Alter Maulwurf

1953-01-22 - Klassischer Kapitalismus - romantischer Sozialismus E-Mail

Im Faden der Zeit [107]

Klassischer Kapitalismus - romantischer Sozialismus

Also sprach der große Schnurrbart

Obschon wir Antipoden des Aktualitätswahns sind, maßen wir einer gegen Ende September 1952 veröffentlichten theoretischen Schrift Stalins über die Fragen der russischen Ökonomie, oder eigentlich der weltgeschichtlichen Wende, große Bedeutung bei und legten sie umfassenden Abhandlungen zugrunde; genauer gesagt, machten wir deutlich, dass die Fragen, auf die der Verfasser zurückkam, dieselben sind, die wir in unseren Darlegungen seit einigen Jahren immer wieder behandelt haben. Wir sprechen nicht von Forschungen oder Beiträgen, sondern von organischen Darlegungen der kristallisierten marxistischen Lehre. Darin finden wir die der kapitalistischen Gesellschaft diametral entgegengesetzten wesentlichen und spezifischen Merkmale des sozialistischen Programms und der sozialistischen Zielsetzung. Genau dieselbe Thematik hatte sich Stalin aufgedrängt.

 

Weder der große Generalfeldmarschall an der Spitze von Abermillionen Menschen noch wir als gerade man kleiner Fußtrupp waren dabei vom Wunsch beseelt, die Bibliotheken um noch ein weiteres Buch zu bereichern.

 

Vielmehr ist es so, dass sowohl er, der es übernahm, die Bilanz eines historischen und glänzenden Sieges der proletarischen Revolution zu ziehen und den Plan ihrer zukünftigen Erzwingung in einem großen Teil der Welt vorzulegen, als auch wir, die erklären, am tiefsten Punkt des furchtbaren Zusammenbruchs der revolutionären Kraft und damit denkbar weit davon entfernt zu sein, eine Rolle auf der Geschichtsbühne zu spielen, dass sowohl er als auch wir dieselben Fragen stellen mussten.

 

Einer der Hauptaspekte der heutigen revolutionären Passivität ist, dass der größte Teil der zur Akteurin der Revolution bestimmten Klasse durch eine mächtige, mit großer „historischer Trägheitskraft"1 ausgestatteten Organisation im Zaum gehalten wird und Kräften bzw. Organismen gehorcht, die auf der einen Seite die einzig revolutionäre Theorie des Proletariats (Marx-Engels-Lenin) fortführen und repräsentieren wollen, und auf der anderen Seite eine Aktivität und Politik (Stalin) betreiben, die der Revolution den Rücken kehren und den Antriebskräften zur Wiederaufnahme des revolutionären Klassenkampfs den Weg versperren.

 

Die historische Tatsache, dass in Sowjetrussland - wo, um es mit den Heuchlern der freien Welt zu sagen, niemand ein von der offiziellen Linie auch nur minimal abweichendes Wörtchen sagen darf - seit 1951 eine Diskussion über, man sagt heute gerne „tief greifende" Fragen stattfindet (und je tief greifender, desto flacher das Geschwätz über vollkommene Demokratie und menschliche Persönlichkeit), worin sogar die Definitionen von Kapitalismus und Sozialismus als historische und weltumfassende Grundformen wirtschaftlicher Organisation in Frage gestellt werden, und die Tatsache, dass Stalin höchstselbst das Wort ergreifen musste, um diese Diskussion zu beenden, zeigen unserer Ansicht nach, dass es nun nicht mehr lange dauern wird, bis die letzten sozialistischen Skrupel über Bord geworfen werden und der ungeheure Schwindel einer von einer kapitalistischen Macht2 geförderten und gesteuerten proletarischen Bewegung auffliegt.

 

Dann aber, wenn der gewaltige Apparat abgewrackt und von ihm bloß noch eine soundsovielte Kolonne, wie alle sie haben, übrig geblieben sein wird, kann auch erwartet werden, dass das Hindernis, das der Wiederaufnahme einer wirklichen kommunistischen Bewegung den Weg versperrt, beiseite geräumt wird und sich Organisationen und Parteien bilden, die die imperialistischen Mächte im Westen ganz anders werden fürchten müssen, als das heutige, zwar infernalische, doch mit Monopolygeld gespielte Spiel.

 

Zur gleichen Zeit, in der jene Diskussion eröffnet wurde, hat die Geschichte einen Konkursantrag der russischen Innen- und Außenpolitik zutage gefördert. Um bei den wirtschaftlichen Vergleichen zu bleiben: Wenn ein Konkursverfahren bevorsteht, ist der Schuldner verpflichtet, die Bilanzen vorzulegen. Weder der Ruf, unantastbar noch der, unfehlbar zu sein, hat die russische Zentrale davor bewahren können.

 

Bei einem solch gewaltigen Konkursverfahren wären wir bloß kleine Buchhalter. Dennoch, wir haben die Bilanzen durchgesehen und mit der unwägbaren Kraft des Bleistifts, der nur addiert und subtrahiert, sind die schweren Defizite aufgedeckt worden.

Der Dialog der Bourgeoisie

Während die Bedeutung der Stalin'schen Aussagen, die wesentliche Strukturen beleuchten, in den lärmenden Schwatzbuden des parlamentarischen Mehrparteiengetriebes völlig unbemerkt blieben, sind sie im kapitalistischen Lager sehr wohl begriffen worden.

 

Wir sprechen hier nicht von Tagesmeldungen, von den ungeheuer wichtigen Dingen, mit denen die Berufsjournalisten Schlagzeilen machen und die nach 48 Stunden vergessen sind, wie etwa die sensationelle Meldung über die Verschwörung jüdischer Ärzte3 oder der Streit zwischen zwei oder auch mehreren Fraktionen der abscheulichen „Clique", die in Russland Regen und Sonnenschein macht. Wir beziehen uns vielmehr auf die zahlreichen, im Westen erschienenen Artikel wirtschaftlicher Natur, deren Verfasser konservativer Provenienz sich veranlasst sahen, den „Wettkampf" zwischen kapitalistischer und sozialistischer Produktionsweise einer Beurteilung zu unterziehen. Es ist durchaus kein merkwürdiger Zufall, wenn das jugoslawische Regime, das den Anspruch erhebt, einen eigenständigen geschichtlichen Weg zwischen sowjetischen Osten und bürgerlichen Westen zu gehen, zur selben Zeit die gleichen Fragen aufwirft und gleich klarstellt, es allein, mit Tito an der Spitze, handele getreu den Prinzipien von „Marx, Engels und Lenin"!

 

Uns liegt an einer strengen Unterscheidung zwischen dem Material, das sich ernsthaft auf die wirklichen ökonomischen und sozialen Strukturen bezieht und den end- wie leblosen Schwätzereien über die Schandtaten, respektive Verdienste des einen oder anderen - Dinge, die sich in Dialoge zwischen Heiligen und Kriminellen, mit austauschbaren Rollen, auflösen: Wie etwa in der nur mit einer pyramidalen Luftblase vergleichbaren Debatte, mit der man sich in Italien über die Art und Weise ausließ, in der, mit Verlaub, politische Wahlen durchzuführen seien.

 

Nun, in Italien, erst in Rom und dann in Neapel, gebührte es dem Wirtschaftsprofessor und Abgeordneten (als solcher seit geraumer Zeit den Stalinoiden genehm) Epicarmo Corbino4, in von bürgerlichen Kreisen hochgelobten Vorträgen über das Thema: „Kapitalismus und Sozialismus im jüngsten Denken Stalins" zu sprechen.

 

Politisch ist dieser Corbino ein Bourgeois wie viele andere auch, der, je nach dem, woher der Wind weht, an Prinzipien festhält oder sie fallen lässt. Aber man muss sehen, dass es für das klare Verständnis unserer marxistischen Thesen durchaus von Nutzen ist, seine Sichtweise einer Untersuchung zu unterziehen, so wie wir es mit den Ansichten Croces auf dem Gebiet der Philosophie getan haben5 - im Übrigen nur ein anderer Aspekt derselben Sache. Es handelt sich bei Corbino um einen Liberalen, der - welch seltener Glücksfall - über Sozialismus spricht, ohne sich selbst als Sozialist oder Sympathisant desselben zu bezeichnen, wie es beim Gros der Politikanten der Mitte und der Rechten, ob katholische Faschisten oder Reformisten, der Fall ist. Deswegen befassen wir uns mit ihm. Wir haben nicht wie sonst die langweilige These vor uns: „Das kapitalistische System ist nun unleugbar in eine Krise geraten und es wird ein quid6 folgen: Tun wir alles, um diesem quid die Spitzen zu nehmen und die allzu tragischen und verheerenden Folgen der zwangsläufigen Veränderungen abzuwenden". Stattdessen haben wir es mit einer klaren Aussage zu tun: „Wirtschaftlich kann man ohne die auf den Betrieb und den Markt gegründete Produktionsweise, also den Kapitalismus, unmöglich auskommen".

 

Professor Corbino diskutiert also nicht das von uns aufgestellte Thema: „Kapitalismus und Sozialismus in der Geschichte", wobei wir der abgelaufenen Geschichte des Ersteren ebenso gewiss sind wie der kommenden des Letzteren; zum anderen wollen wir in unserem Kopf, nicht in dem des Gegners, Klarheit über die gegensätzlichen Merkmale der beiden Systeme (wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen) schaffen. Corbino befasst sich damit im „Denken Stalins". Dennoch ist es eine gute Gelegenheit für uns, weil Stalins jüngste Aussagen immerhin von wichtigen historischen Tatsachen diktiert wurden, und weil es schließlich, abgesehen vom Schlussteil der Rede, worauf wir aber auch kommen werden, nützlich ist, uns mit einem erklärtermaßen „klassischen Ökonomen" vor- und antimarxistischer Prägung auseinanderzusetzen.

 

Nützlich in zweierlei Hinsicht: Einmal, weil er zugibt, dass, soweit es um die Einordnung nach allgemein anerkannten Wirtschaftstypen geht, die von Stalin beschriebene russische Wirtschaft kein Sozialismus ist, sondern Kapitalismus; und zum anderen wollen wir zeigen, dass es seinerseits vergebliche Liebesmüh‘ ist, eine zukünftige historische Kurve ohne Brüche zeichnen und somit nachweisen zu wollen, der Kapitalismus würde ein Gleichgewicht zwischen Arbeitsmühe und Bedürfnissen, zwischen Produktion und Konsumtion wahren können.

 

Denn jeder Beweis, dass die „Stalin'sche Formel" gegenüber der „westlichen" mehr Arbeit bei weniger Wohlstand bedeutet, ist bloß ein durch unseren Widersacher eingestandener weiterer Beweis gegen den Kapitalismus.

Gestern

Der Arbeitsertrag

Freilich geht es nicht darum, dem „verehrten Vorredner" in einer der allseits bekannten demokratischen Kontroversen entgegenzutreten. Weshalb wir, bevor wir zu den rein ökonomischen Ableitungen Corbinos kommen, einen Satz aus dem letzten Teil seiner Rede als Stichwort nehmen wollen, um noch mal die marxistische Beschreibung des Sozialismus darzulegen. Corbino schlussfolgerte: Selbst wenn er ein Stückchen Brot mehr einbringe, müsse man gegen den Sozialismus sein, nicht nur, weil er sich durch die Diktatur verwirkliche (nur allzu leicht erinnert man sich, dass die „liberale" Gesellschaft nicht anders entstand), sondern vor allem, weil er die „fundamentale Freiheit, über den Ertrag der eigenen Arbeit zu verfügen", negiere.

 

Nun, der Sozialismus wird diese Freiheit nicht nur abschaffen, sondern abschaffen müssen, denn sonst könnte die menschliche Gattung bei der heutigentags erreichten Bevölkerungszahl und beim heute erreichten Niveau ihrer, auch nur rein physischen, Bedürfnisse nicht überleben.

 

Hier zeigt sich die gewaltige Kluft zwischen der Marx'schen Auffassung und den banalen Anschauungen Proudhons, Lassalles und so vieler anderer, die den Sozialismus mit der Eroberung des eigenen Arbeitsertrags verwechseln, wo er doch, lassen wir die paradox klingende Formulierung so stehen, eben im Verlust des eigenen Arbeitsertrags besteht.

 

In Wirklichkeit haben Handwerker und Bauern diese individuelle Eroberung schon gemacht, derer sie dann vom Kapitalismus mit dem Auftreten der assoziierten Arbeit wieder beraubt wurden.

 

Marx unterstrich diese wesentlichen Punkte in der klassischen „Kritik des Gothaer Programms"7 von 1875, die Lenin als tragende Säule des gesamten revolutionären Bauwerks benutzte. Schon anhand des 1. Paragraphen, wonach „der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern" gehöre [MEW 19, S. 15], zeigt Marx, dass der Programmentwurf von faden bürgerlichen Begriffen diktiert wurde.

 

Ausgangspunkt des 1. Paragraphen war die These, nach der „die Arbeit die Quelle alles Reichtums" ist. In Zorn geratend, merkt Marx dazu an, dass diese Phrase zwar in jeder Kinderfibel zu finden, doch nichtsdestotrotz Blödsinn sei. Das, was mit dem bürgerlichen Wort „Reichtum" benannt werden soll, ist eine Gesamtheit von Gebrauchsgegenständen, von für den Verbrauch und das Leben der Menschen im weitesten Sinne nützlichen Dingen. Nun liefert die Natur sie auch ohne das Dazutun der menschlichen Arbeit, welche selbst nur eine Naturkraft wie jede andere ist. Als Quelle der uns heute zur Verfügung stehenden Güter betrachten wir weder die Gnade Gottes noch die Schöpfungskraft des Geistes! Dass die Anhänger des Kapitalismus Kapitalfetischisten und wir reine Anbeter des Fetisches „Arbeit" sind - das lassen wir bestimmt nicht durchgehen.

 

Die Hauptsache, sagt Marx immer, ist, das Verhältnis als ein der kapitalistischen Gesellschaft angehörendes zu fassen. Nachdem wir also endlich mit den „allgemeinen Wahrheiten" fertig sind, lasst das törichte Verslein: „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur" fallen und lernt die unstreitigen Sätze auswendig: 1. „Im Maße, wie die Arbeit sich gesellschaftlich entwickelt und dadurch Quelle von Reichtum und Kultur wird, entwickeln sich Armut und Verwahrlosung auf Seiten des Arbeiters, Reichtum und Kultur auf Seiten des Nichtarbeiters" [S. 17].

 

Tief durchatmen. 2. „In der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft [sind] endlich die materiellen etc. Bedingungen geschaffen, welche die Arbeiter befähigen und zwingen, jenen geschichtlichen8 Fluch zu brechen" [S. 17].

Freiheit... zu hungern!

Historische Methode: Robinson, oder der Ur-Robinson, tat nichts und die Frucht fiel ihm in den Mund, ohne Arbeit.

Dann traf er Freitag und die Arbeitsfrucht Freitags fiel ihm in den Mund.

Doch als es einen Stamm gab, mit soviel Boden, wie die Stammesgenossen bearbeiten konnten, mussten, auch schon in dieser einfachen Gesellschaftsform, ein paar Arbeitsgeräte vorhanden sein, und es musste (durch Rücklage von Saat und anderen Reserven) gelernt werden, „Vorräte" anzulegen.

 

Wenn am Jahresende jedes Stammesglied, nachdem der Druide gebeten worden war, die Weisungen der Gottheit zu erkunden, über den ganzen Ertrag, die Frucht seiner Arbeit „frei", wie Corbino will, und „unverkürzt", wie Lasalle lehrte, verfügt bzw. ihn aufgegessen hätte, wäre der Stamm nicht erst nach einer Generation, sondern schon nach einem Jahr tot gewesen.

 

Aber kommen wir zur kapitalistischen Gesellschaft und nehmen für einen Augenblick an, jeder sei frei, über den Ertrag seiner eigenen Arbeit frei zu verfügen. Doch nicht mal an diesem Punkt taugen Proudhons und Lassalles Thesen, denn für den Proletarier ist es schon ein um den Mehrwert verkürzter und für den Kapitalisten um den Profit vermehrter Ertrag.

 

Wir sind bei der Formel, die ein Corbino benutzen würde. Ob Lohn, Gehalt oder Dividende - jedem steht frei, entweder gleich alles aufzuessen oder einen Teil davon „aufzusparen", wobei er letzteres als Reserve für spätere Konsumtion (Vorsorge) beiseite legen oder damit „gewinnträchtige" Produktionsmittel (Investitionen) erwerben kann. Dass ich diese Entscheidung mit 1000 Lire treffen muss und du mit 100 Millionen Lire, hat nichts zu sagen, wenn nur jeder von uns beiden weiß, dass der andere seine Entscheidung in „fundamentaler Freiheit" trifft.

 

Nun, diese Freiheit wird nicht nur den Kapitalisten - reich und kultiviert durch die „Quelle" fremder Arbeit -, sondern sogar dem Arbeiter genommen. Wie recht Sie doch haben, Corbino.

 

Marx übt sich in Geduld und erklärt, wieso der „Arbeitsertrag" im Sozialismus, in der „kommunistischen Gesellschaft", nicht unverkürzt sein wird.

 

Kommen wir noch mal auf den dem Begriff der „toten Arbeit" gegenüberstehenden Begriff der „lebendigen Arbeit" zurück, den wir in anderen Schriften, das „Manifest" zur Hand nehmend, ins Gedächtnis zurückriefen, wobei wir ihn mit großartigen Zitaten aus dem gesamten Marx'schen Werk auffrischten. Nehmen wir den Begriff der noch zu „entstehenden Arbeit" hinzu. Der Kapitalismus ist die Form, in der einige wenige „Besitzer" der toten Arbeit (konstantes Kapital) kraft Gesetz und politischer Machtverhältnisse über die lebendige Arbeit (variables Kapital) verfügen und daher nach Belieben die Bedingungen ihrer Anwendung festlegen, wobei sie soviel, wie sie meinen, aus ihr herausziehen, um die „tote Arbeit zu erhalten und zu vermehren" und „sich die noch ungeborene Arbeit zu sichern".

 

Natürlich wird auch die sozialistische Produktionsweise für diese beiden Dinge Sorge tragen müssen. Jetzt können wir also die Marx'sche Textstelle verstehen, wo er zeigt, dass der „Arbeitsertrag" durch eine Reihe von Abzügen verkürzt wird.

 

„Erstens: Deckung zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel" [S. 19]. Eine an die „verstorbene Arbeit" gezahlte Schuldverpflichtung. Die unzähligen Anlagen und Ausrüstungen - die den Arbeitsanstrengungen und den gemachten Erfindungen „aller Toten" entstammen und ein Geschenk sind, weil sie uns sehr viel Arbeit, bei gleichem Produkt und Konsum ersparen - nutzen sich ab und müssen erhalten, was heißt, erneuert werden; auch die klassischen Ökonomen sind hierbei ähnlich wehmütig wie wir, wenn sie die Sache als Amortisierungskosten bezeichnen.9

 

„Zweitens: zusätzlicher Teil für Ausdehnung der Produktion". Dies ist eine gegenüber der „zukünftigen Arbeit" zu tilgende Schuld. Nicht nur steigt beständig die Bevölkerungszahl, somit auch die der Arbeiter, sondern neue Mittel und Möglichkeiten rufen auch neue Bedürfnisse hervor. Im Zeitalter und in der Sprache des Kapitalismus heißt das: Einen Teil des Einkommens höheren Kapitalinvestitionen bzw. dem Kauf neuer Produktionsgüter vorzubehalten. Eine Vorkehrung, die auch im Sozialismus, und zwar durch die Gesellschaft, getroffen wird, und stets zu Lasten der gegenwärtigen Arbeit.

 

„Drittens: Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen durch Naturereignisse etc.". Eine Pflicht, die die „lebendige Arbeit" gegenüber sich selbst zu erfüllen hat und die der bürgerliche Ökonom „Risikozulage" nennt.

 

Dann erinnert Marx an das, was heutigentags die „Staatsausgaben" sind: allgemeine Verwaltungskosten, Fonds für Arbeitsunfähige, kurz, all das, was heute aus Abgaben, Steuern und anderen Abzügen und Lasten zu bestreiten ist.

 

Erst nach Abzug all dessen kommen wir zu dem Teil der Konsumtionsmittel, der dem Arbeiter zukommt und dem gesellschaftlichen Fonds (hier folgt die berühmte Passage über die zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaft) zuerst proportional zur gegebenen Arbeitszeit, dann nach den Bedürfnissen entnommen wird. Doch halten wir hier inne.

 

In der Philosophie ist das Loblied auf die „Freiheit des Geistes" heilige Pflicht. In der Ökonomie indes spielt eine andere Musik: Wenn all diese unerlässlichen Maßnahmen zur physischen Erhaltung der Gattung - im bürgerlichen Sprachgebrauch der Zivilgesellschaft - der Willkür jedes Einzelnen überlassen blieben, würde es weder Kapitalismus noch Sozialismus geben, sondern, möge uns ein solches Ende erspart bleiben, ein Chaos. Und dann - das ist klar - einen Friedhof.

Der Streit um den Wert

Doch es ist von mehr die Rede. Marx spottet nicht nur über den Blödsinn, nach dem der „Ertrag unverkürzt" bleiben soll, sondern auch über die „Phrase der gerechten Verteilung" unter „allen Gesellschaftsgliedern, nach gleichem Rechte". Ihr habt zwar richtig angemerkt, sagt er den Programmverfassern, dass die Arbeitsmittel Gemeingut sein werden. Aber der Ausdruck „Arbeitsertrag" ist zweideutig und ungenau. Handelt es sich um das Produkt der Arbeit oder um seinen Wert? Und in letzterem Fall, um den „Gesamtwert des Produkts oder nur um den Wertteil, den die Arbeit dem Wert der aufgezehrten Produktionsmittel neu zugesetzt hat?" [S. 18].

 

Arbeitsertrag, sagt Marx, ist ein lassallescher Ausdruck, der bestimmte ökonomische Begriffe verwischt. Um nun die oben genannten Abzüge vorzunehmen, stellt er zunächst richtig, dass „Arbeitsertrag" als das „Produkt der Arbeit" zu nehmen ist, und weiter, dass nur der Ausdruck „gesellschaftliches Gesamtprodukt" als Ergebnis der „gesellschaftlichen Gesamtarbeit" Sinn macht.

 

Woraus folgt, dass Sozialismus nicht heißt: Jeder Arbeiter erhält das ganze Produkt seiner Arbeit - eine durch und durch liberale These, die nur Professoren gefällt. Im Sozialismus wird das Gesamtprodukt der gesellschaftlichen Arbeit weder den Einzelnen noch den Betrieben oder ähnlichen Einheiten (Genossenschaften u.Ä.) zugeteilt, es ist allein die Gesellschaft, die darüber verfügt. Als Einzelner wird keiner die Möglichkeit haben, über das Produkt der Arbeit von Wem-auch-immer zu verfügen - noch nicht mal über das eigene.

 

Wo es Eigentum an Arbeit geben würde, gäbe es auch Eigentum an Kapital, und somit Kapitalismus.

 

Ein gar nicht mal geringer Teil erklärter Marxisten wäre angesichts folgender These verblüfft: Der Sozialismus wird die Mehrarbeit beibehalten und die notwendige Arbeit nicht bezahlen.

 

In kapitalistischen System, worin Wertbegriff und Wertgesetz gelten, d.h. der Austausch von Äquivalenten (und Corbino unterstreicht ganz richtig, dass Stalin mit dem Eingeständnis dieser Kategorien auch die Existenz des Kapitalismus in Russland eingesteht), ist die Verteilung wie folgt: Der Wert des Gesamtprodukts, oder der Warenmasse, setzt sich aus drei Teilen zusammen: Ein Teil ersetzt dem Kapitalisten die vorgeschossenen Arbeitsstoffe und -mittel (konstantes Kapital); ein zweiter Teil wird zum Arbeitslohn (bezahlte, notwendige Arbeit); ein dritter und schließlich letzter Teil ist der Profit. Quantitativ ist der Profit Mehrwert, d.h. zusammen mit dem Lohn bildet er all das, was der Arbeiter dem Produkt, das zur Gänze dem Kapitalisten gehört, an Wert hinzugefügt hat. Den Kapitalisten bleiben somit das vorgeschossene konstante Kapital plus der vorgeschossene Lohn, plus Profit: ergo ein vergrößertes Kapital.

 

Was wird, an diesen Punkt angekommen, der Sozialismus „vorschlagen"? Vielleicht: Wir lassen das ganze Produkt dem Arbeiter? Das würde keinen Sinn machen, da die Produzenten seit dem Ende des Handwerkertums kein konstantes Kapital mehr haben, das sie vorschießen könnten. Oder vielleicht: Wir lassen das Gesamtprodukt dem Unternehmer bzw. dem Betrieb oder auch dem kapitalistischen Staat, und der Arbeiter erhält, in klingender Münze, nicht nur seinen Lohn, sondern auch einen bestimmten Teil des Gesamtprofits, so dass er die notwendige Arbeit plus den Mehrwert, also Lohn und Mehrwert erhält?

 

Schon vor 75 Jahren sagte Marx in derselben Schrift: „Grade hierauf fußend, haben seit fünfzig Jahren und länger die Ökonomisten bewiesen, dass der Sozialismus das naturbegründete Elend nicht aufheben, sondern nur verallgemeinern, gleichzeitig über die ganze Oberfläche der Gesellschaft verteilen könne!" [S. 25].

 

Bleiben wir - zumal wir uns im Kampf gegen den klassischen Ökonomismus befinden - also nicht 125 Jahre hinter der Zeit zurück, beim humanitären, liberalen, anarchistischen Sozialismus, kurz bei dem, was wir durchaus als romantischen Sozialismus bezeichnen können. Es mag komisch klingen, doch Stalin ist ein romantischer Sozialist.

 

Der sozialistische und kommunistische „Vorschlag" ist ein ganz anderer: Am Ende des kapitalistischen Zyklus wird man sich nicht mehr in Wertbegriffen ausdrücken, sondern einfach sagen: Die Gesellschaft nimmt von allen ihre Arbeit, normalerweise wird dies freiwillig geschehen, wenn notwendig, auch zwangsweise, und sie gibt allen die Konsumtionsmittel, normalerweise unbeschränkt, und wenn notwendig, kontingentiert.

 

In der Übergangsphase, also von der niederen zur höheren Phase des Kommunismus, können wir, um uns verständlich zu machen, die Aussage in Wertbegriffen fassen: Die sozialistische Gesellschaft, vertreten durch die Diktatur der proletarischen Klasse und ihrer Partei, nimmt vom Arbeiter weiterhin den Mehrwert und überträgt ihn vom Unternehmer bzw. Betrieb auf die Gesellschaft selbst; ferner nimmt sie vom Arbeiter die notwendige Arbeit, wird sie aber, kraft der wachsenden Arbeitsproduktivität immer mehr verringern, was im Kapitalismus unmöglich ist.

 

Das, ihr Herren Theoretiker des Kapitalismus, ist der springende Punkt. Der Teil nicht bezahlter Arbeit, der heute euren Profit ausmacht, kommt in den Gesellschaftsfonds, wenn nötig, ein größerer Teil. Doch wenn sich infolge der technischen Entwicklung der Wert der Arbeitskraft verzehnfacht, müssen Arbeitsmühe und -zeit zehnmal geringer sein, und jener Teil der Arbeit, den ihr heute allein bezahlt, muss gegen Null tendieren. Der tätige Mensch wird, statt der Flausen von „Freiheit", Zeit erobert haben. Darum dreht sich die Diskussion beim Ökonomischen.

Heute

Stalin, der Händler

Bei den ökonomischen Aussagen Corbinos brauchen wir nicht lange verweilen. Zum einen liegen uns nur die Artikel der Berichterstatter vor, zum anderen haben wir in verschiedenen „Fäden der Zeit" und im „Dialog mit Stalin" ziemlich ausführlich nachweisen können, dass die von Stalin selbst für das heutige und morgige Russland beschriebenen Produktions- und Distributionsmerkmale kapitalistischen Charakter tragen.

 

Der Vortragende verharrte lange bei der augenscheinlichen Parallelität der wirtschaftlichen Tatsachen in Russland und im bürgerlichen Westen. Wo der Tausch nach dem „Wertgesetz" auf Grundlage der Warenproduktion bzw. Marktwirtschaft in Kraft ist, sind wir mit Sicherheit im Kapitalismus. Wo Klagen über defizitäre Betriebe zu hören sind, wird nicht nur bestätigt, dass es sich um kapitalistische, auf Lohnarbeit beruhende Produktion handelt, sondern es wiederholt sich auch das westliche Gejammer über die verstaatlichten oder halbverstaatlichten Betriebe, die rote Zahlen schreiben und am Tropf der Staatssubventionen hängen. Natürlich gab dies dem Redner Gelegenheit, auf die Vorteile des Freihandels zu sprechen zu kommen. Doch man weiß, wie müßig es ist, der Vergangenheit nachzutrauern, egal auf welchem Breitengrad.

 

Weder der klassische Wirtschaftsliberale noch der romantische Sozialist können begreifen, dass das marxistische Programm nicht etwa vorsieht, die Leitung des Unternehmers durch die der Belegschaft oder auch durch die des Staates zu ersetzen, um den Betrieb rentabel zu machen. Das Programm besteht darin, die Schranken des Betriebs selbst zu sprengen und jede finanzielle Bilanzierung abzuschaffen. In der unmittelbar der Machteroberung folgenden Phase, wenn noch in Geld und mit Äquivalenten gerechnet wird, ist es völlig unwichtig, ob ein Betrieb defizitär ist, denn Rohstoffe und Produkte können jetzt nach dem zentral und rationell festzulegenden, „physischen" Plan zugeteilt werden, und jedenfalls ohne Gegenleistungen.

 

Der Beweis dafür, im Kapitalismus zu sein, ist nicht die Tatsache, dass viele Betriebe defizitär sind, sondern dass Stalin und Malenkow sich darüber beklagen und das Kriterium für die Wirtschaftspläne die berühmt-berüchtigte „Rentabilität" ist: Die famosen Pläne stellen bloße Finanzierungs- und Wirtschaftspläne im engen Sinn dar, und keine Produktions- und Distributionspläne, die mit physischen Größen, wie Bevölkerungszahl, Stunden, Tage, Kilogramm, Kubikmeter, Pferdestärken usw. als Maß arbeiten.

 

Ein interessanter Punkt ist der des Weltmarkts, wo Corbino dieselbe Beweisführung wie die unsrige anführt: Angesichts dessen, dass die sowjetische Industrie nicht nur für den Binnen-, sondern auch für den Weltmarkt produziert und die Wirtschaftspolitik der UdSSR erklärtermaßen den Handel mit westlichen Produkten (soweit sie die eigenen ergänzen) auf größter Stufenleiter anstrebt, wobei sie natürlich in Konkurrenz mit Produkten der gleichen Warenart tritt, muss auch die russische Produktion nach den Gesetzen der klassischen Ökonomie funktionieren - wie sonst könnte es solche Beziehungen geben? Der Wirtschaftsliberalismus weiß: Wenn der Staat auch auf dem Binnenmarkt eingreifen und die Folgen der freien Konkurrenz abbremsen und sogar rückgängig machen kann, gibt es doch niemanden, der desgleichen auf dem Weltmarkt fertig brächte, auf dem sich das Gesetz der Äquivalenz gnadenlos durchsetzt. Und die marxistische Ökonomie weiß: Auf dem Boden der Konkurrenz kann man nichts anderes machen, als zu niedrigsten Kosten und im Übermaß produzieren, was im Gegensatz zu den „unmittelbaren" und „despotischen" Maßnahmen steht, die dem Sozialismus den Weg bahnen, nämlich die sofortige Verringerung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne, also Steigerung der Produktionskosten, und weiter, in den hoch entwickelten Ländern (siehe die Versammlung von Forli10), Senkung der Warenmasse durch Zwangsdisziplinierung des Konsums.

 

Corbinos Schlussfolgerung ist eindeutig: Solange es auf der Welt auch nur ein einziges kapitalistisches Land gibt, kann der Sozialismus in einem Land nicht aufgebaut werden! Der Aussage stimmen wir in dem Sinne zu, dass die Errichtung des Sozialismus, sei es auch im unteren Stadium, zur Voraussetzung hat, dass das Proletariat in einem Großteil der industrialisierten Länder die Macht erobert und den alten Staatsapparat zerschlagen hat.

Wettstreit oder Konflikt?

Die Frage des Weltmarkts und seiner Aufspaltung in zwei Teile führt zur Frage des Wettbewerbs bzw. alternativ des Krieges, und zur Untersuchung der letzten These Stalins: Der Krieg wird eher unter den kapitalistischen Ländern des Westens als zwischen Amerika und Russland ausbrechen. Corbino bestreitet Stalins These, der wir indes zugestimmt haben. Jedenfalls meint er, der III. Weltkrieg (in den der kapitalistische russische Staat zweifellos mit hineingezogen würde) könne, aus Gründen technischer Vorbereitung, frühestens 25 Jahre nach dem II. ausbrechen (zwischen 1918 und 1939 lagen 21 Jahre). Einigen wir uns alle drei auf 1970.

 

Die Frage ist, ob sich in den kommenden 18 Jahren - statt einer Wahl-Alternative à la Nenni!11 - eine weltweite revolutionäre „Alternative" zeigen wird.

 

Ziemlich sicher sind wir, dass es, wenn der Krieg früher oder überstürzt käme, diese revolutionäre Klassenalternative nicht geben würde - in seinem Schlepptau würden höchstens Fünfte Kolonnen und Partisanenbewegungen auftauchen, von denen wir gehörigen Abstand halten.

 

Doch vor einem Ausblick auf den Krieg interessiert uns der auf den Wettstreit. Corbino spricht von „Wettlauf", meint aber, nicht entscheiden zu können, wer gewinnen wird. Als klassischer und kapitalistischer Ökonom möchte er natürlich Leistungskriterien anlegen, d.h. danach urteilen, wer am meisten und am billigsten produziert: die heute weitgehend staatlich gesteuerte westliche Wirtschaft oder der gänzlich staatsindustrielle Osten. Die Frage ergebe sich zwangsläufig, weil beide zum „Wettlauf" auf denselben Märkten anträten. Tatsächlich spielt Corbino auch auf den durchschnittlichen Lebensstandard bzw. den der Masse an, und erklärt, die Statistiken des Ostblocks würden darüber nichts aussagen.

 

Corbino bestreitet Stalins These, derzufolge das imperialistische westliche Lager durch den auf seine Markthälfte begrenzten Wirkungsbereich seine Produktion drosseln und in eine Krise stürzen müsse. Auch Truman hat bei seinem letzten „Kamingespräch" optimistische Prognosen über den Kapitalismus abgeben wollen und versichert, Amerikas Produktion würde in 10 Friedensjahren (in denen es allerdings gewaltig aufrüstet) um 40% auf 500 Milliarden Dollar steigen, wobei das industrielle Arbeitsheer insgesamt von 76 auf 90 Millionen anwachse. Der durchschnittliche Lebensstandard steige auf fast 2 Millionen Lire pro Kopf, d.h. er wäre etwa 10-mal höher als im heutigen Italien. Truman meinte, dass sich die wöchentliche Arbeitszeit, infolge der technischen Entwicklung, leicht verringern lassen könne.

 

Das ist der springende Punkt. Welches der beiden Systeme ist eher imstande, die wöchentliche Arbeitszeit zu senken? Corbino sagt, um das zu beurteilen, müsse man wissen, was herauskäme, wenn das stalinsche Wirtschaftssystem in Amerika zur Anwendung käme und umgekehrt das amerikanische in Russland. Im Augenblick brüsten sich die Kapitalisten damit, dass „die Sparquote, unter Berücksichtigung des demographischen Drucks, nicht negativ "sei. Der Kapitalismus erklärt also, in der Lage zu sein, den Massen genug zum Leben zu lassen und zugleich genug zurückzulegen, um die Effizienz der toten Arbeit zu sichern und soviel zu investieren, dass auch die kommenden Generationen (die zukünftige Arbeit) in Lohn und Brot stehen werden.

 

Unser Vergleich ist ein anderer: Wenn die Bevölkerung wächst, wächst auch ihr arbeitender Teil. In den 10 oder 30 Jahren, in denen Ihr eure Vergleiche angestellt habt, ist die Arbeitsproduktivität dank der veränderten Technik zig-mal höher geworden. Selbst wenn doppelt soviel konsumiert wird, müsste bereits 5-mal weniger gearbeitet werden. Doch in seiner zweihundertjährigen Geschichte hat es der Kapitalismus kaum vermocht, den Arbeitstag, der aus humanen Gründen auch im Sklavenhaltertum 16 Stunden nicht überschritt, zu halbieren.

 

Der Vergleich wäre dann folgender: Überlasst uns die amerikanische Produktionstechnik und lasst uns nicht die stalinsche, sondern... die marxsche Methode anwenden. Dann könnten wir den Vergleich mit dem Russland von heute in Bezug auf die allgemeine Prosperität und den allgemeinen Wohlstand ziehen, doch würden wir nicht Produktionskosten, -preise und -masse miteinander vergleichen, sondern die Bedingungen, unter denen die lebendige Arbeit, die Lebensbedingungen des Menschen selbst, angewandt werden.

 

All das lässt sich gut untersuchen und berechnen, ohne dass dazu die Zahlen aus Russland nötig wären; es reichen die offiziellen Zahlen über Amerika, sagen wir von 1848, 1914, 1929, 1952; anhand dieser Daten haben wir vor kurzem auch für den Laien verständliche Synthesen formuliert.

 

Was Russland betrifft: Da der Kapitalismus, seit 1917, in keinem anderen Land politisch geschlagen wurde, tut es das, was es logischerweise tun kann: Nach der antifeudalen Revolution baut es den Kapitalismus auf, und zwar entsprechend der technisch-wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Zeit.

 

Um nach der Frage des Wettstreits auch die des Konflikts zu lösen, müsste es nicht in allen, aber zumindest in einem der entwickelten Länder die proletarische Diktatur geben. Dem imperialistischen, innerkapitalistischen Krieg ist, wie Lenin sagt, überall der revolutionäre Defaitismus, ohne Partisanentum, entgegenzustellen. Bei der Frage des Krieges müsste man allerdings nicht, wie in der oben genannten Hypothese, an einen „heiligen Krieg" der kapitalistischen Staaten gegen einen sozialistischen Staat denken. Denn das siegreiche Proletariat eines technisch hoch entwickelten Landes - das sich keine kapitalistischen Aufgaben, wie Pläne zur Superproduktion und Superarbeit, stellen, sondern zeigen würde, wie der rationelle Produktions- und Konsumtionsplan auf den Weg gebracht werden kann, sobald die Schranken der Warenproduktion und des Betriebsprofits niedergerissen sind - würde den inneren Klassenkrieg in allen Ländern zum Ausbruch kommen lassen.

Die höhere Sphäre des Geistes

Von der mit Zahlen geführten Argumentation über die Wohlstandsaussichten im Kapitalismus und Sozialismus, wird in der Regel am Schluss der Rede zur Erhabenheit des „Geistes" übergegangen, der in tiefer Verachtung für die Niederungen der Materie keinen Zweifel daran lässt, dass die Freiheit um jeden Preis der Diktatur vorzuziehen sei. Nachdem das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung im Dunkeln gelassen wurde, soll es in der Sphäre des Idealen umso heller leuchten, wobei der Sieg der westlichen „Werte" von keinem mehr in Frage gestellt würde.

 

Nun, tatsächlich würde der Kommunismus, nachdem er Arbeitsmühe und -qual verringert, Nahrung und Unterhalt für alle und unter allen Umständen erhöht hat, diesem Flug in unerforschliche Höhen die Flügel stutzen und die Menschheit davon abbringen, sie erkunden zu wollen und mit ihren mysteriösen Offenbarungen gesegnet zu werden.

 

Hier, bei diesen Schlussfolgerungen, die all diejenigen zutiefst bewegen, die es dahin gebracht haben, sich - ganz materiell - jeden Tag, den Gott werden lässt, ihrer Nettogewinne zu erfreuen, hier also können wir nun wirklich nichts Originelles mehr erkennen, nichts, was nicht abgeschmackt und schon tausendmal gesagt worden wäre.

 

In vorherigen „Faden der Zeit" zitierten wir eine Stelle von Marx12, in der vom „Geist" die Rede ist und der moderne, ge- und erwachsene, gegenüber dem „romantischen" Kapitalismus Stalins allerdings verfallende Kapitalismus lapidar angeklagt wird, aus der „allgemeinen Arbeit des menschlichen Geistes" auf miserabelste Weise Profit zu ziehen [MEW 25, S. 114].

 

Für uns ist das Produkt des menschlichen Geistes die Totalität der uns von den vorhergehenden Generationen übergebenen Kenntnisse und Fähigkeiten, die sich nicht nur in der das menschliche Leben überdauernden Gesamtheit der Arbeitsmittel, Baulichkeiten, Maschinerie, Apparate jeder Art, materialisieren, sondern ebenso in der Möglichkeit, sie durch die lebendige Arbeit neu zu beleben. Diese unaufhörliche, von Mühsal und historischen Rückschlägen nicht freie Aufspeicherung des allgemeinen Reichtums existiert nicht etwa, weil jedes denkende Hirn unmittelbar aus einer Art metaphysischem, außerhalb von Raum und Zeit vorhandenem „Reservoir" schöpfen könnte, wobei, um die Verbindung zwischen Hirn und Reservoir herzustellen, nur das gemeinsame Auftreten zweier Geheimnis umwobener Personen nötig wäre, nämlich des „bewussten" Ich und des Er, des sich ins Ich ergießenden Geistes, der von Anbeginn an und überall ein- und derselbe, vollkommen und absolut gewesen sei.

 

Eben weil der Mensch des Wortes mächtig ist (d.h. ein vollkommeneres und jedenfalls weniger beschwerliches Mittel hat, um die Verbindung mit Seinesgleichen herzustellen), entwickelte sich unsere Gattung nicht allein durch die Verfeinerung der Gliedmaßen, der Nervenbahnen und Sinneszentren, sondern auch durch die organische Weitergabe der Erfahrungen der sich ablösenden Menschengeschlechter. Das Ganze dieser Fähigkeiten und leiblichen Beschaffenheiten ist nichts anderes als das Resultat, das Destillat, das Konzentrat der Wirkungen und Reflexe von Myriaden physischer Lebens-, Kraft-, Arbeits- und Kampfesakte - unabhängig vom Bewusstsein ihres Subjekts, und es konstituiert sich in einem allgemeinen gesellschaftlichen Vermögen, demgegenüber kein Individuum und kein vergangenes Ereignis außen stehend respektive nutzlos ist.

 

Indem die kommunistische Revolution den Gruppen, Kasten und Hierarchien das Monopol auf dieses Gattungsvermögen entzieht, und auf dieser Grundlage und infolge der nach der Schrift, dem Buchdruck, der modernen Naturwissenschaft gigantisch gewordenen Mittel und Ressourcen zu einer radikalen Reduzierung der Arbeitsqual13 kommt, wird sie den Weg für die positiven Resultate freimachen, die mit dem Ende der Arbeitsteilung und Berufsspezialisierung eintreten. Schon allein dieser Aspekt der Umwälzung aller bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse wird dank der großen, freigewordenen Zeit ermöglichen, dass sich jedes Gattungsglied mit dem gewaltigen Komplex der allgemeinen Arbeit des menschlichen Geistes verbinden kann, mit all dem, was Hände und Körper im Laufe der Jahrtausende geschaffen haben.

 

Nichts ist weniger langweilig und eintönig, nichts mannigfaltiger und größer, als diese Perspektive, deren unerlässliche Voraussetzung eben der Kampf um die Befreiung der lebendigen Arbeit von unmenschlichen Bedingungen ist.

 

Dort aber, wo statt des Materialismus die „Freiheit des Geistes" als Banner erhoben wird, ist nichts von Harmonie und Klarheit zu sehen: Im Gegenteil, sie schwinden immer mehr. Dort herrscht jeden Tag mehr die Zerfleischung, das Gemetzel vor, und während der Mensch ideell in höchste Höhen gehoben wird, wird er physisch - oder materiell - in unglaublichen Dimensionen, jeden Tag mehr und auf jede mögliche Art, durch Konflikte und Überfälle, durch Hinrichtungen und Massaker hinweggemäht, so sehr, dass Grausamkeit und Blutbäder unter den Lebenden in der Epoche und der Welt der Freiheit zum Thema der Massen- und Unterhaltungslektüre werden, jeden Tag mehr.

Liebesroman - Kriminalroman

Während der Marxismus das direkte Gegenteil der kurz- oder langfristigen wirtschaftlichen Ziele der feindlichen Klasse ist und ebenso, um es mit deren Ideologen zu sagen, der auf allen Gebieten beschworenen „Werte", besteht die Involution der mit den Namen „Stalin" bezeichneten Bewegung darin, sich mit den bürgerlichen ökonomischen Aufgaben zu identifizieren und sich auf eben jene Welt des „Geistes" zu beziehen. In Russland wird daran gearbeitet, den Kapitalismus aufzubauen, und nach außen schwenkt man die Fahne der Demokratie, der Freiheit, des Vaterlands, sogar der Religion und bürgerlichen Ethik. In der proletarischen Internationale allein geblieben, musste die russische Gesellschaft wieder vom Verlangen nach diesem ganzen „romantischen" Rüstzeug affiziert werden, das von der bürgerlichen Gesellschaft mit auf die Welt gebracht worden war, und folglich musste sie auch auf theoretischer Ebene die materialistische Negation derart eindrucksvoller geistiger Werte fallen lassen.

 

Die Sprache der stalinistischen Parteien ist heute ein Sammelsurium von Appellen an die Menschlichkeit, die Gerechtigkeit, das Recht und an die gleiche Freiheit, die Corbino anbetet; sie unterscheidet sich in nichts von den Phrasen, gegen die der Marxismus von Beginn an zu Felde zog, als er den Sozialismus in seinen vielfachen Schattierungen, den kleinbürgerlichen, bürgerlichen, fabianischen, bloßstellte.

 

Trotz des Blutes, trotz der Verfolgungen, der Komplotte und Prozesse und Deportationen und der sogar wieder zu Ehren gekommenen Knute kann heute diese das Weltproletariat verseuchende hybride Bewegung, samt ihrem abgeschmackten und albernen Heldenkult, als Romantizismus bezeichnet werden.

 

Auch die Literatur ist mittlerweile vom Liebesroman zum Kriminalroman übergegangen; und es würde die heilig gesprochene „Freiheit des Geistes" beleidigen, wenn in Amerika und seinen Satellitenstaaten der Jugend nicht täglich nicht besser beigebracht würde, wie man tötet, vergewaltigt oder raubt, und wie sich die Impotenten an den Küssen anderer erregen.

 

Im Übrigen war der bürgerliche Romantizismus des 19. Jahrhunderts weder zart besaitet noch der Gewalt auf den Schlachtfeldern und Barrikaden abgeneigt. Das heutige Russland kopiert ihn zwangsläufig auf wirtschaftlichem wie auf ideologischem Gebiet. Was heißt hier schon „marxistische" Wissenschaft, Philosophie, Ästhetik?

 

Jenem Stalin (und wir sagen zum x-ten Mal, dass, aus didaktischer Konvention, Name und Person für uns nur die durchschnittlichen Faktoren eines Gesamtkomplexes symbolisieren), den uns der neapolitanische Universitätsprofessor als klassischen Ökonomen vorstellte und dem er bescheinigte, dementsprechend zu handeln, stellen wir konsequenterweise den romantischen Sozialisten Stalin zur Seite - von dem wir das halten, was der grantige und brummige Marx vom eitlen Kavalier Lassalle hielt, auch wenn uns nichts daran liegt herauszufinden, ob der große Generalfeldmarschall von einer Gräfin Hatzfeld gefördert wird und sich einem hinter Klostermauern vereinbarten Duell14 stellt.

Quellen:

„Capitalismo classico - socialismo romantico": Il programma comunista, Nr. 2, Januar 1953.

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MEW 19: Marx - Kritik des Gothaer Programms, 1875.

MEW 25: Marx - Das Kapital III, 1894.

1 Als Trägheit oder Beharrungsvermögen bezeichnet man die Eigenschaft eines Körpers, einer Änderung der Größe oder Richtung seiner Geschwindigkeit zu widerstehen. Engels bezeichnete die Inertia als „negativen Ausdruck der Unzerstörbarkeit der Bewegung" [MEW 20, S. 307]. Zur „Vis inertiae" (Trägheitskraft) siehe auch Trotzki: „Terrorismus und Kommunismus", I. Kapitel: „Das Kräfteverhältnis".

 

2 Bezieht sich auf das Geständnis (confessione): Bordiga will damit sagen, dass die ökonomische und soziale Struktur Russlands die russischen Politiker zwingen wird zuzugeben, dass der „Sozialismus" in Russland nichts anderes als Kapitalismus ist, auch wenn sie es nicht explizit formulieren.

3 Im Januar 1953 wurden 9 jüdische Ärzte verhaftet; die Anklage lautete, zwei sowjetische Politiker in Auftrag westlicher Geheimdienste vergiftet zu haben.

 

4 Epicarmo Corbino: Politiker der Partito Liberale; Industrie- und Handelsminister 1944; Mitglied der Regierung De Gasperi 1945/46, Abgeordneter bis 1953.

 

5 Siehe: „Kommunismus und menschliche Erkenntnis", Prometeo, Nr. 3-4, 1952.

 

6 quid ist das lateinische Wort für das Interrogativpronomen „was", hier als Abkürzung von „aliquid" zu verstehen - „etwas".

7 Anlass für die „Kritik" (von Marx als „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei" bezeichnet) war der Programmentwurf für die künftig vereinigte sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (Eisenacher und Lassalleaner). Der Entwurf wurde nur mit geringen Änderungen auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha 1875 angenommen und später unter der Bezeichnung „Gothaer Programm" bekannt. Die „Kritik" wurde erstmals 1891 von Engels veröffentlicht.

 

8 In der Fassung von 1881 heißt es „gesellschaftlichen".

9 Es handelt sich hier um ein im Deutschen schwer verständliches Wortspiel: „wehmütig", weil in Amortisierung das Wort „mort(e)" steckt, was tot bedeutet.

10 Siehe: „27.12.1952 - Unmittelbares Programm nach der Revolution".

 

11 Nenni: Musterexemplar eines Opportunisten, 1914 Mitglied der Republikanischen Partei, Kriegsbefürworter, dann bei den Faschisten. 1921 Mitglied der PSI. Führt nach dem II. Weltkrieg die PSI in ein Bündnis mit der KPI („Kumpan" Togliattis), das er 1956/57 wieder löst, um den Eintritt der PSI in die Mitte-Links-Regierung vorzubereiten.

12 Siehe: „Spazio contro comento" (Raum gegen Zement), Il programma comunista, Nr. 1, 1953. Er behandelt u.a. das 5. Kapitel des III. Kapitalbandes: Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals.

13 Im italienischen Original deutsch.

14 Lassalle starb 1864 in Genf nach einem Duell mit einem „abgedankten Nebenbuhler". Gräfin Hatzfeld war Anhängerin und Förderin Lassalle's.