mit erhöhtem Wert wiedererscheint) getrennt berechnet.
Smith und Ricardo verstanden sehr wohl, dass der Kapitalist zum Eigentümer des Produkts wird, dass er in jedem Produktionszyklus die Rohstoffe und Löhne vorschießt, und dass zwischen diesem vorgeschossenen Wert und dem Wert des Produkts eine Gewinnspanne entsteht, die der Mehrwert ist; sie verstanden, dass der gesamte Mehrwert Mehrarbeit, d.h. ein Ergebnis der Tatsache ist, dass der dem Arbeiter ausbezahlte Lohn nur einen Teil des durch seine Arbeit hinzugefügten Werts deckt - aber sie bezogen diesen Mehrwert auf den Wert des erzielten Gesamtprodukts. Er muss hingegen nur auf den Wert des variablen Kapitals - das Lohnkapital - bezogen werden, da das konstante Kapital ein Vorschuss ist, das zum gleichen Wert wieder zurückfließt. Somit verwechselten sie die Begriffe des Mehrwerts und des Profits (siehe „Dialog mit Stalin") und setzten die Mehrwertrate zu niedrig an.
Quesnay geht anders vor. Nehmen wir die Klasse F, die produktive Klasse. Er geht davon aus, dass die Pächter nach der Ernte über Produkte von 5 Milliarden verfügen. Als Kapitalisten verfügen sie zudem über ihr Betriebskapital in Form von 2 Mrd. in Geld. Dieser Fonds deckt die an die Klasse P der Grundeigentümer zu zahlende Gesamtrente, die eben just auf 2 Mrd. geschätzt wird. Das Produkt wird auf den Markt geworfen, nachdem die Arbeiter von den 5 Mrd. 2 Mrd. in Agrarprodukten erhalten haben - was als innerhalb der Klasse F stattfindender Waren- und Geldumlauf nicht im Auge behalten wird. Der Einfachheit halber wird angenommen, dass die Zirkulation nur einmal jährlich stattfindet und die Ausgaben jeder Klasse ihren Einnahmen entsprechen. Eben wegen der Periodizität der Jahreszyklen sind Untersuchung und Darstellung für die Landwirtschaft weniger verworren. So unentzifferbar Quesnay (bis zu Marx) gewesen sein mag, aufgrund der Überlappungen und Phasenverschiebungen der äußerst unterschiedlich dauernden Zyklen würde das Tableau der industriellen Produktion und Zirkulation noch unerfindlicher gewesen sein.
Es bleiben 3 Mrd. an Bodenerzeugnissen. Für 1 Mrd. kaufen die Grundeigentümer der Klasse F Lebensmittel ab, eine der 2 Mrd. aus dem Fonds fließt so an F zurück.
Die andere Milliarde fließt durch den Verkauf von Lebensmitteln an die (industrielle) Klasse S an sie zurück; der Klasse F bleibt noch 1 Mrd. an Produkten, von denen Quesnay nicht annimmt, dass es sich um Nahrungsmittel u.a. handelt, sondern um zu verarbeitende Rohstoffe (Baumwolle, Wolle, Leder etc.). Auch diese Milliarde an Produkten wird an die Klasse S verkauft, die das Material im neuen Arbeitszyklus verbrauchen wird. Bis hierhin hat F eine Milliarde mehr einkassiert, als sie an Rente gezahlt hatte; im weiten Sinne wäre das ihr Profit: Sie setzt diese Milliarde zum Ankauf von Manufakturwaren von der Klasse S ein, sei es für den persönlichen Konsum, sei es, um die abgenutzten Geräte und Anlagen zu ersetzen (man muss im Kopf behalten, dass der persönliche Unterhalt der Pächter schon durch die 2 Mrd. in natura abgedeckt ist, die innerhalb der produktiven Klasse zurückbehalten und nicht in die Zirkulation geworfen wurden).
Die Bilanz der Klasse F für ein Jahr ist also vollständig.
In Geld: 2 Mrd. in der Kasse. Einnahmen: 1 Mrd. von den Grundeigentümern, 1 Mrd. von der Klasse S für Lebensmittel sowie 1 Mrd. für Rohstoffe; insgesamt 3 Milliarden. Ausgaben: 2 Mrd. Rente an die Grundeigentümer, 1 Mrd. an die Klasse S für Manufakturprodukte: insgesamt 3 Milliarden. Also: 2 + 3 - 3 führt wieder auf die 2 Mrd. Betriebskapital zurück.
In Produkten: Im Warenlager 5 Milliarden. Ausgaben: 2 Mrd. an die Mitglieder der produktiven Agrarklasse (Löhne, Gehälter in natura), 1 Mrd. an die Grundeigentümer durch Verkauf von Lebensmitteln, 1 Mrd. an die Klasse S durch Verkauf von Lebensmitteln und 1 Mrd. durch Verkauf von Rohstoffen. Insgesamt 5 Mrd.: Ausgleich.
Halten wir einen Moment inne, um anzumerken, dass die 1 Milliarde, womit verschiedene Gebrauchsgüter von S gekauft werden, als Ersatz für das fixe Kapital (nicht der Kassenbestand oder das Betriebskapital) der Pächter - aus Maschinen, Werkzeugen, Vieh etc. bestehend - geltend gemacht wird und daher mit einem Zins von 10 % vergütet wird, da Quesnay das Anlagekapital auf 10 Mrd. veranschlagt.
Nun zur Bilanz der Grundeigentümerklasse; das Einfachste für euch, das Bequemste für... sie. 2 Milliarden in Geld als Einnahme von der Klasse F. 1 Mrd. Ausgaben, um Lebensmittel, eine weitere Mrd., um von der industriellen Klasse Manufakturwaren zu erwerben. Ausgleich.
Wenn wir auch hier einen 10%igen Zins annehmen, beliefe sich das Vermögen der Grundeigentümer - bei einer Rente von 2 Mrd. - auf 20 Mrd. Allerdings zahlt im Quesnay'schen System nur diese Klasse Steuern.4 Von den 2 Mrd. Rente gehen 2 Siebtel an den Staat, 1 Siebtel als Zehnter an die Kirche; es bleiben 4 Siebtel an Netto-Rente; der Vermögenswert des Grundeigentümers beläuft sich also auf etwa 11½, statt auf 20 Milliarden.
Es bleibt noch die Bilanz der sterilen Klasse zu ziehen. Offensichtlich hat diese, bzw. an ihrer Stelle die Fabrikanten, ein Betriebskapital von 2 Mrd., das am Ende oder zu Beginn des neuen Zyklus in Manufakturwaren umgewandelt ist. Davon verkaufen sie für 1 Mrd. an die Grundeigentümer und für 1 Mrd. an die Klasse F, sie kassieren 2 Mrd. in Geld. 1 Mrd. geht in den Kauf von Lebensmitteln für Arbeiter und Unternehmer, die andere Milliarde in den Kauf von Rohstoffen für die Produktion im neuen Jahr. Weder Gewinn noch Verlust. Ausgleich. Sie haben zwar ein Betriebskapital, aber kein Netto- oder Reineinkommen und daher beläuft sich für Quesnay der Wert des Bodens auf 11½ Mrd., der Anlagewert der Agrarunternehmen auf 10 Mrd., und der Wert der in Betrieb befindlichen (d.h. solange die Produktion nicht stockt) Manufaktur auf Null.
Quesnay stellt diesen Kreislauf ziemlich verwirrend dar. Marx macht eine Skizze davon und gibt eine ziemlich „unverdauliche" Synthese im 6. Kapitel des 1. Bandes der „Theorien über den Mehrwert". Engels gibt sie im 2. Abschnitt des 10. Kapitels des „Anti-Dühring" greifbarer wieder. Wir glauben nun, noch lehrbuchartiger und platter als Engels gewesen zu sein. Wenn ihr nicht verstanden habt, müsst ihr auf einen noch dümmeren Interpreten warten.
Quesnay war kein Dummkopf
Wir werden uns nun folgender Übung zuwenden: die Bilanzen in der Marx'schen Sprache noch einmal lesen. Und dann, mit Verlaub, in der Sprache der Universitäts-Professoren.
Für Smith und Ricardo lässt sich der Wert des (gleich ob Agrar- oder Manufaktur-) Produkts in drei Bestandteile zerfällen: Lohn, Rente, Profit. Darin haben sie gegenüber Quesnay Recht. Aber nicht gegenüber Marx, der feststellt, dass sich der Wert des Produkts aus vier Teilen zusammensetzt: konstantem Kapital, variablem Kapital, Rente und Profit. Das konstante Kapital, das am Ende des Zyklus vollständig wiederhergestellt sein muss, bildet daher keine Revenue, d.h. kein ökonomisches Einkommen irgendeiner Klasse. Das variable Kapital stellt jenen Teil des Erlöses aus dem Produkt dar, mit dem die Arbeiterlöhne bezahlt werden, die Rente geht an die Grundeigentümer, der Profit an die Kapitalisten. Der Profit teilt sich zwischen dem Unternehmerprofit und dem Zinsertrag des Finanzkapitalisten nach unterschiedlichen Quoten auf.
Sehen wir uns nun die Bilanz der Quesnay'schen „fermiers" an (diejenigen, die die Naivität haben zu glauben, dass diese Bilanz noch immer gilt, können sich, mit allgemeiner Zustimmung, ruhig der Klasse „eff"5 zugehörig fühlen): konstantes Kapital: Es reduziert sich auf einen nicht sehr großen Teil der Milliarde für Manufakturwaren, die der sterilen Klasse abgekauft werden und die abgenutzten Werkzeuge und Maschinen u.a. ersetzen.6 Variables Kapital: Es sind fast die gesamten 2 Mrd. erzeugter Produkte, die von der produktiven Klasse konsumiert werden. Mehrwert: 2 Mrd., dazu der größte Teil der Milliarde für Manufakturprodukte und ein kleinerer Teil der innerhalb der Agrarklasse verzehrten Lebensmittelerzeugnisse, sagen wir insgesamt 3 Milliarden. Aufteilung dieses Mehrwerts: 2 Mrd. für Rente, die an die Grundeigentümer gehen, 1 Mrd. für Unternehmerprofit und Zins des Anlagekapitals: beides geht an die Pächter. Gesamtwert der Jahresproduktion: 5 Milliarden.
Bilanz des Grundeigentümers: Er konsumiert jährlich 2 Mrd. in Lebensmitteln und Manufakturwaren.
Bilanz des Industriellen: 1 Mrd. konstantes Kapital (die Rohstoffe, die F abgekauft wurden), 1 Mrd. variables Kapital (die F abgekauften Lebensmittel), Mehrwert: Null; Gesamtwert des Jahresproduktion: 2 Milliarden. Tatsächlich geht von der Milliarde für Lebensmittel für die Klasse S ein Teil an die Fabrikanten und könnte daher Mehrwert genannt werden. Damals aber galt der Industrielle als Aufseher und Leiter (denkt auch an dieselbe Definition des Unternehmerprofits durch den kürzlich zitierten Autoren7), und Quesnay bestimmt diesen Teil als ein den auserwählten Elementen der sterilen Klasse zukommendes Entgelt. Wie ihre Arbeiter erhalten sie genauso viel, wie sie konsumieren; in der Industrie sind Profit- und Mehrwertmasse gleich Null, und Null ist folglich die Rate der einen wie der anderen.
In der Landwirtschaft dagegen erscheint die Rente, die vor Abzug von Steuern und Zehnten 2/5 des Bruttoprodukts ausmacht (mit diesen 2/5 oder 40% könnten wir die „Rentrate" angeben) - Profit und Zins bringen 1/5 des Bruttoprodukts ein (Profitrate gleich 1/5 oder 20%) - ihre Summe bzw. der Mehrwert macht also 3/5 des Bruttoprodukts aus. Da das konstante Kapital unerheblich ist (in der Landwirtschaft werden keine Rohstoffe verarbeitet) beträgt die Mehrwertrate 3 durch 2 (letzteres ist der Wert des Lohn- oder variablen Kapitals), d.h. wir kommen auf etwa 150%.
Deshalb ist das Tableau die Embryonalform der Mehrarbeitstheorie. Denn bei einer Produktion von 5 verzehren die Landarbeiter nur 2, und bei einem 10 stündigen Arbeitstag würden nur 4 Stunden bezahlt, die Mehrarbeit betrüge 6 Stunden.
Und die Modernen?
Schauen wir uns nun an, wie ein moderner Wirtschaftsprofessor das Tableau liest.
Der Wert des nationalen Grundeigentums beträgt 11½ Milliarden. Der Wert des Jahresprodukts 5 Milliarden. Die grundherrliche Brutto-Rente beläuft sich auf 2 Mrd., die Netto-Rente - bei einem Zins von 10% - auf 1150 Millionen.
Das in der Landwirtschaft angelegte Kapital (Anlagewert der kapitalistischen Agrarbetriebe) beträgt 10 Milliarden. Sein Netto-Profit etwa 1 Mrd., bei einem 10%igen Zins. Die Agrarprodukte werden mit einer 10%igen Gewinnspanne auf die Produktionskosten (einschließlich der Pachtabgabe) verkauft.
Das in der Industrie angelegte Kapital beläuft sich auf 2 Milliarden. Es reproduziert sich zwar, wirft aber keinen Profit ab. Die Marktpreise der Manufakturwaren decken nur die Produktionskosten.
2 Milliarden müssen auf jeden Fall zirkulieren. Das nationale Einkommen beträgt 7 Mrd. (2 Mrd. Grundrente, 1 Mrd. Unternehmensprofit. 2 Mrd. Löhne der Landarbeiter, 2 Mrd. Löhne der Industriearbeiter). Das nationale Vermögen beläuft sich auf 23½ Milliarden.
Wenn aus all dem die Unzulänglichkeiten des Tableaus ins Auge springen sowie dessen Bezugnahme auf einen nicht entwickelten Kapitalismus und auf zu hohe Einkommenssätze gegenüber extrem niedrigen Löhnen, so wird erstmals ebenso der enorme Unterschied zwischen dem kapitalistischen Buchführungssystem und der marxistischen Analyse offensichtlich. Für den supermodernen Professor - rückständiger und den feudalen Formen näher als Quesnay - ist Kapital: Vermögen nach Eigentumstiteln. Für uns ist Kapital eine als Konsumtions- oder Produktionsmittel produzierte Warenmasse, eine Masse gesellschaftlicher, zum Betriebszuchthaus verdammter lebendiger Arbeit. Ein Katheder-Sozialist ist einer, der sich mit dem Ruf nach Enteignung juristischer Eigentumstitel zufrieden gibt; revolutionärer Sozialist ist, wer das Kapital ausmerzen will, indem sowohl den Arbeitsmitteln als auch den Konsumgütern ihr Warencharakter entrissen und die lebendige gesellschaftliche Arbeit aus der betrieblichen Tyrannei befreit wird.
Ricardo redete daher Unsinn, als er den üblichen Irrtum beging und nicht beachtete, dass der Mehrwert nur auf das Lohnkapital als Bestandteil des Produktenwerts zu beziehen ist, und nicht auf das Gesamtkapital einschließlich des konstanten (erst recht nicht auf den Vermögenswert des Betriebes). Marx zitiert die Ricardo'schen Sätze:
„'In dem Maße, in dem weniger auf den Lohn entfällt, wird mehr auf den Profit entfallen, und vice versa'", und:
„'Wenn die Löhne steigen, so geschieht dies immer auf Kosten des Profits und wenn sie sinken, steigt stets der Profit'" [MEW 26.2, S. 423, 424].
Der Fehler (zum höheren Ruhm der Produktion und des Betriebs), den Antagonismus zwischen zwei einander gnadenlos feindlichen Epochen und Welten auf die „große Empörung" über die Kluft zwischen Unternehmergewinnen und Löhnen zu verflachen, kennzeichnet die banale Karikatur der Klassenrevolution, die Syndikalismus heißt und von Proudhon bis Lassalle, vom armen alten, heute erledigten Rigola8 bis zu den Ordinovisten reicht.
Es ist jetzt nicht der Augenblick, die von Marx untersuchten Fälle zur Widerlegung der Ricardo'schen Förmelchen aufzurollen.
Methoden der ökonomischen Wissenschaft
Der gewöhnliche Professor versteht nicht, dass nationale Zirkulation und nationales Einkommen als Zirkulation zwischen „Klassen" berechnet werden; er behauptet, die Zirkulation vollziehe sich von Betrieb zu Betrieb, von einem „homo oeconomicus" zum anderen, und er sieht das nationale Einkommen als Summe aller persönlichen Einkommen der Bürger an. Womit der unbedachte Zeitungs- und Zeitschriftenleser in ein Labyrinth von Einkommen geführt wird, die einmal zu Ausgaben werden, dann wiederum zu Einkommen, Kosten, Einnahmen, Gläubiger-, Schuldner- und Übervorteilungsgeschäften, so dass am Ende ein einziges Gesetz triumphiert: das der Wertäquivalenz innerhalb von Milliarden molekularer Transaktionen. Und die höchste Philosophie der Wirtschaftsforschung ist dann gegeben, wenn moralisches Recht und offizielle Religion heil und unversehrt bleiben, d.h. solange die Melodie erklingt: Den einen gibt's der Herr, den anderen nimmt's der Herr!
Die politische Ökonomie ist die Wissenschaft par excellence, die beweist, dass die so gepriesene moderne Kultur durch eine Periode des ununterbrochenen Rückschritts geht. Eine andere für diesen Nachweis charakteristische Wissenschaft ist die Städteplanung, die seit Romulus' Zeiten mit Siebenmeilenstiefeln rückwärts geht. Die von den modernen Städteplanern gebauten Städte erregen aufgrund des vollkommenen Mangels an technischer, ökonomischer und sozialgeschichtlicher Kenntnis immer größeren Abscheu. Man soll nicht glauben, dass die angeblich „exakten" Wissenschaften eine Ausnahme bilden. Die bestechlichste und korrupteste ist z.B. die ganz auf Mathematik und Mechanik basierende Wissenschaft der Architektur und des Bauwesens, und wer wagt sich schon an die Untersuchung von Fragen - doch in den kommenden Jahren müsste es jemand tun -, die die Kernphysik betreffen, einem anderen Gebiet, in dem die gewaltigen Reichtums- und Machtinteressen bewirken, dass alles ein Spiel mit gezinkten Karten ist.
Um seine molekularistische, zerstückelnde, undeterministische und unverbindliche Methode zu verteidigen, wird sich der Wirtschaftsdozent daran machen, die Anstrengungen zu verhöhnen, die seine Wissenschaft in der Periode zu unternehmen hatte, in der sie infolge der gesellschaftlichen Situation einen kräftigen Schub bekommen hatte. Er wird behaupten, die Versuche, erklärende Schemata der gesellschaftlichen Maschinerie zu umreißen (als großartiges und einfaches System statt als pedantischer Kleinkram konzipiert), seien Pflichtübungen von Agitatoren und Parteigängern gewesen. Obgleich Quesnay an dem Punkt, Landarbeiter und kapitalistische Pächter zusammenzuwerfen und sie der ökonomischen Symbiose von Industriellen und Fabrikarbeitern gegenüberzustellen, allzu stark vereinfachte, war er großartig, als er aus der schrecklichen Klemme der Geldzirkulation herausfand - deren einziges augenscheinlich verständliches Phänomen ist, sich gegenseitig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Sein Schema annulliert die ökonomische Bewegung innerhalb jeder der drei Klassen; die unvollkommene Zirkulation ist die zwischen zwei Klassen verlaufende (wenn beispielsweise die Grundeigentümer von der sterilen Klasse Manufakturwaren kaufen), die vollkommene Zirkulation ist die durch alle drei Klassen verlaufende; z.B. wenn die Grundeigentümer von dem Geld, das sie von den Pächtern erhalten haben, von den Sterilen kaufen, und diese wiederum von den Pächtern.
Heute, sagt der Dozent oder Fachmann, hätten wir es mit einer weit größeren Anzahl von Typen zu tun und innerhalb jedes qualitativen Typus mit quantitativ unterschiedlichen Fällen, so dass diese vereinfachende Darstellungsweise unzulässig sei. Die Daten müssten mit den modernen statistischen Theorien, mit Mitteln der „Kybernetik" und mit Hilfe elektronischer Rechner verarbeitet werden. Während also diese natürlichen und künstlichen „Brain Trusts" mit aufgekrempelten Ärmeln die Daten filtern: Passt auf eure Taschen auf! und zwar auf Schritt und Tritt, und nicht nur in den berüchtigten Stadtvierteln.
Nun, Quesnay, der Schematisierer, wurde nicht etwa durch einen befangenen Geist, sondern nur durch eine durchschaubare und entzifferbare Umwelt vorwärts gedrängt. Wir würden sagen, dass seine Ideologie noch aristokratisch und autokratisch war und er sich nicht bewußt war, Ausdruck neuer Zeiten zu sein: Nicht nur die des kapitalistischen Grundeigentums gegen das feudale, sondern auch die der folgenden industriellen kapitalistischen Formen, deren Gesetze er fand und aufschrieb, ohne sie empirisch erfahren zu haben. Ist nicht jede Wissenschaft auf dem Wege solcher Schemata vorgegangen, die auf Krücken zu stehen schienen, jedoch nicht in wunderlichen Hirnen entstanden, sondern in höchst explosiven Geschichtssituationen quasi aus dem Unterbewusstsein heraus der Feder diktiert wurden? Entdeckte Kolumbus etwa nicht den unbekannten Westen, indem er annahm, den „Osten erreicht" zu haben? Galilei schrieb ganz im Geheimen: „altissimum planetam tergeminum observavi", was heißt, er sah (durch ein einfaches Fernglas) den Planeten Saturn als einen Komplex dreier aneinanderhängender Sterne: ein großer in der Mitte und zwei kleine an den Seiten. Tatsächlich sah Herschel mit stärkerer Vergrößerung, dass es sich um den berühmten Ring handelte, der wie alle anderen später entdeckten Ringe den fast kugelförmigen Planeten umhüllt - Galilei hatte einen Schnitzer gemacht. Aber ist dieser Schnitzer nicht mehr wert als all die tägliche Büroarbeit, die frei von Fehlern und Patzern abends ins Fach abgelegt wird?
Wir könnten nun noch Hunderte von Beispielen anführen, um zu beweisen, dass die theoretischen Eroberungen wellenartig gemacht werden und gerade die aus bestimmten kritischen Perioden die grundlegenden sind. Alle neueren Kenntnisse in der Physik über die Quantentheorie sind aus der Ausarbeitung von Schemata und Modellen des Atomaufbaus hervorgegangen, welche nicht nur rohe Skizzen sind, damit die Sache unseren Sinnen zugänglich und der Entwicklungsstufe unseres Gehirns gerecht wird; es ist auch keineswegs ausgemacht, dass die vielen entdeckten und im gewissen Sinn verifizierten Teilchentypen tatsächlich als punktförmige Dinger vorhanden sind und es sich indessen nicht um ganz andere - Energiewellen oder sonst was - Sachen handelt, die schon in mathematischen Formeln niedergeschrieben, durch praktisch-experimentelle Überprüfungen bestätigt, jedoch weder für unsere Sinnensorgane noch für unser Vorstellungsvermögen fassbar sind.
Das schematische Modell wird wohl eines Tages grob und banal erscheinen, wie auch die kleine Zeichnung, die Galilei vom Saturn machte; in der Zwischenzeit wird jedoch die Atomenergie freigesetzt worden sein - zur Ehre und zum Ruhm einer anderen, seit Tausenden von Jahren schamlos degenerierenden Wissenschaft: der Militärkunst.
Wir können also getrost mit dem „irrealen" Modell der kapitalistischen Gesellschaft arbeiten sowie mit dem Schema des Verlaufs und Prozesses, aufgrund derer sie krepieren muss.
Sollte das Schema auf den Müll gehören, so werden wir es erst „danach" dazu tun.
Klassenpolitik (für Feinschmecker)
Die spezifische Kritik der Physiokraten bot also dem Marxismus, der modernen Doktrin des Proletariats (die bereits im Quesnay'schen Schema erkennbar ist, denn die Landarbeiter, auf deren Arbeit die gesamte gesellschaftliche Reichtumsschöpfung beruht, sind lupenreine Lohnarbeiter), einige wesentliche Grundlinien dar, sei es auch nur erst in embryonaler Struktur. Wir haben die erste dieser Grundlinien behandelt - die Theorie der Mehrarbeit - und auch die zweite: die Teilung der Gesellschaft in Klassen und die ökonomische Bewegung zwischen Klassen, statt zwischen Individuen bzw. Firmen. Es gibt noch etwas, das zeigt, dass das Interesse Marx' für diese Schule nicht das eines Gelehrten war, sondern einem revolutionären Erfordernis entsprach.
In der physiokratischen Theorie gibt es ein Element, das in der klassischen kapitalistischen Ökonomie vollkommen fehlt - so sehr letzterer auch das Verdienst zukommt, die Existenz des Mehrwerts in der Produktion jedweder Ware, ob Agrar- oder Industrieprodukt, definiert zu haben. Da die Physiokraten bei der Erklärung der Grundrente das Verhältnis als Leistungstransfer von einer Klasse zur anderen offen legten, wurde keinerlei Versuch unternommen, den Charakter der Grundrente - aus einer anderen Klasse Arbeit herauszupressen - zu beschönigen; indessen entdeckten die klassischen Ökonomen zwar den Mehrwert in der Industrie, aber indem sie (entsprechend dem individualistischen Schema ihrer Ökonomie) behaupteten, der Arbeitslohn bezahle kraft des Gesetzes der Wertäquivalenz exakt die Arbeitszeit, „rechtfertigten" sie immer wieder den Unternehmerprofit und schilderten ihn als Vergütung für einen Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum.
In anderen Worten: Die klassische Ökonomie rechtfertigt das Verhältnis zwischen Kapitalisten und Proletariern auf Grundlage der Lohnarbeit als gleich und frei und bezeichnet allein die vorhergegangenen Abhängigkeitsverhältnisse als unterdrückende; für sie ist das juristische Milieu der persönlichen Freiheit die tatsächliche Prämisse einer ausgewogenen und blühenden Wirtschaft. Indem die französischen Physiokraten hingegen die Entstehung des Mehrwerts gerade aufgrund der historischen Verwandlung des Leibeigenen in den freien Arbeiter hervortreten lassen sowie aufgrund der Befreiung des Bodens vom erblichen Lehen, wodurch das Grundeigentum jederzeit in Geld umwandelbar ist und vice versa, stellen sie die Weichen für eine gesellschaftliche Kritik an den liberalen und demokratischen Institutionen; der Marxismus entwickelte diese Kritik bis zu dem Punkt, an dem sie zur Grundlage der Politik der Lohnarbeiterklasse wurde.
Der Marxismus konnte nicht darauf verzichten, seine Theorie des Klassenantagonismus in der liberalen Gesellschaft auf den Daten zu errichten, die die Industrie den bürgerlichen Klassikern geliefert hatte, wobei er die Gesetze der Automatisierung in der Produktion, die zur Herausbildung der riesigen industriellen Arbeiterarmee führten, klar darlegte. Da sich diese Armee in Bezug auf die Fabrikantenklasse in demselben Verhältnis befindet wie die Landarbeiter gegenüber den kapitalistischen Pächtern, hätte sie - den explosivsten Abschnitt im Tableau einnehmend - dem neu entstandenen Kampf zwischen den Klassen weitere und riesige Kräfte zugeführt.
Aber ein Resultat des Marxismus ist, dass die Bedeutung der liberalen Revolution nicht in ihrer politischen Ideologie liegt und nicht in eine unwiderrufliche Errungenschaft neuer Rechte für alle Bürger - unabhängig von ihrer ökonomischen Lage - mündet; vielmehr liegt sie im Machtaufstieg einer neuen herrschenden Klasse, deren aufklärerischer Plunder ihr nur als Maske dient. Dies ist natürlich nicht in der physiokratischen Lehre enthalten, es hätte historisch auch nicht in ihr enthalten sein können, doch steht sie nicht in einem solch krassen Gegensatz dazu wie der englische Wirtschaftsliberalismus, der besagt: Wenn jedes gesellschaftliche Molekül seine ökonomischen Entscheidungen autonom treffen kann, muss das System ohne Behinderungen und Erschütterungen funktionieren. Im Schema des Tableaus hingegen wird deutlich, dass, wenn die privilegierte Klasse der Grundeigentümer durch ihre Steuerabgaben die Staatsmaschinerie in Gang hält, sie dies nur tut, soweit sich der Staat für die Unantastbarkeit ihres Monopols am Boden einsetzt. Die Ricardo'sche Schule will hingegen das Monopol des Kapitals und die Klassennatur des in seinem Dienst stehenden demokratischen Staates verbergen.
Ausgehend von der Schematisierung der „agrarkapitalistischen" Gesellschaft sind wir mitten in der Frage der politischen Strategie des Proletariats gelandet.
In der zwischen Quesnay und Marx liegenden Zeitspanne musste das Proletariat in den bürgerlichen Revolutionen kämpfen. Abgesehen davon, die feudale Machtmaschinerie bezwingen zu müssen, wird durch die Abschaffung der Leibeigenschaft und Fesselung an den Boden nicht nur der Weg zur Befreiung der Produktivkräfte geebnet, sondern auch der andere Weg gebahnt, der aus der Konzentration in immer mächtigeren Arbeitseinheiten in der städtischen Manufaktur hervorgeht.
Für die Teilnahme des entstehenden Proletariats an den liberalen und nationalen Aufständen, die die Herausbildung der neuen Marktwirtschaft ausdrücken und die traditionellen abgeschiedenen Inseln zu einer territorialen Einheit verschmelzen, ist die unablässige Demolierung der politischen und ökonomischen demokratischen Illusionen durch Theorie und Agitation eine unerlässliche Bedingung. Die marxistische Position in dieser strategischen Frage ist nicht minder bedeutend als bei den prinzipiellen Positionen. Auch wenn sich die marxistische Bewegung mit Ungeduld für die militärischen Siege der liberalen Revolutionen einsetzt, hört sie nicht auf, mit allen Kräften auf die demokratische Ideologie der Aufklärung loszugehen und die bejubelten Eroberungen der Freiheit des Individuums und des Volkes zu verlachen.
Eine eindrucksvolle Bestätigung dieser mächtigen doppelten Position - deren dialektische Seiten sich nicht in die Quere kommen, sondern sich zwangsläufig ergänzen - ist die Bezugnahme Marx' auf die Lehre der physiokratischen politischen Ökonomie, die inmitten des ideologischen Feuereifers für die Menschen- und Bürgerrechte anfing, die Bewegung der materiellen Werte, Produkte und Arbeitskräfte zwischen den großen Klassen der damaligen Gesellschaft als Grundgerüst der historischen gesellschaftlichen Entwicklung zu erkennen.
Diese Bezugnahme ist gerade heute und gerade für das Verständnis der jüngsten Zeit und der nächsten Jahre äußerst wichtig, in denen falsche Dialektiker, falsche Marxisten, falsche Revolutionäre auftauchen, die - indem sie schwätzen, die Zeit sei wieder gekommen, in der (wie im 19. Jahrhundert) dem bürgerlichen Zyklus mit blankgezogenen Waffen ein neuer Schub gegeben werden müsse - im Schlamm der abgeschmacktesten Apologie der bürgerlichen Ideologismen ersaufen und im niedrigsten demokratoiden Jargon um die Rechte der Person und um volkstümlerische Postulate betteln, wo es doch schon vor zwei Jahrhunderten möglich war, all diesen widerlichen Kram hinter sich zu lassen und die deutlichen Umrisse der einzigen Protagonisten der lebendigen Geschichte - die Klassen - zu erkennen.
Quellen:
„Proseguendo sulla questione agraria": Il programma comunista, Nr. 2, Januar 1954.
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MEW 20: Engels - Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 1878;
10. Kapitel: „Aus der ‚Kritischen Geschichte'".
MEW 26.1: Marx - Theorien über den Mehrwert I, 1862/63;
3. Kapitel: „A. Smith";
6. Kapitel: „Abschweifung. Tableau Economique suivant Quesnay".
MEW 26.2: Marx - Theorien über den Mehrwert II, 1862/63;
15. Kapitel: „Ricardos Theorie über den Mehrwert".
1 Ironische Bezugnahme auf „Teoria e storia della storiografia" (was, wie das Wort „storiografia" angibt, die Geschichte zu einem Gegenstand der Beschreibung, und nicht der wissenschaftlichen Analyse macht), eine Schrift von B. Croce (gest. 1952), einem Führer der Liberalen Partei Italiens.
2 Siehe MEW 7, S. 568 ff.
3 Dies scheint sich auf eine Stelle von Marx über A. Smith zu beziehen: „Dass auch meine Arbeit oder die in meinen Waren enthaltene Arbeit schon gesellschaftlich bestimmt ist und ihren Charakter wesentlich verändert, entgeht Adamen" [MEW 26.1, S. 47].
4 Marx schreibt in den Grundrissen: „Die Legung aller Steuern auf die Rente, ist aber dann auch ganz zum Vorteil des bürgerlichen Kapitals. Der Feudalismus ist nur bürgerlich verherrlicht im Prinzip (...) um ihn in der Nutzanwendung zu ruinieren" [MEW 42, S. 248].
5 Klasse „eff": das f steht hier für „fesso", d.h. Dummkopf.
6 In der Anfangszeit des Kapitalismus (die Marx als formelle Herrschaft des Kapitals kennzeichnet) überwog die lebendige Arbeit über die tote Arbeit (das konstante Kapital). Später, als der Kapitalismus Maschinen, Anlagen etc. akkumuliert hatte, überwiegt das konstante Kapital in der Produktion (in der Phase der reellen Herrschaft des Kapitals).
7 Oreste Bordiga: Trattato di economia rurale, 1926. Siehe „II. Hexerei der Grundrente", Kapitel: Betriebsbilanz.
8 Rigola: italienischer reformistischer Gewerkschaftsvertreter Anfang des 20 Jahrhunderts.
