Filo del tempo
1952-10-10 - Dialog mit Stalin (4)
Im Faden der Zeit [103]
Dialog mit Stalin
IV. Dritter Tag (Nachmittag)
An den beiden ersten Tagen und im Laufe des heutigen Vormittags haben wir all die Passagen in der Stalin'schen Schrift behandelt, die erlauben, jene Gesetze aufzufinden, von denen sich die russische Wirtschaft lenken lässt.
In theoretischer Hinsicht haben wir grundsätzlich widerlegt, dass eine durch solche Gesetze gekennzeichnete Ökonomie als Sozialismus - oder auch dessen unteres Stadium - definiert werden könnte, genauso haben wir abgestritten, sich zu einem derartigen Zweck auf die grundlegenden Texte von Marx und Engels berufen zu können. In diesen Schriften finden wir, wenn auch nicht mit der banalen Leichtigkeit, in der man einen Comic überfliegt, die ökonomischen Charakteristiken des Kapitalismus, ebenso wie die des Sozialismus sowie die Phänomene, die es ermöglichen, den ökonomischen Übergang von der einen zur anderen Produktionsweise zu verifizieren.
In empirischer Hinsicht konnten wir eine Reihe definitiver Schlussfolgerungen ziehen. Auf dem russischen Binnenmarkt herrscht das Wertgesetz; also:
a) die Produkte haben Warencharakter;
b) es existiert ein Markt;
c) der Austausch findet, gemäß dem Wertgesetz, zwischen Äquivalenten statt; und die Äquivalente haben einen Geldausdruck.
Die große Masse der Agrarbetriebe arbeitet allein im Hinblick auf die Warenproduktion und teilweise in Form einer individuellen Aneignung der Produkte seitens des Parzellenbauern (der im anderen Teil seiner Arbeitszeit als Genossenschaftsbauer, Kolchosniki fungiert), einer Form also, die noch weiter vom Sozialismus entfernt ist, im gewissen Sinn vorkapitalistisch und naturalwirtschaftlich.
Die kleinen und mittleren Betriebe, die Fabrikwaren herstellen, arbeiten ebenfalls für den Absatz auf dem Markt.
Die großen Unternehmen endlich gehören dem Staat, was nicht viel heißt: ihre Buchführung trägt monetären Charakter und mittels der Preise - worin die Herrschaft des Wertgesetzes schon unterstellt ist - werden Ausgaben (für Rohstoffe, Löhne) und Einnahmen (abgesetzte Produkte) einander gegenübergestellt, also geprüft, ob die Unternehmen rentabel arbeiten, d.h. ob sie einen Profit, einen Überschuss abwerfen.
Die Beweisführung über die Tragweite des marxistischen Gesetzes der Profitrate und ihres Falls war dazu gut, Stalins hohle Gegenthese bloßzulegen: Da ja das Proletariat die Macht in Händen halte, trachte der riesige Apparat der nationalisierten Industrie nicht nach dem Maximalprofit (wie in den kapitalistischen Ländern), sondern sei auf das maximale Wohlergehen der Arbeiter und des Volkes bedacht.
Gegenüber der These, wonach es zwischen den Interessen der Arbeiter der Staatsindustrie und denen des „sowjetischen Volkes" - diesem Gemisch von Einzel- und Genossenschaftsbauern, Krämern, Leitern kleiner und mittlerer Industriebetriebe usw. usf. - keine grundsätzlichen Gegensätze, auch nicht auf der Ebene der Tagesforderungen, gäbe, hegen wir die größten Vorbehalte. Doch hiervon abgesehen, haben wir gerade aus dem von Stalin bestätigten „Gesetz der planmäßigen Entwicklung der Volkswirtschaft in geometrischer Progression" den Beweis erbracht, dass das kapitalistische Gesetz des Falls der Profitrate in Kraft ist. Wenn ein Fünfjahresplan eine Produktionssteigerung von 20%, d.h. von 100 auf 120 vorgibt und der nachfolgende Plan wieder ein Wachstum von 20% festschreibt, so heißt das, dass die Produktion nicht von 120 auf 140, sondern von 120 auf 144 anwachsen soll (20%ige Steigerung vom neuen Zyklus, der jetzt mit 120 beginnt). Wer ein wenig mit Zahlen vertraut ist, der weiß, dass die Differenz am Anfang geringfügig erscheint, später jedoch gigantische Ausmaße annimmt. Erinnert ihr euch an die Geschichte des Erfinders des Schachspiels, dem der Kaiser von China ein Geschenk machen wollte? Er bat darum, ein Korn auf das erste Feld des Schachbretts zu legen, zwei auf das zweite, vier auf das dritte... Alle Kornkammern des Himmlischen Reiches hätten nicht ausgereicht, um die 64 Felder zu füllen.
Nun, sein Gesetz ist de facto nichts anderes als der kategorische Imperativ: immer mehr produzieren! Dieser Imperativ gehört eigens dem Kapitalismus an, und folgende Ursachenkette liegt ihm zugrunde: Zunahme der Arbeitsproduktivität - Erhöhung des konstanten Kapitals im Verhältnis zum variablen Kapital, also der organischen Zusammensetzung - Fall der Profitrate - Notwendigkeit, dem Fall durch die zügellose Steigerung der Kapitalinvestitionen und Produktion von Waren entgegenzuwirken.
Wäre wirklich damit begonnen worden, auch nur ansatzweise die sozialistische Wirtschaft aufzubauen, so hätten wir es daran gemerkt, dass sich der ökonomische Imperativ geändert, sich als der unsrige gezeigt hätte: Da sich die Kraft der menschlichen Arbeit durch die technischen Errungenschaften vervielfacht: bei gleich bleibender Produktion weniger arbeiten! Und wo die Bedingungen einer revolutionären Macht des Proletariats wirklich bestehen, also in den Ländern, die mit Anlagen schon überausgerüstet sind: weniger produzieren und noch weniger arbeiten!
Allein schon die Tatsache, dass Russland die Parole der „Steigerung der Produktenmasse" ausgeben muss, bestätigt unsere These. Sie erhält eine letzte Bestätigung dadurch, dass ein bedeutender Teil der Produkte der staatlichen Großindustrie auf den Außenmärkten abgesetzt wird, und hier erklärt Stalin offen, das Verhältnis sei nicht nur der Buchführung halber, sondern der Natur der Dinge nach ein Warenverhältnis.
Im Grunde genommen enthält dies das Geständnis, dass der „Aufbau des Sozialismus in einem Land", wäre es auch nur aufgrund der weltweiten Konkurrenz (die allzeit bereit ist, nicht mehr mit der Artillerie niedriger Preise, sondern mit Kanonen und Atombomben zu schießen), nicht möglich ist. Nur in der absurden Hypothese, dass sich das „sozialistische Land" hinter einem realen eisernen Vorhang abschotten könnte, wäre es dem Land möglich, erste Schritte in eine Richtung zu tun (im Rahmen einer Planung „durch die Gesellschaft im Interesse der Gesellschaft"), die, dank der durch die technischen Errungenschaften erreichten Arbeitsproduktivität, zur Verringerung der Arbeitsmühe und Ausbeutung des Arbeiters führen würde. Und nur innerhalb einer derartigen Hypothese könnte der Plan, nachdem die irrsinnige geometrische Kurve des kapitalistischen Wahns aufgegeben wurde, lauten: Legen wir einen bestimmten, durch den Plan festgelegten Konsumstandard für alle Bewohner fest; wenn wir dieses Niveau erreicht haben, werden wir die Produktion stoppen und der kriminellen Versuchung widerstehen, sie weiter zu forcieren, nur um dann zuzusehen, wo wir sie wieder loswerden, wem wir sie aufdrücken.
Indes konzentriert sich die ganze Aufmerksamkeit des Kreml, sowohl ideologisch als auch praktisch, auf den Weltmarkt.
Konkurrenz und Monopol
Eine oberflächliche Betrachtungsweise stellt die marxistischen Theorien über den modernen Kolonialismus und Imperialismus neben die Marx'sche Beschreibung des Kapitalismus der freien Konkurrenz (der sich angeblich bis ca. 1880 entfaltete), so als wären dies unterschiedliche Abhandlungen oder bestenfalls Ergänzungen.
In verschiedenen Beiträgen haben wir darauf bestanden, dass die angeblich nüchterne Beschreibung eines „liberalen" und „friedlichen" Kapitalismus, der übrigens nie existiert hat, bei Marx in Wirklichkeit nichts anderes als eine gigantische „polemische Beweisführung von einem Partei- und Klassenstandpunkt aus" ist, anhand derer - wenn man einen Augenblick lang anerkennt, dass der Kapitalismus gemäß der uneingeschränkten Dynamik des freien Tauschs zwischen den Trägern äquivalenter Werte (was nichts anderes als das berühmte Wertgesetz ausdrückt) funktioniert - das Wesen des Kapitalismus erfasst werden kann: Nämlich ein gesellschaftliches Klassenmonopol zu sein, das von den ersten Episoden der ursprünglichen Akkumulation an bis hin zu den heutigen Raubkriegen unaufhörlich danach giert, die erzeugten „Differenzen" unter der Maske des vertraglich gesicherten, freien und gleichen Tauschs zu erbeuten.
Ausgehend vom Tausch gleicher Warenwerte zeigt Marx die Schöpfung von Mehrwert, der investiert wird und zur Akkumulation von neuem, zunehmend konzentrierterem Kapital führt; er zeigt weiter, dass der einzige (mit der Fortdauer der kapitalistischen Produktionsweise vereinbare) Weg, um den Widerspruch zwischen der Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol und Akkumulation von Elend auf dem Gegenpol zu lösen und dem daraus abgeleitetem Gesetz des Falls der Profitrate zu entgehen, darin liegt, immer mehr und über das für den Konsum Notwendige hinaus zu produzieren; indem er dies aufzeigt, wird deutlich, dass sich von Anfang an der Zusammenstoß zwischen den kapitalistischen Ländern abzeichnet; jeder spürt den unwiderstehlichen Drang, die eigenen Waren auf dem Territorium des anderen abzusetzen und die eigene Krise abzuwenden, indem sie beim Rivalen geschürt wird.
Die offizielle Ökonomie versuchte vergeblich, die Möglichkeit nachzuweisen, mit den Regeln und Mechanismen der Warenproduktion zu einem stabilen Gleichgewicht auf dem Weltmarkt zu gelangen, sie behauptete gar, die Krisen würden der Vergangenheit angehören, sobald sich die „zivilisierte" Organisation des Kapitalismus überall ausgebreitet hätte. Deshalb musste Marx sich darauf einlassen, in abstracto über die Gesetze in einem einzigen, keinen Außenhandel betreibenden, fiktiven Land des vollkommen entwickelten Kapitalismus zu diskutieren - und er bewies: Dieses Land wird „explodieren". Um so mehr liegt auf der Hand, dass, wo die genannten Warenverhältnisse zwischen zwei geschlossenen Wirtschaftszonen auftauchen, sie kein Element der Befriedung, sondern eins der Erschütterung sind und die These der „zivilisierten Weltorganisation" desto hinfälliger wird. Nur in einem Fall wären wir in ernsthafte theoretische Verlegenheit geraten: Wenn die ersten 50 Jahre dieses Jahrhunderts weiterhin in wirtschaftliche und politische Watte gehüllt gewesen wären, mit ernstzunehmenden Freihandels-, Neutralitäts- und Abrüstungsverträgen. Da die Welt im Gegenteil hundertmal mehr kapitalistisch geworden ist, ist sie in jeder Hinsicht hundertmal mehr von Erdbeben erschüttert worden.
Um zu zeigen, wer hier nicht die Worte verdreht, zitieren wir eine Fußnote aus dem 22. Kapitel des I. Kapitalbandes: „Es wird hier abstrahiert vom Ausfuhrhandel, vermittelst dessen eine Nation Luxusartikel in Produktions- oder Lebensmittel umsetzen kann und umgekehrt. Um den Gegenstand der Untersuchung in seiner Reinheit, frei von störenden Nebenumständen aufzufassen, müssen wir hier die gesamte Handelswelt als eine Nation ansehn und voraussetzen, dass die kapitalistische Produktion sich überall festgesetzt und sich aller Industriezweige bemächtigt hat" [MEW 23, S. 607].
Das Werk von Marx - in dem, wie wir immer betonen, Theorie und Programm ein untrennbares Ganzes bilden - wurde von Anfang an so konzipiert, dass es mit der Phase abschließt, in der sich die Widersprüche der ersten kapitalistischen Zentren auf internationaler Ebene reproduzieren. Die Beweisführung, dass eine „Sozialpartnerschaft" zwischen den sozialen Klassen eines Landes als endgültige Lösung unmöglich und als zeitweilige Lösung regressiv ist, gesellt sich zu der in allen Punkten analogen Beweisführung des illusorischen Charakters eines Friedensvertrags zwischen Staaten.
Mehrmals wurde daran erinnert, dass Marx im Vorwort seiner Schrift von 1859 „Zur Kritik der Politischen Ökonomie" die Reihenfolge der Rubriken wie folgt skizziert: „Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit; Staat, auswärtiger Handel, Weltmarkt. Unter den drei ersten Rubriken untersuche ich die ökonomischen Lebensbedingungen der drei großen Klassen, worin die moderne bürgerliche Gesellschaft zerfällt"; und er fügt hinzu: „der Zusammenhang der drei andern Rubriken springt in die Augen" [MEW 13, S. 7].
Als Marx mit der Niederschrift des „Kapital" begann, dessen erster Teil den Stoff der „Kritik der politischen Ökonomie" integriert, wurde der Plan einerseits vertieft, andererseits schien er eingeengt zu werden. Im Vorwort zum I. Band („Produktionsprozess des Kapitals") kündigte Marx an, dass der II. Band den „Zirkulationsprozess" (einfache und erweiterte Reproduktion des in der Produktion angelegten Kapitals) und der III. die „Gestaltungen des Gesamtprozesses" behandeln würde [MEW 23, S. 17]. Abgesehen vom IV. Buch über die Geschichte der Werttheorien, dessen Materialien schon seit der „Kritik" vorhanden waren, befasst sich der III. Band in der Tat mit der Darstellung des Gesamtprozesses, untersucht die Aufteilung des Mehrwerts zwischen Industriellen, Grundbesitzern und Bankiers, und schließt mit dem „abgebrochenen" Kapitel über „Die Klassen". Die Endfassung sollte offensichtlich die Frage des Staats und des internationalen Markts entwickeln, wofür in anderen richtunggebenden Texten des Marxismus, vor und nach dem „Kapital", die Vorarbeit geleistet worden war.
Märkte und Imperien
Bereits im „Manifest" und im I. Kapitalband wird die Herausbildung des Überseemarkts im Zuge der geografischen Entdeckungen des 15. Jahrhunderts als grundlegender Faktor der kapitalistischen Akkumulation hervorgehoben und auf die erstrangige Bedeutung der Handelskriege zwischen Portugal, Spanien, Holland, Frankreich und England hingewiesen.
Zum Zeitpunkt der polemischen und klassenkämpferischen Darstellung des „typischen" Kapitalismus beherrschte das englische Imperium die Weltbühne, und so wandten Marx und Engels ihm und seiner Wirtschaft die größte Aufmerksamkeit zu. Diese Wirtschaft gab sich in der Theorie als Liberalismus aus, real war sie ein Imperialismus, der das Weltmonopol zumindest seit 1855 innehatte. Im „Imperialismus" bezieht sich Lenin diesbezüglich auf Briefe von Engels und auf das Vorwort, das dieser 1892 der Neuauflage seiner Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England" von 1844 voranstellte. Engels weigerte sich, aus der Arbeit, die den „Stempel seiner Jugend" trägt „die vielen Prophezeiungen zu streichen, namentlich nicht die einer nahe bevorstehenden sozialen Revolution in England" [MEW 22, S. 270]. Viel wichtiger schien ihm, vorausgesehen zu haben, dass England sein industrielles Weltmonopol verlieren würde; und er hatte tausend Mal Recht. Hatte das „Weltmarkt- und Kolonialmonopol" die Wirkung, das englische Proletariat einzuschläfern - das erste Proletariat der Welt mit ausgeprägtem Klassencharakter -, wurde mit dem Ende des britischen Monopols die Saat des Klassenkampfs und der Revolution in die ganze Welt gestreut. Klar, dass das mehr Zeit braucht, als im fiktiven „einzigen, durch und durch kapitalistischen Land"; aber für uns ist die revolutionäre Lösung schon theoretisch vorausgesehen, die Umwege und Gründe ihrer „Vertagung" bestätigen nur ihre Gültigkeit. Sie wird kommen.
Greifen wir noch einmal auf das Vorwort von Engels zurück (das bei Lenin etwas anders wiedergegeben wird, vergleiche: LW 22, S. 289): „Die Freihandelstheorie hatte zum Grund die eine Annahme: dass England das einzige große Industriezentrum einer ackerbauenden Welt werden sollte, und die Tatsachen haben diese Annahme vollständig Lügen gestraft. Die Bedingungen der modernen Industrie, Dampfkraft und Maschinerie, sind überall herstellbar, wo es Brennstoff, namentlich Kohlen, gibt, und andre Länder neben England haben Kohlen: Frankreich, Belgien, Deutschland, Amerika, selbst Russland" (die neuen, modernen Energiequellen bekräftigen noch diese Schlussfolgerung). „Sie fingen an zu fabrizieren, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die übrige Welt, und die Folge ist, dass das Industriemonopol, das England beinahe ein Jahrhundert besessen hat, jetzt unwiederbringlich gebrochen ist" [MEW 22, S. 275].
Paradox? Wir konnten die Komödie des „liberalen" Kapitalismus nur widerlegen, weil es sich hier um den - zeitlich befristeten - unerhörten historischen Fall eines Weltmonopols handelte. „Laissez faire, laissez passer"1 - aber haltet die Flotte (größer als alle anderen zusammengenommen) in Alarmbereitschaft, damit keiner der Napoleons von den Sankt Helenas entkommt...
Am „Vormittag" haben wir eine Passage aus dem III. Band zitiert, die eine neue Synthese der kapitalistischen Charakteristiken mit den Worten abschließt: „Herstellung des Weltmarkts". Es wird unser Schaden nicht sein, eine andere kraftvolle Passage wiederzugeben.
„Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: Dass das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; dass die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt" (Achtung! Jetzt kommt das Programm! Programm der kommunistischen Gesellschaft!) „die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind. Die Schranken, in denen sich die Erhaltung und Verwertung des Kapitalwerts, die auf der Enteignung und Verarmung der großen Masse der Produzenten beruht, allein bewegen kann, diese Schranken treten daher beständig in Widerspruch mit den Produktionsmethoden, die das Kapital zu seinem Zweck anwenden muss und die auf unbeschränkte Vermehrung der Produktion" (Moskau, hörst du zu?), „auf die Produktion als Selbstzweck" (Kreml, bist du noch dran?), „auf unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit lossteuern. Das Mittel - unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte - gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandenen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen" [MEW 25, S. 260].
Noch einmal, es bleibt dabei: Die russische „Wirtschaftspolitik" hat sehr wohl die materiellen Produktivkräfte entwickelt, hat sehr wohl den Weltmarkt ausgedehnt, allerdings innerhalb der kapitalistischen Produktionsformen. Sie stellt sehr wohl ein nützliches historisches Mittel dar: Nicht minder wie die industrielle Invasion auf Kosten der hungernden Schotten und Iren oder der Indianer des Wilden Westens, allerdings kann sie den unerbittlichen Zangengriff der Widersprüche des Kapitalismus nicht lockern, welcher sehr wohl die Gesellschaftskräfte potenziert, allerdings muss er dazu die Gesellschaft der Arbeiter entkräften und knechten.
Von welcher Seite man es auch betrachtet: Endpunkt ist immer der Weltmarkt - wie bei Stalin. Er ist niemals „einheitlich" gewesen, es sei denn in abstracto, wie in jenem hypothetischen Land des absoluten und chemisch reinen Kapitalismus, dessen Unrealisierbarkeit wir mathematisch bewiesen haben. Sollte er je entstehen, so würde er sogleich in seine Einzelteile zerfallen, wie gewisse Atome und Kristalle, die nur für den Bruchteil einer Sekunde existieren. Als daher der Traum eines einheitlichen Sterling-Markts ausgeträumt war, konnte Lenin am Vorabend des I. Weltkriegs eine treffende Beschreibung der kolonialen und halbkolonialen Aufteilung der Welt unter fünf oder sechs imperialistische Monsterstaaten geben. Dem Krieg folgte kein Gleichgewichtssystem, sondern eine neue, andersgeartete Aufteilung; selbst Stalin gibt zu, dass Deutschland, „nachdem es aus der Knechtschaft ausgebrochen war und den Weg einer selbständigen Entwicklung beschritten hatte" [Stalin, S. 36], Grund dazu hatte, seine Kräfte im II. Weltkrieg gegen den imperialistischen französisch-englisch-amerikanischen Block zu richten. Aber wie lässt sich das alles mit der scheinheiligen Propaganda vereinbaren, die den Krieg dieses Blocks jahrelang als nicht-imperialistisch, ja „demokratisch" darstellte? Wie lässt sich das mit dem hysterischen Geschrei über die Begnadigung des „Kriegsverbrechers" Kesselring2 vereinbaren? Wehe den Genossen Hinzowitsch und Kunzowitsch, wenn sie es wagen sollten, solche Fragen zu stellen!
Also neue Aufteilung der Welt, und ein neuer Grund, Krieg zu führen. Aber bevor wir zu Stalins Beurteilung der nach dem II. Weltkrieg erfolgten Aufteilung kommen, können wir nicht der Versuchung widerstehen, eine weitere Passage aus Lenins „Imperialismus" anzuführen, die wir insbesondere dem ökonomischen Teil des „Dialogs" der vorigen Tage widmen. Lenin verspottet einen deutschen Ökonomen namens Liefmann, der folgenden Lobgesang auf den Imperialismus schrieb: „Handel ist die Erwerbstätigkeit mittelst Sammelns, Vorrathaltens und Zur-Verfügung-Stellens von Gütern...". Lenin versetzt ihm einen Schlag, der viele andere Liefmanns trifft: „Demnach hätte es Handel schon beim Urmenschen gegeben, dem Tausch noch unbekannt war, und es müsste ihn auch in der sozialistischen Gesellschaft geben!" [LW 22, S. 231]. Das Ausrufungszeichen ist selbstverständlich von Lenin. Moskau, wo willst du es platzieren?
Breiten- und Längengrade
Laut Stalin besteht das wichtigste ökonomische Ergebnis des II. Weltkriegs weniger darin, zwei große Industrieländer, nämlich Deutschland und Japan (wobei Italien außer Acht gelassen wird), auf der Suche nach Absatzmärkten außer Gefecht gesetzt zu haben, sondern vielmehr darin, den Weltmarkt in zwei Teile aufgespalten zu haben. Zuerst verwendet er den Ausdruck „Zerfall", dann präzisiert er, „dass der einheitliche, allumfassende Weltmarkt zerfallen ist und wir infolgedessen jetzt zwei parallele Weltmärkte haben, die ebenfalls einander gegenüber stehen" [Stalin, S. 31]. Wer diese zwei Lager sein sollen, ist klar: Einerseits die USA, England, Frankreich und all die Länder, die zuerst in den Bannkreis des Marshall-Plans für den europäischen „Wiederaufbau", dann des Nordatlantikpaktes für die „Verteidigung", besser der Wiederbewaffnung Europas und des Westens, geraten sind; andererseits Russland, das zusammen mit den einer Blockade ausgesetzten „volksdemokratischen Ländern" und China einen neuen, getrennten Markt bildet. Geografisch ist das korrekt, doch die Formulierung ist nicht sehr glücklich (vorbehaltlich der üblichen Übersetzungsfehler). Nehmen wir einen Augenblick an, am Vorabend des II. Weltkriegs hätte ein wirklicher, einheitlicher Weltmarkt bestanden, dessen Handelsplätze allen Produkten aller Länder zugänglich gewesen wären, dann hätte er nicht in „zwei Weltmärkte" zerfallen können, sondern der Weltmarkt hätte eben aufgehört zu existieren und an seine Stelle wären zwei internationale Märkte getreten, getrennt durch einen rigorosen Vorhang, der keinen Waren- und Zahlungsverkehr durchließe (theoretisch, und nur entsprechend dem, was der Zoll mitbekommt, was heute recht wenig ist). Zwei solche Märkte stehen nun einander gegenüber, aber parallel, womit indirekt zugegeben wird, dass die Binnenwirtschaften der zwei großen Lager, in die dieser Erdball gespalten ist, „parallel", d.h. vom selben historischen Typ sind; dies stimmt mit unserer theoretischen Abhandlung überein und widerspricht der These, die Stalins Schrift in Umlauf setzen möchte. In beiden Lagern besteht der Markt, ergo das Warensystem, ergo die kapitalistische Ökonomie. Den Ausdruck der parallelen Märkte lassen wir also durchgehen, was wir aber gänzlich zurückweisen, ist die Definition, nach der es im Westen einen kapitalistischen, im Osten einen „sozialistischen Markt" gebe, ein contradictio in adjecto3.
Gut: Zwei „Halbwelt"märkte also, deren Trennlinie übrigens - zumindest, wenn es nach dem entwickelteren Teil der bevölkerten Welt geht - nicht auf einem Parallelkreis bzw. Breitengrad, sondern auf dem Längengrad des besiegten Berlin verläuft. Diese Linie verleitet Stalin zu einer höchst bemerkenswerten Schlussfolgerung (vor allem, wenn man sie mit der gescheiterten Hypothese des einheitlichen Weltmarkts vergleicht, der entweder unter der Kontrolle eines Bundes aller Siegerstaaten oder allein des westlichen Blocks unter Führung der USA gestanden hätte), und zwar, „dass das Gebiet, wo die ausschlaggebenden kapitalistischen Länder (USA, England, Frankreich) mit ihren Kräften auf die Weltressourcen einwirken, sich nicht erweitern, sondern einengen wird, dass sich für diese Länder die Absatzbedingungen auf dem Weltmarkt" (soll heißen: auf dem Außenmarkt) „verschlechtern werden und dass die Unterbelastung der Betriebe in diesen Ländern zunehmen wird. Darin besteht eigentlich auch die Vertiefung der allgemeinen Krise des kapitalistischen Weltsystems im Zusammenhang mit dem Zerfall des Weltmarkts" [Stalin, S. 32].
Das hat natürlich Staub aufgewirbelt; während verschiedene Marionetten vom Schlage eines Ehrenburg oder eines Nenni losgeschickt wurden4, um sich für die „friedliche Koexistenz" und den „Wettbewerb" zwischen den parallelen Wirtschaftsgebieten zu verwenden, kommt aus Moskau die Botschaft, man erwarte nach wie vor, dass der Westen unter einem Berg unverkäuflicher Waren ersticke (die nicht einmal verschenkt werden könnten, weil sich dann die Schulden noch mehr auftürmen würden) und infolge dieser Krise in die Luft fliege. Nicht einmal im zügellosen Rüstungswettlauf oder im Koreakrieg und anderen imperialistischen Raubzügen sieht Moskau eine Rettungschance für den Westen.
Wenn das die Bourgeoisie erschüttert hat, so reicht das nicht, um uns Marxisten in Wallung zu bringen. Wir müssen fragen, was einen solchen Prozess im anderen, „parallelen" Lager bestimmen wird - anhand des offiziellen Textes haben wir schon gezeigt, dass es denselben Zwängen unterliegt: mehr produzieren und mehr Produkte nach außen absetzen. Und dann müssen wir, wie immer, die entscheidenden Folgerungen aus dem Aufstieg dieser historischen Strömung [des Stalinismus] und dem Widerspruch ziehen, dessen Zeugen wir heute sind: Einerseits der posthume Versuch, das revolutionäre Zukunftsbild von Marx/Lenin - Akkumulation, Überproduktion, Krise, Krieg, Revolution - „rehabilitieren" zu wollen; andererseits im Laufe einer langen Entwicklung faktisch nicht rückgängig zu machende historische und politische Positionen errichtet zu haben, die denn auch von den im (bald von der Krise heimgesuchten) Westen operierenden „kommunistischen" Parteien immer noch beharrlich verteidigt werden und jeglicher Entfaltung des Klassenantagonismus und der revolutionären Vorbereitung der Massen diametral zuwiderlaufen.
Klassen und Staaten
Vor dem I. Weltkrieg prallen zwei Perspektiven aufeinander. Der unvermeidliche Streit um die Märkte wird zum Krieg führen; unabhängig davon, wer aus dem Krieg als Sieger hervorgeht, werden die imperialistischen Spannungen fortdauern - bis zur proletarischen Revolution oder bis zu einem neuen weltweiten Konflikt: das ist die Perspektive Lenins. Die entgegengesetzte ist die der Verräter der Arbeiterklasse und Internationale: Nach der Niederschlagung des „Aggressors" (Deutschland) wird die Welt wieder zivilisiert, friedlich und offen für den „sozialen Fortschritt" sein. Unterschiedlichen Perspektiven entsprechen unterschiedliche Losungen: Die Verräter rufen zum nationalen Burgfrieden auf, Lenin zum revolutionären Defätismus innerhalb jeder Nation.
Der Krieg wurde bis 1914 aufgeschoben, denn der Weltmarkt befand sich noch in seiner „Formierungsphase" im marxistischen Sinn. Wie wir in Bezug auf die kapitalistische Warenproduktion zeigten, beruht der marxistische Grundbegriff „Herstellung des Weltmarkts" darauf, die den Vorkapitalismus charakterisierenden beschränkten „Lebenssphären und Wirkungskreise", in denen mittels einer lokalen, autarken Ökonomie produziert und konsumiert wird (wie in den aristokratischen Fürstentümern und den asiatischen Lehnstaaten), im einheitlichen Wirtschaftsmagma des kapitalistischen Warenverkehrs und -verkaufs „aufzulösen". Solange sowohl nach innen als auch nach außen diese „Ölflecken" der autarken Ökonomien mit dem universellen Lösungsmittel des Kapitalismus „fusionieren", kann die bürgerliche Produktionsblase das Tempo ihres „geometrischen" Anschwellens durchhalten, ohne zu platzen. Doch deshalb werden diese Inseln noch nicht in einen globalen und einheitlichen Markt, der keine Schranken kennt, eintreten: Für die nationalstaatlichen Gebiete ist der Protektionismus eine uralte Sache, und für die von den Seefahrern entdeckten, auswärtigen Handelsplätze gilt, dass die verschiedenen Nationen versuchen, sie unter ihr Monopol zu stellen - sei es mit Hilfe von Konzessionen der farbigen Herrscher und Stammesfürsten; sei es durch Handelsgesellschaften, wie die der Holländer, Portugiesen und Engländer; oder sei es unter dem Schutz der Kriegsflotte und anfangs sogar der Piratenschiffe umherstreifender „Meerespartisanen".
Jedenfalls stehen wir nach Darstellung Lenins nicht nur einer beinahe weltweiten Sättigung gegenüber, sondern die zuletzt Angekommenen sind auf den Absatzmärkten in der Klemme; daher der Krieg.
II. Weltkrieg. Der Wiederauftritt Deutschlands als großes Industrieland erfolgte gemäß Stalin auf Betreiben der Westmächte, die das Bollwerk gegen Russland nur zu gern wiederaufrüsteten. In Wirklichkeit sind die Gründe primär darin zu sehen, dass das deutsche Territorium im Krieg nicht verwüstet und nach dem Waffenstillstand nicht militärisch besetzt wurde. Im selben Atemzug gibt Stalin zu, dass die imperialistischen und ökonomischen Ursachen, und nicht die „politischen" und „ideologischen", ausschlaggebend für den Ausbruch des II. Weltkriegs waren, zumal sich Deutschland zuerst auf den Westen und nicht auf Russland gestürzt habe. Es bleibt also dabei, dass der Krieg von 1939-45 ein imperialistischer Krieg war. Folglich gab es wieder die zwei Perspektiven: Entweder neue Kriege (gleich wer siegen würde) oder Revolution (vorausgesetzt, auf den Krieg würde nicht mit nationaler „Sozialpartnerschaft", sondern mit Klassenkampf reagiert) - und im Gegensatz dazu die bürgerliche Perspektive, identisch mit der des I. Weltkriegs: Alles hängt von der Niederschlagung des verbrecherischen Deutschlands ab; wenn dies gelingt, so ist der Weg frei für Frieden, allgemeine Abrüstung, Freiheit und Wohlstand der Völker.
Stalin zeigt sich heute für die erste, die leninistische Perspektive, eingenommen und rückt die imperialistische Ursache für den Krieg und den Kampf um die Märkte in den Vordergrund; aber es ist zu spät für jemanden, der gestern das gesamte Potential der internationalen Bewegung auf die andere Perspektive geworfen hat: nämlich auf den Kampf für die Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus. Heute wird die Unvereinbarkeit der beiden Perspektiven eingestanden; aber warum fährt man dann fort, die (nunmehr zerrüttete) Bewegung auf den Pfad des liberalen und kleinbürgerlichen Fortschrittlertums, des „Kriegs für die Ideale" zu treiben?
Etwa, um im nächsten Krieg politisch leichtes Spiel zu haben, indem er als Kampf zwischen dem kapitalistischen Ideal des Westens und dem sozialistischen Ideal des Ostens präsentiert wird? Um sich auf den blöden Wettstreit der Politikanten einzuschießen, bei dem jedes Lager darauf setzt, das andere unter der schrecklichen Anklage des „Faschismus" zu ersticken?
Nun, das Interessante in Josef Stalins Text ist eben, dass er darauf mit „nein" antwortet.
Völlig unbeeindruckt von seiner historischen Verantwortung, im II. Weltkrieg die Lenin'sche Theorie über die Unvermeidbarkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern und über die proletarische Revolution als einzigen Ausweg zerstört zu haben, und ebenso gelassen angesichts der noch schwereren Verantwortung, mit der einzigen der Lenin'schen Theorie entsprechenden politischen Orientierung gebrochen zu haben, indem er die Order an die Kommunisten, erst in Deutschland und dann in Frankreich, England und Amerika gab, den Burgfrieden mit dem eigenen Staat und der eigenen bürgerlichen Regierung zu schließen, weist der Chef des heutigen Russlands diejenigen Genossen zurecht, die an die Notwendigkeit eines bewaffneten Zusammenstosses zwischen der „sozialistischen" und der „kapitalistischen" Welt bzw. Halbwelt glauben. Aber statt der Prophezeiung eines Kriegs zwischen Kapitalismus und Sozialismus mit Hilfe der abgenutzten Ideologie des Pazifismus, des Wettbewerbs und der Koexistenz der beiden Welten auszuweichen, sagt er, dass es nur „theoretisch" richtig sei, „dass die Gegensätze zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus stärker" sein können bzw. in Zukunft sein könnten, „als die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern" [Stalin, S. 35].
Wirkliche Marxisten müssen zwar alle möglichen Prognosen über die Widersprüche innerhalb der atlantischen Staatengruppe und das Wiederauftreten autonomer und starker Kapitalismen in besiegten Ländern wie Deutschland und Japan ernst nehmen. Aber Stalins Schlussfolgerung in Bezug auf den nächsten Konflikt ist, da er sich per Analogie auf die Lage am Vorabend des II. Weltkriegs beruft, mit Vorsicht zu genießen: „Folglich erwies sich der Kampf der kapitalistischen Länder um die Märkte und der Wunsch, ihre Konkurrenten abzuwürgen, praktisch als stärker denn der Gegensatz zwischen dem Lager des Kapitalismus und dem Lager des Sozialismus" [Stalin, S. 36].
Was für ein Lager des Sozialismus denn? Wenn, wie wir mit euren eigenen Worten bewiesen, euer als „sozialistisch" etikettiertes Lager Exportwaren in einem maximal zu steigerndem Tempo produziert, handelt es sich dann nicht um denselben „Kampf um die Märkte" und um denselben „Wunsch, die Konkurrenten abzuwürgen" (oder sich nicht abwürgen zu lassen, was auf dasselbe rauskommt)? Werdet und müsst nicht auch ihr in den Krieg eintreten, und zwar als Warenproduzenten, was in der marxistischen Sprache heißt: als Kapitalisten?
Der einzige Unterschied zwischen euch Russen und den anderen ist, dass die voll entwickelten Industrieländer die Alternative der „inneren Kolonisierung" überlebender vor-warenproduzierender Inseln schon lange hinter sich haben, während ihr diesen Prozess noch durchmacht. Die Konsequenz daraus kann nur eine einzige sein: Die westlichen Staaten werden euch auf dem Boden der Marktkonkurrenz wie eine Zitrone auspressen (vergesst nicht, ihr habt den Waren- und Geldverkehr akzeptiert, und solange ihr euch auf der Ebene des Wettbewerbs befindet, könnt ihr auch nur den Weg niedriger Kosten, mickriger Löhne und einer wahnsinnigen Arbeitshetze für das russische Proletariat gehen); da es zwangsläufig zum Krieg kommen wird und die anderen besser „aufgerüstet" haben werden, werden sie euch, nachdem sie euch wirtschaftlich erledigt haben, militärisch schlagen.
Wie soll man also vorgehen, um einen amerikanischen Sieg zu verhindern, der auch für uns das Größte aller Übel ist? Stalins Formel ist ziemlich clever - vor allem aber ist sie bestens geeignet, das revolutionäre Proletariat weiterhin im Betäubungszustand zu halten und dem atlantischen Imperialismus den größten Dienst zu erweisen. Er vermeidet tunlichst, den berühmten „heiligen Krieg" zu erklären, was ihn gegenüber einer Weltöffentlichkeit, die der unterhaltsamen Diskussion über den Aggressor aufgesessen ist, in ein schlechtes Licht rücken würde; er weicht daher auf einen „ökonomischen Determinismus" aus, was ihn aber keineswegs veranlasst, auf den Boden des Klassenkampfs und Klassenkriegs zurückzukehren (eine im übrigen historisch unmögliche Rückkehr).
Die Stalin'sche Sprache ist reichlich zwielichtig: Der Krieg wird, wie Lenin sagte, zwischen den kapitalistischen Staaten ausgetragen. Und was werden wir tun? Rufen wir, wie er es tat, die Arbeiter aller Länder an beiden Fronten zum Klassenkrieg, zum Umdrehen der Gewehre auf? Nie wieder. Wir wiederholen dasselbe elegante Manöver wie im II. Weltkrieg. Wir gehen mit einem der beiden Koalitionen zusammen, z.B. mit Frankreich und England gegen die USA. Auf diese Weise zerbrechen wir die Front, und der Tag wird kommen, an dem wir uns den „letzten Mohikaner" vornehmen, ganz gleich, ob es sich um einen ehemaligen Bundesgenossen handelt oder nicht.
Solche Pillen werden den letzten leichtgläubigen Proletariern in dunklen Hinterzimmern verabreicht, soweit sie noch nicht mittels noch schlimmerer Mittel zum Konformismus bekehrt werden konnten.
Krieg oder Frieden?
Aber, haben viele den höchsten Führer gefragt, wenn wir nun doch wieder an die Unvermeidlichkeit des Krieges glauben, was soll denn dann mit dem riesigen Apparat geschehen, den wir für die Friedenskampagne aufgebaut haben?
Die Antwort stutzt die Möglichkeit einer Friedenskampagne auf ein spärliches Maß zurück. Sie könne „zur Verhütung eines bestimmten Krieges, zu seinem zeitweiligen Aufschub" dienen, zum „Rücktritt einer kriegslüsternen Regierung" und ihrer Ersetzung durch eine friedenssichernde Regierung beitragen (ob damit wohl der Appetit auf die Märkte gezügelt würde, der vorher zig Mal als entscheidende Tatsache hingestellt wurde?). Aber „die Unvermeidlichkeit von Kriegen" bleibt bestehen. „Es ist möglich, dass bei einem bestimmten Zusammentreffen von Umständen der Kampf für den Frieden" (einer demokratischen Bewegung, keiner Klassenbewegung) „sich hier und da zum Kampf um den Sozialismus entwickelt" [Stalin, S. 37]. Und in diesem Fall soll es nicht mehr darum gehen, den Frieden zu sichern (was unmöglich ist), sondern den Kapitalismus zu stürzen. Was werden wohl die zigtausend Dummköpfe dazu sagen, die an den Welt- und den Burgfrieden glauben?
Um die Kriege und deren Unvermeidlichkeit zu beseitigen, das ist Stalins Schlusssatz, „muss der Imperialismus vernichtet werden" [Stalin, S. 38].
Gut. Und wie machen wir das, wie vernichten wir den Imperialismus?
Stalin: „In dieser Beziehung unterscheidet sich die gegenwärtige Bewegung für die Erhaltung des Friedens von der Bewegung während des ersten Weltkriegs für die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, da diese Bewegung weiterging und sozialistische Ziele verfolgte" [Stalin, S. 37]. Völlig klar: Die Lenins Losung war der soziale Bürgerkrieg, d.h. der Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie.
Ihr aber, ihr habt schon vor dem II. Weltkrieg den Lenin'schen Weg verlassen und statt dessen die nationale „Kollaboration" oder den „Partisanenkrieg" praktiziert; ihr habt dem sozialen Krieg eine Absage erteilt, dafür das eine bürgerliche und kapitalistische Lager gegen ein anderes verteidigt.
Wir werden also dem Imperialismus zu Leibe rücken - aber wann, im Krieg oder im Frieden? Wenn eines Tages Imperialismus und Kapitalismus stürzen, wird das in Friedens- oder in Kriegszeiten sein? Im Frieden sagt ihr: Lasst die UdSSR in Ruhe, dann werden wir uns strikt an die Gesetze halten - keine Rede also von Sturz des Kapitalismus. In Kriegszeiten sagt ihr: Die Zeiten des Bürgerkriegs sind vorbei, die Lage ist nicht mehr die von 1914-18; die Arbeiter werden ihr Vorgehen auf unsere jeweiligen politischen und militärischen Bündnisse mit diesem oder jenem kapitalistischen Lager abstimmen müssen. So wird, Land für Land, der Klassenkampf im Schlamm erstickt.
Was auch immer Parlament und Presse an Blödsinn von sich geben, das Großkapital jedenfalls begreift unschwer, dass es sich bei Stalins „Dokument" nicht um eine Kriegserklärung, sondern um eine Lebensversicherung handelt.
Jus primae noctis5
Wie in seinen Rechenschaftsberichten kommt Stalin immer wieder gern auf die Großtaten der russischen Regierung auf technischer und wirtschaftlicher Ebene zu sprechen. So auch jetzt: Man stand einem jungfräulichen Boden gegenüber und musste, „da es im Lande keinerlei fertige Keime der sozialistischen Wirtschaft gab, die neuen, die sozialistischen Wirtschaftsformen sozusagen ‘aus dem Nichts heraus' schaffen". Diese Aufgabe, sagt Stalin, „für die es keine Präzedenzfälle gibt", sei „in Ehren erfüllt" worden [Stalin, S. 7].
Nun, es stimmt: Ihr standet einem jungfräulichem Boden gegenüber. Das war euer Glück, und das Unglück der proletarischen Revolution außerhalb Russlands. Eine Revolution - gleich welche es in der Geschichte sein mag - stürmt dann mit voller Wucht vorwärts, wenn sie es nur mit den Hindernissen eines wilden, erbarmungslosen, aber unberührten Bodens zu tun hat.
Aber als in den Jahren nach der Machteroberung im riesigen Zarenreich die Delegierten des roten Proletariats der ganzen Welt in den mit Barockgold bestückten Sälen des Kreml zusammentrafen, um die Richtlinien jener Revolution festzulegen, die die imperialen Festungen der westlichen Bourgeoisien zerstören sollte, wurde etwas Wesentliches vergeblich gesagt, nicht mal Lenin verstand es6. Wenn deshalb die Bilanz der großen Staudämme und Kraftwerke, die Bilanz der Kolonisation der weiten Steppen ehrenvoll abschließt, so schloss die Bilanz der Revolution im kapitalistischen Westen nicht nur unehrenhaft ab, was nicht das Schlimmste wäre, sondern mit einer Niederlage, von der sie sich für Jahrzehnte nicht mehr erholen sollte.
Das, was vergeblich gesagt wurde: In der bürgerlichen Welt, der Welt der christlich-parlamentarischen Zivilisation und Warenproduktion sieht sich die Revolution einem prostituierten Boden gegenüber.
Ihr habt zugelassen, dass sie sich kontaminierte und daran zugrunde ging.
Doch auch aus dieser dunklen Erfahrung wird SIE wieder erstehen.
Anmerkungen:
„Dialogato con Stalin - Giornata terza (Pomeriggio)": Il programma comunista, Nr. 4, November 1952.
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MEW 13: Marx - Zur Kritik der Politischen Ökonomie, 1859.
MEW 22: Engels - Vorwort zur engl. Ausgabe der „Lage der arbeitenden Klasse in England", 1892.
MEW 23: Marx - Das Kapital I, 1867.
MEW 25: Marx - Das Kapital III, 1894.
LW 22: Lenin - Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. 1916.
1 Laissez faire, laissez passer (frz.): „Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même" (etwa: „Lass es geschehen, lass es vorübergehen, die Welt wird von alleine weitergehen"), ein Vincent de Gournay (1712-59), einem französischem Wirtschaftswissenschaftler zugeschriebener Ausspruch. Gilt als Schlagwort des Wirtschafts-Liberalismus, als Aufforderung an die Staatsmacht, nicht in wirtschaftliche Vorgänge zu intervenieren.
2 Kesselring: von 1941-45 Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien und Nordafrika.
3 Contradictio in adjecto (lat.): Widerspruch in sich selbst.
4 Ehrenburg: russischer Schriftsteller. Apologet der friedlichen Koexistenz und des „Tauwetters". Nenni: Generalsekretär der PSI. Ansonsten siehe Ehrenburg.
5 Jus primae noctis (lat.): „Recht auf die erste Nacht"; das Recht des Feudalherren auf die erste Nacht mit der Neuvermählten seines Leibeigenen.
6 Amadeo Bordiga bezieht sich auf die Diskussionen der ersten Kongresse der K.I. zur Taktik, die in den nicht mehr „jungfräulichen", sondern überreifen kapitalistischen Ländern anzuwenden sei. Die italienische Linke hat besonders auf die Gefahr einer „elastischen" Taktik gegenüber den sozialdemokratischen Parteien hingewiesen, vor allem im Hinblick auf die Taktik der politischen (nicht gewerkschaftlichen!) Einheitsfront und einer gemeinsamen Arbeiterregierung mit diesen Parteien. Die Linke vertrat die Auffassung, dass sich die jungen kommunistischen Parteien nicht durch ein gemeinsames Vorgehen mit sozialdemokratischen oder ähnlichen Parteien kompromittieren dürften, während andere Delegierte und die Bolschewiki dafür eintraten, zunächst alle Kräfte zu sammeln, um später zu „sieben".
